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Versicherungsmärkte

Wenig Versicherung, hohe Risiken – ein Dilemma in vielen Ländern Asiens

Die Bilder waren bestürzend: Mehrere tausend Menschen sind 2017 bei ungewöhnlich heftigen Monsunniederschlägen in Indien, Nepal und Bangladesch ums Leben gekommen. Etwa 40 Millionen Menschen waren von den Überschwemmungen betroffen, zahlreiche verloren Hab und Gut. Versichert von diesen Schäden in diesem Teil der Welt ist oft nur ein Bruchteil. Und das, obwohl Versicherung hierzu da ist – die Schäden nach einer Katastrophe zu lindern und den Menschen so finanziell wieder auf die Beine zu helfen.

08.01.2018
Einige Zahlen: In ganz Asien wurden seit 1980 nur gut 8% aller Schäden aus Naturkatastrophen von Versicherungen gedeckt. Genauer: 135 Mrd. US$ bei Gesamtschäden von 1,654 Billionen US$, wie aus unserer Datenbank NatCatSERVICE hervorgeht. Hierin sind auch Daten aus hochentwickelten Staaten wie Japan mit vergleichsweise hoher Versicherungsdichte enthalten. In vielen Ländern ist der versicherte Anteil der Schäden also noch drastisch geringer. In den vergangenen Jahren ist die Versicherungslücke global betrachtet ein wenig geschrumpft, aber sie ist immer noch beträchtlich.

Niedrige Versicherungsdichte, hohe Naturkatastrophenrisiken

Betrachtet man die Daten zur Versicherungsdurchdringung insgesamt, werden die Lücken speziell in den asiatischen Schwellenländern noch deutlicher: Im so genannten „Emerging Asia“ liegt der Anteil von Versicherungsprämien bezogen auf die Wirtschaftsleistung in der Sach-Versicherung bei nur 1,1% und damit nur wenig über den Ländern südlich der Sahara in Afrika. In Indien, den Philippinen und Indonesien dümpelt die Versicherungsdurchdringung bei 0,5 bis 0,6%. Zum Vergleich: In den entwickelten Ländern Asiens liegt der Anteil bei 2,4%, ähnlich wie in Westeuropa, in den USA beträgt die Versicherungsdichte bezogen auf das GDP 3,3%.
 
Besonders problematisch ist die geringe Versicherungsdichte in Asien, da viele Länder stark naturgefahren-exponiert sind. Das Risiko ist also hoch. Hohe Opferzahlen und hohe Sachschäden nach Naturkatastrophen werfen Entwicklungs- und Schwellenländer in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung oft stark zurück. Studien haben ergeben, dass eine hohe Verbreitung von Versicherung diesen Effekt stark mildern oder gar ausgleichen können. Die positive Wirkung von Versicherung ist demnach besonders stark in Schwellenländern.
Die Bilder waren bestürzend: Mehrere tausend Menschen sind 2017 bei ungewöhnlich heftigen Monsunniederschlägen in Indien, Nepal und Bangladesch ums Leben gekommen.
Hohe Versicherungsdichte kann Rückschlag für Volkswirtschaften nach Naturkatastrophen mildern

Public-Private Partnerships können Versicherungslücke verringern

Neben traditionellen schadenbasierten Versicherungsdeckungen können maßgeschneiderte neue Konzepte dazu beitragen, die negativen Effekte von Katastrophen besser auszugleichen.  

Ein Beispiel für innovative Risikotransferlösungen sind Deckungen mit parametrischen Triggern, die bei einer Naturkatastrophe einer bestimmten Stärke oder bei einem bestimmten modellierten Schaden umgehend auszahlen, ohne dass Schäden im Einzelnen nachgewiesen sein müssen. Besonders geeignet ist dieser auf objektiven meteorologischen oder geophysikalischen Daten beruhende Mechanismus für die Finanzierung von Notfallhilfe oder für die fiskalische Stabilität der betroffenen Länder. Diese Risikotransferlösungen werden in der Regel in Form einer Public-Private Partnership, also gemeinsam mit supranationalen Entwicklungsbanken oder Regierungen, entwickelt und in Kooperation mit der privaten Versicherungswirtschaft umgesetzt. Für besonders arme und exponierte Volkswirtschaften spielen dabei geberfinanzierte Prämiensubventionen eine wichtige Rolle. 
 
