Hagel, Tornados, Sturzfluten
Risiken durch Schwergewitter nehmen zu
Schäden durch Schwergewitter haben sich seit Anfang der 2000er Jahre vervielfacht. Hagel, starke Windböen, Tornados, Starkniederschläge und Blitze sind die wesentlichen Gefahren. Schnell erreichen die Schäden Milliardenhöhe. Versicherer tun gut daran, das Risiko genau zu kennen: Die Schäden steigen durch die zunehmenden exponierten Werte ohnehin deutlich, und der Klimawandel verstärkt die Gefahr zusätzlich. In Industrieländern ist ein großer Teil der Gewitterschäden versichert, etwa bei Hagel.
Die Zahlen sprechen für sich, denn selbst bereinigt um die Inflation ist der sprunghafte Anstieg der Schäden drastisch: In den vergangenen zehn Jahren verursachten Schwergewitter im Schnitt weltweite Schäden von 58 Mrd. US$ (inflationsbereinigt). In den zehn Jahren ab dem Jahr 2000 waren es im Durchschnitt dagegen noch etwa 13 Mrd. US$. Ähnlich sprunghaft sind die versicherten Schäden in die Höhe gegangen.
Für den größten Teil des Schadenanstiegs sind die wachsenden Werte verantwortlich, die getroffen werden können: Gebäude, Betriebe oder Infrastruktur befinden sich nun, wo früher mitunter Wiese oder Wald war. Häuser werden größer, Infrastruktur teurer, es gibt mehr und größere Fahrzeuge. Der Klimawandel erledigt den Rest: Eine um 1°C wärmere Atmosphäre kann 7% mehr Wasserdampf aufnehmen. Eine wärmere Atmosphäre verstärkt damit den Wasserkreislauf, was insbesondere die Intensität von Starkniederschlägen und das Potenzial für intensivere Gewitter erhöht.
Generell ist davon auszugehen, dass mit schwereren Gewittern durch die stärkere Konvektion auch die Wahrscheinlichkeit von großen Hagelkörnern zunimmt. Gleichzeitig führt die Erwärmung dazu, dass Hagel auf dem Weg zum Boden stärker schmilzt. Schwächere Hagelschläge kommen deshalb seltener vor, während der Anteil von Unwettern mit schadenträchtigem großen Hagel steigt.
Eine neue Studie* geht davon aus, dass die Schäden durch Hagelschläge bis Ende des Jahrhunderts weltweit um bis zu über 40% zunehmen könnten, abhängig von den verschiedenen Klimaszenarien. Die Häufigkeit von Hagelschlägen mit größeren Hagelkörnern (über 3 cm) könnte um bis zu die Hälfte steigen. Besonders stark dürfte das Risiko in den Mittleren Breiten wachsen, wie zum Beispiel Europa und Teilen Nordamerikas. In tropischen oder Monsunregionen dagegen dürfte es sinken.
~1.100 Mrd. US$
Schäden durch Schwergewitter weltweit 1980-2025
(inflationsbereinigt, davon >70% in den USA)
Der weltweit größte Anteil der Schäden durch schwere Gewitter entfällt auf die USA, die mehr als 80 % der globalen versicherten Verluste ausmachen. Auch in Europa haben die Schäden in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, wenngleich regional unterschiedlich und insgesamt auf niedrigerem Niveau. Australien zählt ebenfalls zu den relevanten Regionen für Schwergewitterrisiken, während in vielen Teilen Asiens vor allem aufgrund geringerer Versicherungsdurchdringung bislang niedrigere versicherte Schäden verzeichnet werden.
Schwere Gewitter können praktisch überall auftreten. Und genau darin liegt die Herausforderung: Denn wo sie sich entladen, ist allenfalls kurzfristig vorhersagbar. Allerdings lassen sich Gebiete identifizieren, die ein besonders hohes Gewitterrisiko aufweisen. Bei Ballungszentren in diesen Regionen liegen die Schadenpotenziale oft in Milliardenhöhe.
Die Schadenpotenziale von Schwergewittern wachsen sprunghaft – nicht nur durch den Klimawandel. Insbesondere die Gefährdung durch extreme Hagelschläge wird unterschätzt. Die Risiken steigen, weil die Schwergewitter zerstörerischer werden und immer weiter steigende Werte den Risiken ausgesetzt sind.
Die Schadenquellen bei Schwergewittern
Zu den wichtigsten Schadenursachen bei schweren Gewittern zählen Hagel als dominanter Treiber, sowie Tornados, schwere Sturmböen und Starkregen, der häufig zu lokalen Überschwemmungen führt.
