© Reuters
Stürme

Hurrikan Harvey: Sintflut überschwemmt Houston

Harvey war der regenreichste tropische Wirbelsturm, der je über die USA zog. Er bescherte Teilen von Texas ein Hochwasser, wie es sich statistisch nur einmal in 1000 Jahren ereignet. Die direkten ökonomischen Schäden dürften sich auf bis zu 85 Mrd. US$ summieren, was Harvey zum zweitteuersten Hurrikan nach Katrina machen würde. Bei vielen Privathaushalten klafft eine hohe Versicherungslücke.

Der achte benannte Sturm der atlantischen Hurrikansaison 2017 entstand am 17. August östlich von Barbados aus einer Tropischen Welle. Als Tropischer Sturm zog Harvey über die Kleinen Antillen, schwächte sich infolge widriger Bedingungen in der Karibik jedoch wieder zu einem Tropischen Tiefdruckgebiet ab. Nach Überqueren der Halbinsel Yucatán gelangte er in der Bucht von Campeche in den Einfluss eines Warmwasserbereichs. Dieser hatte sich aus dem sogenannten „Loop Current“ abgespalten, einer warmen Meeresströmung zwischen Yucatán und Kuba. Die dadurch verstärkte Konvektion führte Harvey rasch neue Energie zu, so dass er sich innerhalb von 48 Stunden zu einem Hurrikan der Kategorie 4 entwickelte.

Schäden durch Hurrikan Harvey

Am 25. August traf Harvey bei Rockport in Texas auf Land. Aufgrund der vergleichsweise geringen Ausdehnung der stärksten Winde und der dünnen Besiedlung in der Landfall-Region war das Ausmaß der Sturmschäden relativ gering. Auch die Sturmflut konnte sich aufgrund der sehr schnellen Entwicklung des Sturms kurz vor Landfall nicht besonders stark aufbauen. Im weiteren Verlauf wurde der Wirbelsturm jedoch zwischen zwei Hochdruckgebieten eingeklemmt, so dass seine Vorwärtsbewegung nahezu zum Stillstand kam. Am 28. August zog das Zentrum von Harvey wieder zurück auf das Meer, bevor der Sturm am 29. August einen zweiten Landfall in Louisiana machte und sich infolgedessen dann rasch abschwächte und schließlich auflöste.

Wirbelsturm mit extremen Niederschlägen

Nach dem Landfall in Texas blieben Teile von Harveys Zirkulation über dem warmen Wasser des Golfs von Mexiko und führten große Mengen Feuchtigkeit auf das Festland. Die Niederschläge summierten sich in weiten Teilen von Südtexas auf mehr als 1000 mm. Der Spitzenwert wurde mit mehr als 1600 mm in der Nähe von Beaumont, ca. 120 Kilometer östlich von Houston gemessen. Aber auch in der texanischen Metropole fielen großflächig mehr als 750 mm Niederschlag. Harvey wurde dadurch zum regenreichsten tropischen Wirbelsturm der USA seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Wiederkehrperioden der Regenmengen lagen stellenweise im Bereich von 1000 Jahren, ein Großteil von Harris County erlebte einen mehr als 100-jährlichen Niederschlag.

Waren die Regenmassen schon außergewöhnlich, so verschärften die örtlichen Gegebenheiten die Situation zusätzlich: Das von Harvey getroffene texanische Küstengebiet ist sehr flach, zwischen Houston und der 40 Kilometer entfernten Küste an der Galveston Bay beträgt der Höhenunterschied lediglich ca. 15 bis 20 Meter. Die Flüsse in der Gegend um Houston haben nur ein schwaches Gefälle und eine geringe Abflusskapazität. Zudem liegt Houston auf Schwemmland, im Zuge von Grundwasserentnahmen senkt sich dort der Boden – stellenweise um bis zu sechs Zentimeter pro Jahr.

Windfeld Hurrikan Harvey

All dies bereitete den Boden für einen „Perfect Storm“. In den Tagen nach Landfall meldeten über 80 Pegelstationen rund um Houston Hochwasser, 42 davon schweres Hochwasser. An zahlreichen Flusspegeln wurden Rekordstände gemessen. Verschärft wurden die Überschwemmungen dadurch, dass aus einigen Stauseen Wasser abgelassen werden musste, um ein Brechen der Dämme zu verhindern. Ungefähr 25 bis 30 Prozent von Harris County standen unter Wasser.

