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Betriebsrisiken

60 Jahre Schadenspiegel

1957 mit Schäden aus der Maschinenbruch- und Montageversicherung gestartet, deckt das Magazin heute ein breites Themenspektrum von der Einzelschadeninformation bis hin zur Risikoanalyse ab. Tobias Büttner, Head of Claims bei Munich Re, hat die beiden Schadenspiegel-Veteranen Detmar Heidenhain und Paul Einhell zu den Anfängen der Publikation befragt.

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Von links: Tobias Büttner, Paul Einhell und Detmar Heidenhain

Tobias Büttner: Herr Einhell, Herr Heidenhain, herzlich willkommen – wir freuen uns, heute mit Ihnen die Geschichte des Schadenspiegels in den Blick zu nehmen. Wie ist die Idee entstanden, vor 60 Jahren mit dem Schadenspiegel eine neue Publikation ins Leben zu rufen?
 
Paul Einhell: Die Maschinenbruchversicherung war in den 1950er-Jahren eine bedeutende Sparte. Aus Marketinggründen und zur Kundenakquise kamen die Gründungsväter, die damaligen Direktoren Herr Dr. Gerathewohl und Herr Waldemer, auf die Idee, den Erstversicherern etwas an die Hand zu geben, das die Notwendigkeit dieser Versicherung vor Augen führt. Eine gedruckte Publikation, die Schadenfälle auch mit Bildern illustriert und die im Gegensatz zu anderen Publikationen auch die technischen Aspekte hervorhob, wurde als ideales Medium angesehen. Ich bin erst rund sieben Jahre nach dem Ersterscheinen der Publikation zur Technikabteilung und damit zum Schadenspiegel gestoßen und kann deshalb nur eine Vermutung äußern.
 
Detmar Heidenhain: Sehr empfänglich für den Schadenspiegel waren später auch die Schadengutachter. Sie zogen aus der Publikation wertvolle Informationen für ihre Arbeit. Auch wenn zwar der Schwerpunkt anfänglich auf der Maschinenbruchversicherung lag, war das Schadenspektrum doch immer schon breiter. Es reichte von Schäden beim Brückenbau durch fehlerhaft berechnete Lehrgerüste über Probleme bei der Montage von Öltanks bis hin zu den Gefahren, die beim Befahren frisch geschütteter Böden mit Baggern entstehen.
 
Büttner: Wie häufig erschien der Schadenspiegel und wie wurde er produziert?
 
Einhell: Es gab anfangs keine festen Erscheinungstermine. Wir haben so lange gewartet, bis genügend Interessante Schadenfälle in den einzelnen Abteilungenaufgelaufen waren. Das hat manchmal länger gedauert, weil man nur abgeschlossene Schäden behandeln wollte, um nicht in laufende Verfahren einzudringen. Eine richtige Redaktion gab es zunächst nicht. Vielmehr habe ich die Publikation jahrzehntelang als Ein-Mann-Redaktionsteam verantwortet und viele Beiträge selbst geschrieben. Diese wurden dann meistens von dem Chefingenieur freigegeben. Erst viel später wurden wir journalistisch unterstützt.
 
Heidenhain: Im Lauf der Zeit haben wir dann auch versucht, die für einen Schaden zuständigen Underwriter zum Schreiben zu motivieren, und gaben ihnen die Möglichkeit, den Beitrag unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Für die Autoren war das eine gute Möglichkeit, sich im Kollegenkreis und bei den Kunden einen Namen zu machen.
 
Einhell: Über die Jahre hat sich das Erscheinungsbild des Schadenspiegels stark verändert. Kamen die ersten Ausgaben noch ganz ohne Titelbild aus, wollten wir Mitte der 1960er-Jahre die Außenwirkung der Publikation verbessern und den Titel ansprechender gestalten. So kam es 1966 zum ersten Titelbild, damals noch in Schwarz-Weiß. In den frühen 70er-Jahren wurden die Bilder farbig, und auch das hatte seinen Grund. Bei einem Feuerschaden in Österreich ließen die hohen Temperaturen die Bewehrungsstähle anlaufen. Auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme hätte man da gar nichts erkannt.
 
Büttner: Gab es damals schon eine separate Schadenabteilung oder war das noch die Zeit, in der die Bereiche Underwriting, Schaden, Risikoinspektion und Pflege der Kundenbeziehung aus einer Hand bei den Underwritern vereint waren?
 
Heidenhain: Als ich 1975 zu Munich Re kam, war es in der Technikversicherung üblich, dass Underwriter auch einzelne Schäden bearbeiteten. Es gab zwar eine Untergruppe, die sich mit Schäden befasste, aber man hat damals auch gesagt, wer das Risiko zeichnet, soll auch die Schäden abwickeln. Das hat sich später schon aus Gründen der Governance geändert. Im Bereich Haftpflicht hat man schon viel früher eine eigene Schadenabteilung etabliert.
 
