© Reuters
Stürme

Hurrikan Maria: Mit jedem Tag mehr Schäden

Hurrikan Maria hinterließ auf Puerto Rico und weiteren Karibikinseln außerordentliche Schäden, für Dominica war er sogar die verheerendste Naturkatastrophe der Geschichte. Auf manchen Inseln dauerte es viele Wochen, bis die Infrastruktur für Strom und Wasser wieder einigermaßen funktionierte. Die Schadenschätzungen gestalteten sich äußerst schwierig.

Das Sturmsystem entwickelte sich am 16. September etwa 800 Kilometer östlich von Barbados. Innerhalb von 24 Stunden entstand daraus ein Hurrikan der Kategorie 1, der westwärts zog. Im Laufe des 18. September verstärkte sich das System innerhalb von nur 15 Stunden zu einem Sturm der Kategorie 5 mit Windgeschwindigkeiten über 250 km/h, kurz bevor das Auge genau über Dominica zog und auf dem Inselstaat schwerste Schäden hinterließ.

Gesamt- und versicherte Schäden durch Hurrikan Maria

Kompaktes System mit extremen Winden

Im Gegensatz zum gigantischen Hurrikan Irma, der nur zwei Wochen zuvor etwas nördlich die Kleinen Antillen verwüstet hatte, war Maria ein relativ kleines, aber extrem intensives System. Die höchsten Windgeschwindigkeiten traten im Radius von zehn Kilometern um das Auge auf. Auf dem – wenn auch sehr kurzen – Weg über Dominica verringerte sich die Stärke auf einen Sturm der Kategorie 4. Auf dem weiteren Weg streifte das immer noch sehr kompakte System die südwestlichen Regionen von Guadeloupe. Mit dem Sturmauge wieder über Wasser wuchs sich Maria rasch wieder zu einen Sturm der höchsten Kategorie aus. Als er am 20. September knapp an St. Croix vorbeizog, der südlichen der drei größten amerikanischen Jungferninseln, auf der etwa 50 Prozent der Bevölkerung leben, erreichten die Böen vermutlich Geschwindigkeiten um die 300 km/h. Damit war nach dem Treffer von Irma auf den nördlichen Teil mit den Inseln St. Thomas und St. John nun auch die letzte Insel der Gruppe stärksten Sturmböen ausgesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt durchlief das Sturmsystem bereits einen sogenannten „Eyewall Replacement Cycle“, bei dem sich außerhalb des Zentrums ein neuer Ring konvektiver Luftbewegung bildet. Damit wird der innere Ring der höchsten Windgeschwindigkeit vom Energienachschub abgeschnitten und löst sich auf. Als Folge nimmt zumindest für einige Zeit die Intensität des Systems ab, wohingegen sich der Radius der höchsten Windgeschwindigkeiten erweitert. So traf Maria als Hurrikan der Kategorie 4 am 20. September auf Puerto Rico. Das Windfeld war nun groß genug, dass es fast die komplette Insel bedeckte.

Für die Überquerung benötigte Maria weniger als zwölf Stunden und schwächte sich dabei auf einen Kategorie-2-Sturm ab, bevor die Intensität über Wasser wieder Kategorie 3 erreichte. Die Ausläufer des Sturms hinterließen in der Dominikanischen Republik, auf den Inseln Turks und Caicos sowie auf einigen dünnbesiedelten Inseln der Bahamas Schäden. Anschließend zog der Sturm über den Atlantik in Richtung Nordosten ab.

Sturmfeld von Hurrikan Maria

Hohe Unsicherheit bei der Schadenschätzung

Die in den ersten Wochen nach Maria veröffentlichten Schätzungen des versicherten Marktschadens variierten sehr stark und bewegten sich in einer Größenordnung zwischen 15 und 85 Mrd. US$. Diese große Bandbreite beruht auf einer Reihe von Unsicherheitsfaktoren. Dabei spielen die Ausdehnung und Abschätzung des Windfeldes und des daraus abgeleiteten Sturmflutgebiets eine große Rolle. Weil Regendaten viel zu grob in ihrer räumlichen und zeitlichen Auflösung vorliegen, lassen sich lokale Überschwemmungen bzw. Sturzfluten nicht allein durch Simulationen bestimmen. In der Regel existieren zudem keine Informationen über die lokale Bodenfeuchte. Dies dürfte bei Maria durch die vorangegangen Ausläufer von Hurrikan Irma sicher eine Rolle gespielt haben. Auch die Geländemodelle sind für lokal differenzierte Abschätzungen zu grob. Und letztlich hat man kaum Informationen darüber, ob und wo Schutzbauten wie Deiche versagt haben.

