
Jürgen Reinhart, Chief Underwriter Cyber hält im Interview mit der Börsenzeitung das Potenzial von Cyberversicherung für gigantisch - trotz einer Marktdelle. Die Branche müsse jedoch lernen, attraktiver für nichtversicherte Firmen zu werden. Dies betreffe Produkte und Vertrieb.
Munich Re hält sich angesichts niedriger Preise in der Cyberversicherung aktuell mit der Zeichnung von Risiken zurück. „Vermutlich werden wir im laufenden Jahr Prämien in etwa auf dem Niveau des Vorjahrs im Buch haben“, sagte Jürgen Reinhart, Chief Underwriter Cyber, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Dies sei aber nur eine Art Pause, betont er: „Das Potenzial ist gigantisch.“ Zudem sei das Geschäft auch aktuell attraktiv, wenn man die richtigen Risiken aussuche.
Das Marktvolumen für Cyberversicherungen in Deutschland werde in den nächsten Jahren um 15% per annum steigen, schätzt Reinhart: „Der Markt wird sich alle fünf Jahre verdoppeln, das halte ich für sehr realistisch.“ In der Vergangenheit habe er sich sogar in etwa alle drei Jahre verdoppelt. Im laufenden Jahr werde der deutsche Cyberversicherungsmarkt voraussichtlich ein Volumen von 800 Millionen Dollar aufweisen. Der Weltmarkt wird auf knapp 16 Mrd. Dollar geschätzt. Munich Re zufolge werden es im Jahr 2030 rund 28 Mrd. Dollar sein.
Marktanteil von 10 bis 15 Prozent
„Unsere Ambition ist es, so wie der Markt zu wachsen“, sagt Reinhart – wenn dieser vernünftig kalkuliere. Dabei wolle die Munich Re einen gewissen Marktanteil haben, um den Markt ausreichend beeinflussen zu können. Der Konzern ziele auf eine Bandbreite von 10 bis 15%. Im Zeitraum 2015 bis 2022 habe das Cyber-Portfolio der Munich Re um 35% jährlich zugelegt.
Die Munich Re habe für das Jahr 2025 Beitragseinnahmen von 1,7 Mrd. Dollar erzielt und sei damit Marktführer, sagt Reinhart. Jeweils die Hälfte der Beitragseinnahmen entfällt Reinhart zufolge auf die Erst- und auf die Rückversicherung. Munich Re beschäftigt rund 200 Experten ausschließlich im Feld Cyberversicherung.
Für Munich Re sei Cyberversicherung ein kalkulierbares und lohnendes Geschäft, sagt Reinhart: „Seitdem ich die Verantwortung für die Aktivitäten im Jahr 2015 übernommen habe, haben wir in jedem Jahr Profit erzielt.“ Die Botschaft an die Kunden sei, dass Munich Re auch in zehn Jahren Cyberversicherung und Cyberrückversicherung verkaufen werde. „Und wir wollen natürlich auch Marge erwirtschaften in Zukunft.“
Kapitalschwemme auf dem Markt
Die aktuelle Kapitalschwemme auf dem Cyberversicherungsmarkt erklärt Reinhart mit mehreren Faktoren. Erstens glaube er, dass einige Anbieter unterschätzten, wie viele Schäden sich erst mittelfristig realisierten: „Wir rechnen da sicherlich etwas anders.“ Ebenfalls unterschätzt würden – zweitens – die Kumulschäden, die durchaus auftreten könnten. Nach Rechnung der Munich Re müsse man 8 bis 10% der Beitragseinnahmen in die Reserven stecken, um für solche Schadenzahlungen gewappnet zu sein. Manche Anbieter rechneten sich diesen Anteil der Beiträge als Gewinn zu.
Drittens: Die Insurtechs, die einen hohen Marktanteil auf sich vereinten, ständen unter enormen Wachstumsdruck. Sie verkauften ihre Beratungsleistungen verstärkt als Beiprodukt einer Versicherungspolice. Dabei seien sie häufig von Venture Capital finanziert, und aus deren Sicht zähle weniger die Profitabilität, sondern die Größe zum Zeitpunkt des anvisierten Exits. Statt neue Kunden auf eigenen, innovativen Wegen zu erreichen, werde von den Insurtechs meist versucht, durch niedrige Preise mit den traditionellen Versicherern, um Bestandsgeschäft zu konkurrieren
Letztlich spielt aus Sicht von Reinhart auch eine Rolle, dass Versicherer mit ihren Kapazitäten auf den Cybermarkt ausweichen, weil andere Kundensegmente weniger attraktiv seien. Zudem könnten Anbieter, die früher an Wachstumsraten von 35% gewöhnt waren, bei sinkenden Raten verleitet sein, auf eine Expansion von 40 bis 50% zu zielen.
