Warum europäische Unternehmen ihr Haftungsrisiko in den USA neu bewerten sollten

Ein kürzlich ergangenes US-Geschworenenurteil, bei dem nach einem tödlichen Lkw-Unfall eine Entschädigung von mehr als US$ 600 Mio. zugesprochen wurde, hat erneut das Ausmaß der Haftungsrisiken verdeutlicht, denen Unternehmen in den Vereinigten Staaten ausgesetzt sein können. Was diesen Fall besonders bemerkenswert macht, ist, dass sich die Haftung nicht auf den am Unfall beteiligten Fahrer und das Transportunternehmen beschränkte. Auch der Frachtmakler wurde für haftbar befunden, obwohl er argumentierte, dass er den Fahrer nicht beschäftigt habe und ein Transportunternehmen ausgewählt habe, das über eine zufriedenstellende Sicherheitsbewertung verfügte.
Für Risikomanager ist die Botschaft klar: Im US-amerikanischen Rechtssystem kann sich die Haftung weit über die direkt an einem Vorfall beteiligte Partei hinaus erstrecken. Fragen zur Überwachung von Auftragnehmern, zur Unternehmensführung, zu Entscheidungsprozessen, zur Dokumentation und zum Marketing können ebenso wichtig werden wie die Fakten des Vorfalls selbst. „Nuclear Verdicts“, also Geschworenenurteile in Höhe von mehr als US$ 10 Mio., gehören nach wie vor zu den bedeutendsten Trends im Bereich der Haftpflichtrisiken, von denen Unternehmen mit geschäftlichem Engagement in den Vereinigten Staaten betroffen sind. Zwar haben diese Urteile ihren Ursprung im US-Rechtssystem, doch reichen ihre Auswirkungen weit über Unternehmen mit Hauptsitz in den USA hinaus. Jedes Unternehmen mit Geschäftstätigkeiten, Standorten, Produkten, Mitarbeitern, Geschäftsbeziehungen oder Kunden in den Vereinigten Staaten sollte sich der potenziellen Risiken bewusst sein.
Risiko auch ohne Hauptsitz in den USA
Viele Unternehmen glauben nach wie vor, dass „Nuclear Verdicts“ in erster Linie ein Problem für US-Unternehmen sind. Diese Annahme kann zu einem gefährlichen blinden Fleck führen.
Ein Unternehmen muss seinen Hauptsitz nicht in den Vereinigten Staaten haben, um in einen US-Rechtsstreit verwickelt zu werden. Eine Produktionsstätte, eine lokale Tochtergesellschaft, ein Vertriebspartner, ein Auftragnehmer, ein Firmenfahrzeug, ein auf dem US-Markt verkauftes Produkt oder sogar eine relativ begrenzte geschäftliche Präsenz können zu einer Exposition gegenüber dem US-Rechtssystem führen. Was zunächst wie ein lokaler Vorfall erscheint, kann sich schnell zu einem Haftungsfall in Millionenhöhe entwickeln.
Je größer das Unternehmen, desto größer das potenzielle Risiko. Klägeranwälte schaffen es oft, das Bild zu vermitteln, dass große Konzerne Gewinne über Menschen stellen. Wenn dieses Argument bei einer Jury Anklang findet, können Urteile rasch außergewöhnliche Höhen erreichen.
Das Risikoumfeld entwickelt sich weiter
Die Faktoren, die zu „nuklearen Urteilen“ führen, sind nach wie vor sehr präsent. Klägeranwälte verfolgen weiterhin immer ausgefeiltere Prozessstrategien. Die Prozessfinanzierung durch Dritte ist zu einem festen Bestandteil der Rechtslandschaft geworden. Die Schadeninflation übersteigt in vielen Casualty-Bereichen weiterhin die wirtschaftliche Inflation, und die Prozesskosten steigen weiter an.
Gleichzeitig wird die US-amerikanische Prozesslandschaft immer unvorhersehbarer. Auch in Bundesstaaten und Gerichtsbezirken, die zuvor als relativ wirtschaftsfreundlich galten, werden mittlerweile erhebliche Geschworenenurteile gefällt. Dies macht es für Unternehmen zunehmend schwieriger, das potenzielle Schadensausmaß allein anhand der geografischen Lage einzuschätzen.