Ein Beispiel, wie solch ein Pool funktionieren kann, ist die Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility (CCRIF) in der Karibik, der auch Haiti angehört. Die Versicherungsprämien für das zugrunde liegende parametrische Deckungskonzept wurden von der Caribbean Development Bank (CDP) bezahlt. Haiti hatte sich noch gar nicht richtig von dem verheerenden Erdbeben 2010 erholt, als das Land 2016 von Hurrikan Matthew getroffen wurde. Innerhalb weniger Tage zahlte CCRIF an die Regierung von Haiti 23,4 Mio. US$ aus – zwar nur ein kleiner Teil des Gesamtschadens, aber durch die Schnelligkeit eine dringend nötige Geldquelle für Notfallmaßnahmen, während internationale Hilfsaktionen oft erst nach vielen Wochen richtig anlaufen. Ähnliche Lösungsansätze gibt es auch für pazifische Inselstaaten oder seit 2017 für 25 Provinzen in den Philippinen. Auch auf Ebene von Immobilieneigentümern und Erstversicherern in den Schwellenländern gibt es Versicherungspools. In Taiwan (TREIF) ist Gebäudeeigentum verpflichtend versichert, in Indonesien (MAIPARK) müssen Erstversicherungsunternehmen aus regulatorischen Gründen an einem Pool teilnehmen. In Thailand wurde als Konsequenz aus den extremen Schäden durch das Hochwasser 2011 ein staatlich unterstütztes Versicherungsprogramm aufgebaut, das bisher noch keine Risiken an den internationalen Rückversicherungsmarkt zediert hat. 
 
In Kooperation mit der Rückversicherung kann die Kapazität bestehender Versicherungslösungen und Pools ausgeweitet und somit die Versicherungslücke reduziert werden. Ein genauerer Blick auf bestehende und mögliche Public-Private Partnerships zeigt die Möglichkeiten für die teilnehmenden Länder:

  • Bestehende große nationale Pools wie der japanische Erdbebenpool, das Agrar-Versicherungsprogramm in Indien oder der Naturkatastrophen-Pool in Thailand könnten einen Teil ihrer Risiken an den internationalen Rückversicherungsmarkt zedieren und so ihr Deckungsvolumen ausbauen.
  • In Ländern wie Indien oder China sind auf nationaler und – wie in den Philippinen - auch regionaler und kommunaler Ebene neue nationale NatKat-Pools denkbar, die ebenfalls staatlich organisiert und von internationalen Rückversicherern mitentwickelt, beraten und gedeckt werden können.
  • Gerade das stark naturgefahrenexponierte Südostasien eignet sich für supranationale Pools, wie sie unter Führung der Weltbank in verschiedenen Weltregionen aufgebaut wurden, so auch der bereits genannte CCRIF in der Karibik. So könnten Staaten wie Laos, Kambodscha, Vietnam oder Myanmar durch Risikopooling viel mehr Versicherungsdeckung für Naturkatastrophen wie Taifune oder Erdbeben erhalten. Die supranationale Organisation sorgt hier für die Diversifikation der Risiken. Beim Kauf von Versicherungsdeckungen könnten sie Kostenvorteile erzielen und gleichzeitig die regionale Kooperation stärken.

Es ist die Rolle unserer Branche, den Nutzen von Versicherung für alle Stakeholder deutlicher zu machen, so etwa für Regierungen, supranationale Organisationen und Erstversicherer. Public-Private Partnerships mit subventionierten Prämien können eine Lösung sein, um in einzelnen Ländern oder auch länderübergreifend Versicherungsdeckungen stärker zu verbreiten. Um hierzu beizutragen, stehen wir mit unserem Know-how und Erfahrungen aus best-practice-Beispielen nicht nur als Risikoträger, sondern auch als Entwicklungspartner zur Verfügung. Munich Re war schon bei verschiedenen Versicherungsinitiativen dieser Art eingebunden, die ihre positiven Wirkungen für die jeweiligen Länder bereits belegt haben. Mit dieser Erfahrung freuen wir uns, an der Gestaltung einer besseren Zukunft mitzuwirken.

Munich Re Experten
Roland Eckl
Chief Executive Asia Pacific (Japan, Korea, India, South East Asia)
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