Allerdings drehe sich der Markt teilweise, betont Reinhart: „Es gibt einige prominente Marktteilnehmer, nach deren Meinung der US-Markt für Versicherte nicht mehr attraktiv ist.“ Daher glaube er, dass die dortigen Raten nicht mehr sänken – wenngleich er ein Anziehen der Preise noch nicht prognostizieren möchte. Weil die Raten in Europa einst später als in den Vereinigten Staaten gesunken seien, werde sich dieser Markt voraussichtlich zeitversetzt stabilisieren. Allerdings seien die Marktbedingungen für Versicherer auch immer noch attraktiver als in den USA. Zudem gelte: „Alles ändert sich, wenn es einen wirklich großen Schaden gibt.“
Cyberkriminelle greifen bevorzugt die Kleinen an
Für Reinhart verblüffend: Dass viele Firmen und Privatpersonen die Möglichkeit einer Cyberversicherung noch nicht auf dem Radarschirm haben: „Das ist eines der größeren Probleme, die wir in der weltweiten Cyberversicherung haben.“ Dabei hätten in der Studie „Munich Re Global Cyber Risk and Insurance Survey 2026“ mit rund 9.500 Beteiligten aus 20 verschiedenen Märkten 89% der Befragten auf Management-Level erklärt, sie seien nicht ausreichend geschützt gegen Cyberrisiken.
Die Schlussfolgerung aus Sicht von Reinhart: Der Bedarf an zusätzlichen Deckungen ist vorhanden. Darauf deute auch hin, wie gering die Cyber-Beitragseinnahmen des Gesamtmarktes bisher seien. In Deutschland beliefen sie sich auf 0,5% der Gesamtprämie in der Schaden- und Unfallversicherung, und sogar in den USA liege der Anteil unter 1%: „Das Potenzial ist enorm.“
Der Mittelstand in Deutschland sei davon besonders betroffen, ist Reinhart überzeugt. Denn in der Öffentlichkeit seien meist die spektakulären Fälle großer Firmen in der Diskussion. In der Realität gerieten aber vor allem vergleichsweise kleine Unternehmen mit einem Umsatz von weniger als 50 und meist weniger als 10 Mill. Euro in den Fokus von Cyberkriminellen: „Rund 70% aller Cyberangriffe richten sich auf Firmen dieser Größenordnung.“
Mittelstand will andere Produkte
Angesichts des Bedarfs müssen sich die Versicherer allerdings nach Meinung von Reinhart an die eigene Nase fassen: „Wir schaffen es nicht wirklich, diejenigen anzusprechen, die heute noch keine Deckung haben.“ Als eine Ursache hat Reinhart ausgemacht, dass das Produkt unter Umständen insbesondere für Mittelständler nicht attraktiv genug sei. Sie benötigten einen ganz anderen Schutz als Großunternehmen – weniger umfangreich und damit auch günstiger: „Wir sind wahrscheinlich mit zu komplexen Produkten unterwegs, für die wir naturgemäß höhere Prämie verlangen.“
Die zweite Ursache: „Makler und Agenten tun sich noch schwer, dieses Produkt zu verkaufen.“ So habe in der Munich-Re-Umfrage ein Drittel der Befragten erklärt, ihnen sei nie eine Cyberversicherung angeboten worden.
Ein weiteres Sechstel habe erklärt, sie wüssten nicht, ob es eine Offerte gegeben habe.
Auch Privatpersonen mit Bedarf
Offensichtlich sei das Produkt noch nicht attraktiv genug für den Vertrieb. Dabei geht es nach Beobachtung des Cyber-Experten weniger um die Provision, sondern um die Befürchtung, gegenüber den Kunden nicht auskunftsfähig zu sein – beispielsweise zum Umfang der Abdeckung in speziellen Fällen: „Das kann in dem Sinne rufschädigend für den Vertrieb sein, dass es so aussieht, als habe er keine Ahnung von seinen Produkten.“
Auch Privatpersonen hätten Bedarf, sagt Reinhart. Die Munich Re erwirtschafte ein Zehntel ihrer Cyber-Beitragseinnahmen in diesem Bereich Personal Lines, und zwar mit niedriger Schadenquote. Potenzial gebe es vor allem im asiatischen Markt, in dem die Menschen viele digitale Dienste nutzten – mit einem entsprechend hohen Cyberrisiko. Trotzdem gebe es beispielsweise in China eine geringe Deckung. Sie addiere sich vermutlich im gesamten Land inklusive Firmenkunden auf nur rund 200 Mill. Dollar.
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