„Nuclear Verdicts“ nehmen sowohl an Häufigkeit als auch an Schwere weiter zu
Die neuesten Zahlen des Marathon Strategies Report unterstreichen das Ausmaß dieses Trends. Im Jahr 2025 führten fast 200 Klagen gegen Unternehmen zu Urteilen in Höhe von mindestens US$ 10 Mio., was einem Anstieg von mehr als 40 % gegenüber 2024 entspricht und die höchste seit Beginn der Analyse im Jahr 2009 verzeichnete Jahreszahl darstellt. Mehr als 40 Urteile lagen über US$ 100 Mio. Obwohl dieser Wert leicht unter dem von 2024 lag, blieb er deutlich über dem Niveau von 2023.
Da viele der zugrunde liegenden Faktoren weiterhin bestehen, dürften sowohl die Häufigkeit als auch die Schwere hoher Urteile ein erhebliches Problem bleiben.
Soziale Medien fügen dem Ganzen eine weitere Dimension hinzu. Öffentliche Berichte über einen Vorfall können sich innerhalb weniger Stunden weltweit verbreiten, oft lange bevor das Gerichtsverfahren abgeschlossen ist. Unternehmen können dadurch zugleich unter rechtlichen, reputativen und interessenbezogenen Druck geraten.
Anwälte der Kläger nutzen zudem soziale Medien, um potenzielle Kläger schneller und in viel größerem Umfang zu erreichen, als dies durch herkömmliche Fernseh- oder Zeitungskampagnen möglich war. Dies kann zu häufigeren Schadenersatzforderungen beitragen.
Soziale Medien können auch die Schadenshöhe beeinflussen. In einem aktuellen Fall, bei dem ein junger Mensch auf einem Fahrgeschäft ums Leben kam, verbreitete sich ein Video des Vorfalls weitreichend im Internet. Die Jury sprach der Familie des Opfers 310 Mio. US-Dollar zu. Zwar lässt sich der Einfluss des Videos auf das Urteil nicht isoliert bestimmen, doch seine anhaltende Verfügbarkeit und weite Verbreitung bildeten Teil des größeren Kontexts, in dem der nicht-wirtschaftliche Schaden der Familie berücksichtigt wurde.
Ein aktueller Fall liefert wichtige Erkenntnisse
Das jüngste Urteil im Transportwesen in Höhe von US$ 604 Mio. verdeutlicht, warum Risikomanager über die unmittelbare Ursache eines Vorfalls hinausblicken sollten.
Öffentlich zugänglichen Informationen zufolge war an dem Unfall ein Spediteur beteiligt, dessen Sicherheitsbewertung bislang zufriedenstellend gewesen war. Dennoch wurden im Laufe des Verfahrens Fragen hinsichtlich der Auswahl des Spediteurs, früherer Sicherheitsbedenken und der vor dem Zusammenstoß getroffenen Entscheidungen aufgeworfen. Die Jury wies letztendlich einen erheblichen Teil der Verantwortung Parteien zu, die über den Fahrer hinausgingen.
Jeder Fall ist einzigartig und kann angefochten werden. Die allgemeine Erkenntnis ist jedoch branchenübergreifend relevant. Kläger versuchen zunehmend, den Umfang der Haftung auszuweiten, indem sie nicht nur untersuchen, was geschehen ist, sondern auch, wie Unternehmen Lieferanten ausgewählt, Auftragnehmer gemanagt, Entscheidungen dokumentiert und Kontrollmaßnahmen umgesetzt haben.
Für Risikomanager unterstreicht dies, wie wichtig es ist, Risiken durch Dritte zu verstehen und sicherzustellen, dass Steuerungs- und Kontrollstandards auch entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette eingehalten werden.
Aufkommende Haftungsrisiken verdienen Beachtung
Risikomanager sollten sich nicht nur auf etablierte Schadensrisiken konzentrieren. Sie sollten auch aufkommende Haftungstrends beobachten, die das Potenzial haben, künftige Rechtsstreitigkeiten zu prägen.