Büttner: Mit welcher Art von Großschäden hatten Sie es in der Anfangszeit des Schadenspiegels zu tun?
 
Heidenhain: Die Schwerpunkte lagen im Bereich der technischen Versicherungszweige, also bei Maschinen und der Montagesicherung. Kraftwerksschäden etwa an Turbinen reichten damals in einen Bereich von 30 bis 50 Millionen D-Mark und galten damit als Großereignisse.
 
Einhell: Schäden infolge von Naturkatastrophen spielten im Gegensatz zu heute keine so große Rolle, weil sie noch wenig versichert waren. Erst als Munich Re das „Gemeinsame Büro für Elementargefahren“ Mitte der 1970er-Jahre gegründet hatte, rückten Naturgefahren stärker in den Fokus.
 
Büttner: Wie haben sich die Technischen Versicherungen im Lauf der Zeit verändert?
 
Heidenhain: In den 70er-Jahren wurde zum Beispiel die Elektronikversicherung ins Leben gerufen, als Computer und elektronisch gesteuerte Anlagen auf dem Vormarsch waren. Hier wollte Munich Re frühzeitig ein Produkt anbieten, mit dem man auf die Kunden zugehen konnte und das der Rückversicherung Chancen eröffnete. Ein weiteres innovatives Produkt war im Bereich der Kühlanlagen die DOS-Police, was für Deterioration of Stock in Cold Storage steht. Hier konnten nicht nur die Kühlgeräte, sondern auch der Verderb der Waren und Lebensmittel in den Kühlräumen als Folge eines Geräteschadens mitversichert werden.
 
Büttner: War der Schadenspiegel auch als Instrument zur Schadenverhütung gedacht?
 
Heidenhain: Durchaus, aber neben dem Schadenspiegel gab es mit den „Technischen Informationen für Underwriter“ eine weitere Publikation, die die Abteilung Technik erstellt hat. Dort waren die wesentlichen Risiken und Schadenaspekte etwa zu bestimmten Maschinen beschrieben. Die „Technischen Informationen“ hatten die Schadenverhütung zum Ziel und sollten außerdem die Underwriter beim Zeichnen von Risiken unterstützen. Bis zur Einstellung der Produktion waren diese Informationen dem Schadenspiegel als separate Publikation beigelegt.
 
Büttner: Neben Underwritern und Schadenbearbeitern spricht der Schadenspiegel auch wissenschaftliche Organisationen und Institute an. Ab wann hat sich das Magazin einem breiteren Publikum geöffnet?
 
Heidenhain: Bis Ende der 1960er-Jahre wurde der Schadenspiegel nur den Zedenten von Munich Re zur Verfügung gestellt. Erst als Herr Dr. Jannott 1969 den Vorstandsvorsitz übernahm, hat man die Praxis etwas gelockert und Forschungsinstitute, Industriefirmen, Makler sowie Sachverständige in den Verteilerkreis einbezogen. Allerdings nur nach expliziter Anfrage und Genehmigung durch Herrn Direktor Gerathewohl. In besonderen Fällen wurde sogar ein persönliches Schreiben von Vorstandschef Dr. Jannott beigelegt. Dass die Verteilung Chefsache war zeigt, welch hohen Stellenwert der Schadenspiegel im Hause genoss.
 
Büttner: Ich selbst habe den Schadenspiegel schon vor meiner Zeit in Claims gelesen und geschätzt, schlicht, weil er Versicherungsthemen in der Tiefe behandelte. Wenn Sie den Schadenspiegel heute betrachten, wie ist Ihre Gesamtbeurteilung?
 
Einhell: Er hebt sich angenehm von anderen Unternehmenspublikationen ab, indem er sich nicht auf das Anreißen von Schadenfällen beschränkt. Die Themen, das heißt die Schäden, werden in der Tiefe behandelt und geben den Experten einen Mehrwert an die Hand, den sie aus sonstigen Publikationen nur schwer oder gar nicht erhalten.
 
Heidenhain: Die Zielsetzung damals wie heute lautete, die Kunden auf Risiken aufmerksam zu machen, die in ihren Portefeuilles lauern. Zugleich wollte sich Munich Re als Partner positionieren, der die Erstversicherer nicht nur finanziell entlastet, sondern der ihnen auch bei der Schadenbeurteilung und -abwicklung mit Rat und Tat zur Seite steht. Hier leistet der Schadenspiegel auch heute wertvolle Dienste.

Further Information
Munich Re Experten
Dr. Tobias Büttner
Head of Claims bei Munich Re
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