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Gotthard-Basistunnel – Sechs Fragen zum Risikomanagement

Knapp 17 Jahre nach Baubeginn wird am 1. Juni 2016 der Gotthard-Basistunnel feierlich eingeweiht. Heiko Wannick, Tunnelbau-Experte von Munich Re, spricht über die Erfolgsfaktoren für Tunnelprojekte dieser Größenordnung.

01.06.2016

Worin bestanden die größten Herausforderungen beim Bau?

Zunächst mal: Herzliche Glückwünsche an Alptransit und an alle Beteiligten zur Fertigstellung dieses einzigartigen und bahnbrechenden Infrastrukturprojekts! Das Projekt hatte einen prototypischen Charakter mit vielen Unwägbarkeiten. Noch nie wurde im Hochgebirge ein Tunnelbauprojekt dieser Größenordnung ausgeführt, mit extremen Anforderungen an die Baulogistik. Aufgrund der Länge von 57 Kilometern wurde der Tunnel in mehrere Baulose aufgeteilt. Millionen Kubikmeter Abraum mussten von unterschiedlichen Punkten entsorgt werden. Bautechnisch standen die Ingenieure vor der Aufgabe, mit den hohen Überdeckungen von bis zu 2300 Metern zurechtzukommen, was nur eine begrenzte Zahl von Probebohrungen zur Baugrunderkundung zuließ. Insgesamt kann man aber sagen, dass trotz gelegentlich auftretender Probleme sowohl beim Vortrieb mit den Tunnelbohrmaschinen als auch beim Sprengvortrieb das Projekt insgesamt äußerst erfolgreich ausgeführt wurde. 

Worauf müssen Betreiber, Baufirmen und Versicherer beim Tunnelbau besonders achten?

Ganz wichtig ist, dass der Bauherr ein erfahrenes Projektmanagementteam zur Verfügung hat. Die Aufträge sollten an kompetente Unternehmer vergeben werden die in früheren Projekten nachgewiesen haben, solche Bauvorhaben termin- und kostengerecht sowie qualitativ hochwertig ausführen zu können. Arbeitsschutz, Qualitäts- und Risikomanagement sollten höchsten Anforderungen genügen und bereits bei den Vorabplanungen berücksichtigt werden.   Unabdingbar ist zudem ein erprobtes und faires Vertragskonzept zwischen Bauherr und den beteiligten Bauunternehmen, um Rechtsstreitigkeiten bei Nachträgen zu vermeiden. Manche Baufirmen suchen während der Angebotsbearbeitung bewusst nach Schwachpunkten im Vertragswerk. Nach Abgabe eines sehr günstigen Angebots bekommen sie den Zuschlag und versuchen später, durch zahllose Nachträge auf ihre Kosten zu kommen. Diese Strategie kommt in den vergangenen Jahren verstärkt zur Anwendung, und immer öfter landen Bauprojekte dann vor Gericht. Manche Bauherren wiederum versuchen, möglichst viele Risiken auf die Baufirma abzuwälzen. Besonders problematisch wird das, wenn ein Festpreisvertrag abgeschlossen wird und das Baugrundrisiko von der Baufirma übernommen wird. Treten unvorhergesehene Baugrundbedingungen ein, was im Tunnelbau häufig der Fall ist, sind oftmals Mehrkosten und Zeitverzögerungen die Folge. Hier kommt das „Magische Dreieck des Bauwesens“ ins Spiel: Wenn von den drei wichtigsten Faktoren Zeit, Budget und Qualität nur einer aus dem Ruder läuft, sind meistens die beiden anderen auch betroffen.   Für Versicherer ist schließlich noch entscheidend, auf ein eindeutiges Policenwording zu achten. Je klarer die Bestimmungen formuliert sind, desto eher ist eine korrekte und faire Schadenregulierung wahrscheinlich. Vage oder widersprüchliche Formulierungen führen hier zwangsläufig zu Auslegungsunsicherheiten die im Extremfall vor Gericht entschieden werden müssen. Selbstverständlich achten wir auch bei solchen Projekten auf die Einhaltung der „Principles for Sustainable Insurance“ und der einhergehenden ökologischen, sozialen und governance Faktoren (sogenannte ESG-Faktoren).

Wie kann man gewährleisten, dass das Risikomanagement nicht unter engen Zeitplänen und knappen Budgets leidet?

Risikomanagement heißt, dass man alle Risiken – seien sie technischer, finanzieller oder politischer Natur – identifiziert und so weit wie möglich mitigiert. Für jedes identifizierte Risiko sollte zudem ein Verantwortlicher benannt werden. Diese persönliche Zuordnung ist ganz wichtig, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass viele Schäden im Tunnelbau  deswegen eingetreten sind, weil sich in kritischen Situationen niemand zuständig gefühlt hat und Gegenmaßnahmen deswegen unterblieben sind. Die meisten Bauherren und Unternehmen haben den Nutzen eines professionellen Risikomanagementkonzepts mittlerweile erkannt und planen entsprechende Ressourcen bei der Projektvorbereitung ein.
17 Jahre nach Baubeginn wird am 1. Juni 2016 der Gotthard-Tunnel eingeweiht. Heiko Wannick spricht über die Erfolgsfaktoren für Tunnelprojekte dieser Größenordnung. © dpa Picture Alliance / CHRISTIAN BEUTLER

Inwieweit ist der von der International Tunneling Insurance Group, einem Zusammenschluss von Versicherern und Vertretern der Bauindustrie, erarbeitete „Code of Practice for Risk Management of Tunnel Works“ hilfreich?