1. Hagel
Hagelschläge gelten als der größte Schadentreiber bei starken Gewittern. Gebäude und Infrastruktur sind gerade bei schweren Hagelereignissen sehr schadenanfällig. Photovoltaikanlagen, Gebäudedämmung sowie Außenjalousien tragen zu den steigenden Schäden bei, weshalb Maßnahmen zur Vermeidung von Schäden unbedingt nötig sind. Ein sehr großer Anteil der Schäden entfällt häufig auf Fahrzeuge. Ab einer Hagelgröße von 5 cm besteht für Menschen Verletzungs- oder sogar Lebensgefahr.
2. Sturzfluten und lokale Hochwasser
Starkniederschläge als Folge von schweren Gewittern können ebenfalls zu extremen Schäden führen. Wie schnell, wo und in welchem Ausmaß Starkniederschläge zu Sturzfluten und Überschwemmungen führen, hängt vom Einzugsgebiet ab. Faktoren wie steiles Gelände oder geringes Wasserspeichervermögen durch befestigte und bebaute Flächen erhöhen das Risiko von Sturzfluten nach starken Niederschlägen.
Sind nach wiederholten Niederschlägen die Böden durchnässt, können an Hängen zudem Erdrutsche auftreten. Wenn mitgerissenes Treibgut Durchlässe verstopft, staut sich das Wasser vor dem Hindernis – gibt dieses dann nach, entsteht eine zerstörerische Flutwelle.
Die Animation zeigt Strömungsprozesse in einem Tornado und in seinem Umfeld
3. Tornados
Tornados sind die Stürme mit den höchsten Windgeschwindigkeiten der Welt. Am Rand eines Tornadorüssels kann die Windgeschwindigkeit bis an 500 km/h heranreichen. Zwar sind sie mit einer Größe zwischen weniger als 100 Metern bis wenigen Kilometern räumlich stark begrenzt, hinterlassen jedoch sehr zerstörerische Schadenschneisen. Sie entstehen meist in besonders kräftigen Gewitterzellen, den so genannten Superzellen.
Weltweit entstehen diese Stürme vor allem in den klimatisch gemäßigten Regionen wie den USA. Dort gibt es viele dieser Stürme insbesondere im Mittleren Westen und entlang der berüchtigten Tornado Alley, die sich in etwa parallel zu den Rocky Mountains von South Dakota und Iowa im Norden bis nach Texas im Süden erstreckt.
Regionale Betrachtungen:
Gewitterschäden in den USA haben sich versechsfacht
Der allergrößte Teil der weltweiten Gewitterschäden entsteht in den USA: 75% der inflationsbereinigten Gesamt- und sogar 81% der versicherten Schäden seit 2000. In den vergangenen 5 Jahren verursachten schwere Gewitter in den USA im Durchschnitt jährliche Gesamtschäden von 52 Mrd. US$, sechsmal so viel wie im Jahresdurchschnitt Anfang der 2000er-Jahre. Bei den versicherten Schäden ist das Bild ähnlich: In den vergangenen fünf Jahren betrugen die Jahresschäden, die Versicherer bezahlten, im Schnitt gut 39 Mrd. US$, siebenmal so viel wie zum Beginn der 2000er-Jahre.
Das bedeutet: Eine Vielzahl vermeintlich kleinerer, regional begrenzten Ereignisse wie Gewitter verursachen mittlerweile jedes Jahr zusammen Schäden wie ein extrem zerstörerischer Hurrikan. Schwere Gewitter sind in den USA deshalb neben Hurrikanen in der Summe das wichtigste Unwetterrisiko für die Versicherungswirtschaft, und auch ein enormer Treiber der gesamtwirtschaftlichen Schäden.
In den USA werden Schwergewitter durch eine geografische Besonderheit begünstigt: Als einziger Kontinent reicht Nordamerika von den Tropen bis zur Arktis, ohne dass ein Gebirgszug von West nach Ost im Weg steht. Dadurch können im Zentrum des Kontinents östlich der Rocky Mountains verschiedene Luftmassen ungehindert aufeinandertreffen: Feuchtwarme Luft aus dem Golf von Mexiko, kalte trockene Luftmassen aus Kanada und warme, trockene Luft aus dem Südwesten der USA – die ideale Voraussetzung für das Entstehen von schweren Gewittern, die oft schweren Hagel oder Tornados mit sich bringen.
Von den Gewitterschäden in den USA entfallen rund zwei Drittel auf Hagelschläge – und das Risiko steigt. Durch den Klimawandel dürften Unwetter mit sehr großen Hagelsteinen tendenziell zunehmen, während leichte Hagelschläge vermutlich seltener werden. Eine neue Studie** rechnet damit, dass Hagelschläge mit mehr als 4 cm großen Körnern in den USA je nach Klimaszenario bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 75% zunehmen – bei ungünstigeren Szenarien sogar noch stärker.