Harvey zweitteuerster Hurrikan nach Katrina

Die fatale Kombination aus schweren und ausgedehnten Überflutungen in einer wirtschaftlich stark entwickelten Region – Houston ist mit 6,6 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der USA – verursachte enorme Schäden. Mehr als 200.000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört, über 250.000 Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen. Harvey überflutete 800 Kläranlagen. Mindestens 82 Menschen kamen uns Leben. Die Produktion von Öl und Gas in der Region musste um 25 Prozent gedrosselt werden.
 
Mit 85 Mrd. US$ an direkten Schäden ist Harvey der zweitteuerste Wirbelsturm in der Geschichte der USA nach Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Man rechnet in Texas mit Kosten von 180 Milliarden US-Dollar, um die Schäden zu beheben und künftig solche Katastrophen zu vermeiden. Demgegenüber stehen versicherte Schäden in Höhe von ca. 25 bis 30 Mrd. US$. Insbesondere bei Privathaushalten klafft eine beträchtliche Lücke zwischen versicherten und ökonomischen Schäden.

Nur eingeschränkter Versicherungsschutz

Überschwemmung ist in den USA nicht in der Standard-Wohngebäudepolice gedeckt. Hier springt das National Flood Insurance Program (NFIP) ein, das Privatpersonen einen staatlichen Versicherungsschutz bietet – wenn auch nur eingeschränkt. Das Programm ist nur verpflichtend für Immobilien, die mit einem Darlehen belegt sind und innerhalb einer 100-jährlichen Überschwemmungszone liegen. Vergleichsweise hohe Prämien stehen einem beschränkten Deckungsumfang gegenüber: Beispielsweise sind die Auszahlungen auf 250.000 US-Dollar für Gebäude und 100.000 US-Dollar für Hausrat limitiert, Kellergeschosse sind gar nicht von der Police gedeckt.
 
Aufgrund dieser nicht sonderlich attraktiven Konditionen sank die Zahl der NFIP-Policen in den letzten Jahren. In Harris County rund um Houston hat nur jeder sechste Hausbesitzer Versicherungsschutz gegen Überschwemmung. Darüber hinaus zielen die Überschwemmungszonen, für die ein NFIP-Schutz obligatorisch ist, auf reine Flussüberschwemmungen ab. Die Überflutungen durch Harvey betrafen aber überwiegend Gebiete fernab jeglicher Gewässer. Laxe Bauvorschriften taten ihr Übriges: Häuser müssen nicht erhöht gebaut werden, und auch bei der Planung von Baugebieten wurde das Überschwemmungsrisiko nicht ausreichend berücksichtigt. Im Zuge des Baubooms in Houston wurden in den letzten Jahren große Flächen versiegelt, die ansonsten zum Versickern und Abführen des Wassers und damit zur Verringerung der Überschwemmungsgefährdung beigetragen hätten.

Niederschlagsmengen

Bessere Modelle für Flutrisiken nötig

Hurrikan Harvey hat einmal mehr gezeigt, dass Überschwemmungen nicht nur einen signifikanten Anteil an den Gesamtschäden von tropischen Wirbelstürmen haben, sondern diese sogar dominieren können. Für die Versicherungswirtschaft spielten diese Schäden bislang jedoch nur eine untergeordnete Rolle, vor allem, da das Risiko – wenn überhaupt – durch das staatliche NFIP abgedeckt war. Dies spiegelt sich auch in den Möglichkeiten der Modellierung dieses Risikos wieder. Erst in den letzten Jahren wurden zahlreiche Lösungen und Tools entwickelt, die eine verbesserte Risikoeinschätzung erlauben – von der reinen Hochwasserzonierung, die für Risikoselektion und Tarifierung verwendet werden kann, bis hin zu voll probabilistischen Modellen für die Ermittlung von Schadenkumulen und Rückversicherungsbedarf. Hurrikan-Modelle simulieren allerdings nur Schäden aus Wind und Sturmflut - nicht die Schäden aus Überschwemmungen infolge von Starkregen. Das Zusammenwirken dieser drei Gefahren kann dadurch nicht adäquat abgebildet werden. Auf der anderen Seite bilden reine Überschwemmungsmodelle in der Regel tropische Wirbelstürme nicht ab, es fehlt also ein Teil der Gefährdung.
 
Sollte die Versicherungswirtschaft das Ziel haben, Überschwemmungsversicherung in den USA weiter auszubauen und damit neue Geschäftspotenziale zu erschließen, ist eine Erweiterung zumindest der Hurrikan-Modelle um die Überflutungskomponente unabdingbar.

Further Information
Munich Re Experten
Tobias Ellenrieder
Senior Consultant Flood Risks
Bisher keine Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar
* Pflichtfeld

Drucken
Das könnte Sie auch interessieren