Ein aktuelles Beispiel sind Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit hochverarbeiteten Lebensmitteln (Ultra-Processed Food, UPF). Ob sich daraus ein großes Massenhaftungsrisiko entwickelt, bleibt ungewiss. Die Kombination aus sich weiterentwickelnder wissenschaftlicher Forschung, Bedenken hinsichtlich der öffentlichen Gesundheit, behördlicher Kontrolle und zunehmend koordinierten Aktivitäten der Kläger verdeutlicht jedoch, wie schnell sich neue Haftungsnarrative formen können.
Aktuelle Fälle zeigen zudem, wie sich Prozessstrategien weiterentwickeln können. Wo Ansprüche aufgrund individueller Personenschäden auf erhebliche Kausalitätshürden stoßen, könnten Kläger und Behörden zunehmend auf alternative Rechtsgrundlagen wie irreführende Werbung, Verbraucherschutz oder öffentliche Belästigung zurückgreifen. Dies könnte den Umfang von Rechtsstreitigkeiten potenziell über individuelle Schadensersatzansprüche hinaus erweitern.
Für Risikomanager ist UPF daher weniger eine Vorhersage des nächsten großen Massenverfahrens als vielmehr ein Beispiel für eine Frühwarnung. Zu den Entwicklungen, die es zu beobachten gilt, gehören sich abzeichnende regulatorische Definitionen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, Durchsetzungsmaßnahmen der Regierung, Rechtsstreitigkeiten, die sich gegen Marketingpraktiken richten, sowie Versuche, Ansprüche über verschiedene Gerichtsbarkeiten hinweg zu koordinieren.
Was können Risikomanager jetzt tun?
- Der erste Schritt ist das Bewusstsein.
Unternehmen müssen ein klares Verständnis davon haben, wo und wie sie dem US-amerikanischen Rechtsumfeld ausgesetzt sind. Dazu gehört die Überprüfung von Betriebsabläufen, Lieferketten, Auftragnehmern, Produkten, Kunden, Geschäftsbeziehungen und Marketingpraktiken, insbesondere wenn Produkte und Dienstleistungen für Kinder oder andere schutzbedürftige Gruppen bestimmt sind. - Der zweite Schritt ist die Prävention.
Unternehmen sollten interne Richtlinien, Sicherheits-, Steuerungs- und Kontrollstandards sowie ihre Unternehmensgrundsätze regelmäßig überprüfen. Robuste Verfahren sind wichtig, aber eine konsequente Umsetzung ist noch wichtiger.
Eine der schädlichsten Aussagen, die eine Jury hören kann, lautet: „Das Unternehmen hat nicht einmal seine eigenen internen Richtlinien befolgt.“
Aus diesem Grund sollten Unternehmen sicherstellen, dass interne Standards realistisch sind, konsequent angewendet und ordnungsgemäß dokumentiert werden. - Der dritte Schritt ist die Vorsorge.
Sobald ein Vorfall eintritt, kann frühzeitiges Handeln einen entscheidenden Unterschied machen. Ein effektives Schadenmanagement, eine starke Koordination und der Zugang zu erfahrener lokaler Expertise können Unternehmen dabei helfen, sich in einem hochkomplexen rechtlichen Umfeld zurechtzufinden.
Risiken erkennen, bevor aus einem Schadenfall eine Krise wird
Es ist unwahrscheinlich, dass europäische Gerichte „Nuclear Verdicts“ in dem in den Vereinigten Staaten beobachteten Ausmaß fällen werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass europäische Unternehmen vor deren Auswirkungen gefeit sind. Für Unternehmen mit Engagement in den USA ist die relevantere Frage, ob sie verstehen, wo Haftungsrisiken entstehen können, und ob sie darauf vorbereitet sind, entsprechend zu reagieren, wenn dies geschieht.
„Nuclear Verdicts“ sind nach wie vor eine eindringliche Mahnung daran, dass rechtliche, betriebliche, rufbezogene und gesellschaftliche Faktoren mittlerweile eng miteinander verflochten sind. Unternehmen, die Schwachstellen proaktiv identifizieren, Annahmen hinterfragen und sich abzeichnende Haftungstrends beobachten, sind besser aufgestellt, um mit Unsicherheiten in einem zunehmend komplexen Umfeld von Schadensrisiken umzugehen.
Experte