Eine andere Studie***, an der Munich Re mitgewirkt hat, kam zu dem Schluss, dass es Regionen mit abnehmender Tendenz von schweren Hagelschlägen gibt, so etwa in den südlichen Great Plains, während sie anderswo zunehmen. Insgesamt scheinen sich schweren Hagelschläge mehr in Richtung Osten der USA zu verlagern, wo sie deutlich zunehmen dürften. Und dort gibt es sehr viel mehr Städte und Ballungsräume als weiter westlich in den Great Plains – das Schadenrisiko steigt also. Die Studie kam auch zu dem Schluss, dass die enorme Zunahme der Hagelschäden in den USA vor allem an den steigenden exponierten Werten liegt, und eher weniger am Klimawandel. Zweitgrößter Schadentreiber bei Gewittern in den USA nach Hagel sind starke Windböen, die sehr häufig sind und Milliardenschäden auslösen können.
Da in den USA ein sehr hoher Anteil der Gewitterschäden versichert ist, sind Schwergewitter eine Herausforderung auch für Versicherer. Ihre Risikomodelle müssen Änderungen bei der Exponierung und Effekte des Klimawandels konsequent berücksichtigen, um den versicherten Risiken einen angemessenen Preis zu geben. Prävention ist enorm wichtig, weshalb Munich Re auch seit langem das Insurance Institute for Business and Home Safety (IBHS) unterstützt. Das IBHS forscht unter anderem an Baustoffen, die widerstandsfähiger gegen Hagel oder Sturmböen sind.
Schwere Hagelschläge nehmen bei Gewittern in Europa deutlich zu
In Europa steigen Schäden bei schweren Gewittern ebenfalls drastisch. Der Einfluss des Klimawandels ist hier stärker als in anderen Regionen, auch wenn der Schadentrend ebenfalls überwiegend von den steigenden exponierten Werten bestimmt wird. In den vergangenen 25 Jahren haben sich die Gesamtschäden im 5-Jahres-Durchschnitt beinahe vervierfacht auf rund 9,2 Mrd. US$ im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Die durchschnittlichen versicherten Schäden sprangen sogar fast auf das sechsfache in die Höhe – im Schnitt von 2021 bis 2025 waren es rund 6,1 Mrd. US$.
Im bisher teuersten Schwergewitterjahr 2023 erreichten die Schäden in europäischen Ländern den Rekordwert von 17 Mrd. US$ (inflationsbereinigt), davon waren knapp 13 Mrd. US$ versichert. Insbesondere Gewitterstürme im Alpenraum und am Mittelmeer trugen dazu bei. In Norditalien wurden damals bei einem schweren Gewitter bis zu 19 cm große Hagelkörner entdeckt, die Schäden waren enorm. Nach Jahren mit immer weiter steigenden Gewitterschäden fielen die vergangenen beiden Jahre dann wieder weniger kostspielig aus, was die Volatilität des Schadenrisikos im direkten Jahresvergleich belegt.
Munich Re hat in den vergangenen Jahren an mehreren wissenschaftlichen Studien mitgewirkt, um das Risiko von schwerem Hagel zu bewerten und transparenter zu machen.
Einer dieser Studien zufolge ereignen sich schwere Gewitter mit kostspieligen Hagelschlägen in Europa am häufigsten in Südfrankreich, Ostspanien, den Ländern des Alpenraums und den Balkanstaaten. Dabei hat insbesondere in Norditalien, Österreich, Kroatien und in weiter südlich gelegenen Balkanstaaten die Anzahl der Hagelgewitter in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen.
Die schon erwähnte weltweite Hagelstudie*** attestierte Europa sogar den weltweit stärksten Anstieg von schweren Hagelschlägen. Die Studie fand dabei auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Schadenereignissen und den Effekten des Klimawandels. So hat in Norditalien die Anzahl von Gewittern im Betrachtungszeitraum von 1950-2023 zwar leicht abgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Gewitter schadenträchtigen sehr großen Hagel mit sich bringen, ist aber um fast 80% gestiegen.
Und der Trend zu mehr schweren Hagelschlägen in Europa wird anhalten: Selbst bei einem moderaten Klimaszenario (Erwärmung um etwa 2,4°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) dürften schadenträchtige Hagelstürme mit sehr großen Hagelkörnern (>5cm) bis Ende des Jahrhunderts beinahe in ganz Europa um 30 bis 40% zunehmen, so das Ergebnis einer weiteren Studie unter Mitwirkung von Munich Re****. In Norditalien, den Balkanländern und entlang der französischen und spanischen Mittelmeerküste – schon jetzt allesamt Hagel-Hot-Spots – könnte die Zunahme sogar noch deutlich stärker ausfallen.
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