Nach einer Reihe von Großschäden in Großbritannien wurde der Code ursprünglich für den britischen Markt aufgesetzt, die Einhaltung der Richtlinien war dort verbindlich. Ingenieure von Munich Re spielten bei der Entwicklung eine federführende Rolle. Bei der Erweiterung des Regelwerks für die Anwendung in  internationalen Märkten hat sich diese enge Auslegung aber nicht durchsetzen lassen. Der Code dient dort mittlerweile als wichtiger Leitfaden für das Risikomanagement und die Projektbeteiligten halten sich in der Regel an die Bestimmungen. Bei Abweichungen bestehen jedoch keine Sanktionsmöglichkeiten. Die Bestimmungen des Codes sind insofern wichtig, als sie konkrete Vorgaben für den Prozess des Risikomanagements von der frühen Planungsphase über Ausschreibung und Vergabe bis hin zum Bau liefern. Dem Bauherrn kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu, weil er als Einziger von Anfang bis zum Ende in das Projekt involviert ist.  Die Einführung des Codes hat bewirkt, dass das Bewusstsein für ein professionelles Risikomanagement in Tunnelprojekten gestärkt wurde. 

Bei der Versicherung von Tunnelprojekten hat eine Prämienerosion stattgefunden. Worauf sollte ein Versicherer bei diesen Großprojekten besonders achten?

Ironischerweise ist der Prämienverfall neben den Überkapazitäten am Markt auch auf die wachsende Verbreitung des „Code of Practice for Risk Management“ zurückzuführen. Die dadurch verbesserte Risikoqualität verleitet zu dem Fehlschluss, dass man als Versicherer auch mit wenig Expertise Tunnelprojekte zu niedrigsten Preisen zeichnen kann. Versicherungskäufer, die in erster Linie auf den Preis achten, wählen oft den billigsten Anbieter. Schadenfälle treten jedoch weiterhin ein. Unerfahrene Versicherer sind mit komplexen Fällen rasch überfordert. Hier ist nicht nur die Expertise der eigenen Schadenmanager gefragt, sondern häufig benötigt man ein Netzwerk von externen Experten, um diese Fälle kompetent zu regeln. Neben auskömmlichen Preisen und angemessenen Selbstbehalten sollten die Versicherer darauf achten, wie es um die Rechtsprechung in den jeweiligen Märkten bestellt ist. Je höher die Rechtsunsicherheit, desto riskanter wird es dort für den Versicherer im Schadenfall.

Wie beurteilen Sie die weitere Prämienentwicklung?

Der Markt entwickelt sich weiter nach unten, eine Erholung des Ratenniveaus ist zumindest kurzfristig nicht in Sicht. Waren es bis vor wenigen Jahren noch rund 20 Firmen, die Tunnelprojekte versichert haben, konkurrieren hier inzwischen bis zu 50 Gesellschaften. Eine Besonderheit bei der Versicherung von Tunnelprojekten ist, dass die Policen eine lange Laufzeit haben, die Beiträge aber schon relativ früh gezahlt werden. Das kann zum sogenannten „Cashflow-Underwriting“ verleiten, bei dem Underwriter unter Missachtung einhergehender Risiken und erforderlicher adäquater Versicherungsbedingungen zunächst ihren Umsatz maximieren. Die Schäden folgen oft erst zu einem viel späteren Zeitpunkt. Angesichts der niedrigen Prämien reichen schon einige kleinere oder wenige größerer Schäden im Portfolio aus, um schließlich Verluste auflaufen zu lassen. Diese werden dann erst spät – teilweise zu spät - realisiert, um noch gegensteuern zu können. Als Munich Re betreiben wir hier aktives Zyklusmanagement, d.h. zu unseren Bedingungen agieren wir gerne weiter als führender Versicherer, können uns ansonsten aber bei gegebenen Marktbedingungen wenn überhaupt nur mehr selektiv und mit reduzierten Anteilen beteiligen. Dabei ist neben der Qualität des Risikos und des Risikomanagements beim Kunden für uns auch entscheidend, inwieweit die angesprochene Rechtsunsicherheit in einem Markt zum Tragen kommt und wie gut wir das Verhalten der Beteiligten einschätzen können. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass wir unsere Kapazitäten weiter zurückfahren. Denn wir wissen aus früheren Marktzyklen, wie es ausgeht, wenn insbesondere bei langfristigem Geschäft wie großen komplexen Bauprojekten ein erforderliches Prämienniveau dauerhaft unterschritten wird und die Schäden später nachlaufen.

Munich Re Experten
Heiko Wannick
Senior Underwriter
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