Hohe Pharmaexposition in Puerto Rico

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor bei Schadensimulationen liegt in den verwendeten Vulnerabilitätskurven. So lagen die Windgeschwindigkeiten auf Puerto Rico oberhalb der mit Schadendaten validierten Bereiche. Zudem sind gerade auf Puerto Rico mit der Pharmaindustrie Risiken betroffen, für die es wenig Schadenerfahrung gibt. Viele amerikanische und internationale Pharmafirmen haben aus Steuergründen Teile ihrer Fertigung nach Puerto Rico verlagert, von wo aus die Produkte ins Ausland verschickt werden. 2016 exportierte der zu den Außengebieten der USA gehörende Inselstaat pharmazeutische und medizinische Produkte für 14,5 Mrd. US$, was gut 72 Prozent der Gesamtexporte entsprach.

Zudem hat gerade bei Maria, aber auch bei anderen Hurrikanereignissen der Saison, die sogenannte „Post Loss Amplification“ das endgültige Schadenausmaß stark beeinflusst. So steigt mit der Anzahl der Schäden die Nachfrage nach Baumaterial und Arbeitskräften - und damit auch der Preis für diese Leistungen. In einem Jahr wie 2017, in dem gleich mehrere schwere Hurrikane über die Region zogen, verstärkt sich dieses Phänomen. Auf der anderen Seite könnte die Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit auf Puerto Rico dazu führen, dass zumindest die Arbeitskosten nicht massiv steigen werden. Überspitzt kann man sagen, dass auch Monate nach dem Abzug von Hurrikan Maria die Schadenentwicklung nicht abgeschlossen ist.

Folgeschäden durch zerstörte Infrastruktur

Ungünstig auf die Schadenentwicklung in Puerto Rico wirkten sich die relativ schleppenden Hilfsbemühungen sowie die stark zerstörte Infrastruktur aus. Mehr als einen Monat nach dem Ereignis waren immer noch ca. 80 Prozent der Kunden vom Stromnetz abgeschnitten. Eine einigermaßen intakte Infrastruktur ist aber Voraussetzung, damit überhaupt Reparaturen begonnen werden können. Je länger sich deren Start verzögert, umso höhere Folgeschäden treten z.B. durch eindringendes Regenwasser in Gebäuden auf. Die fehlende Stromversorgung beeinträchtigt außerdem die komplette Wirtschaft der Insel, was massive Schäden in der Betriebsunterbrechungsversicherung nach sich ziehen kann.

Selbst Ende November standen die Schadensummen durch den Sturm noch nicht fest. Nach vorläufigen Schätzungen liegen die Gesamtschäden bei 63 Mrd US$, die versicherten Schäden bei 30 Mrd US$. Erst wenn absehbar ist, wie lange der Wiederaufbau dauern wird, sind genauere Schadenabschätzungen möglich. Für die Zukunft werden die Ereignisse dieser Hurrikansaison und dabei vor allem von Hurrikan Maria neue Anhaltspunkte liefern, wie stark die „Post Loss Amplification“ die Schadenhöhe verändern kann.

Ganz im Gegensatz zur langwierigen Schadenermittlung hat sich bei Hurrikan Maria auch gezeigt, welche Rolle Versicherung bei der Finanzierung von Notfallmaßnahmen und Wiederaufbau spielen kann: Die CRIFF SPC, ein inzwischen 10 Jahre alter Versicherungspool, um karibischen und lateinamerikanischen Staaten nach Hurrikanen und Erdbeben schnell finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, kündigte nur Tage nach dem Sturm die Auszahlung von 19 Mio. US$ an die Regierung von Dominica an.

Further Information
Munich Re Experten
Peter Miesen
Senior Consultant Storm
Bisher keine Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar
* Pflichtfeld

Drucken
Das könnte Sie auch interessieren