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Digitalisierung

Robotik und das Internet der Dinge: Implikationen für Versicherer

Viele Mitarbeiter eines großen chinesischen Smartphone-Zulieferers sollen durch Roboter ersetzt werden. Das Unternehmen erklärte im Dezember 2016, dass zahlreiche Aufgaben von selbst gebauten Robotern übernommen und letztlich nur wenige Arbeitskräfte für Produktion, Logistik, Test- und Inspektionsprozesse in den Fabriken bleiben sollen. Dieses Beispiel könnte Schule machen, denn Robotik wird in praktisch allen Industrie- und immer mehr Lebensbereichen genutzt. Was bedeutet das für die Versicherungswirtschaft und welche Herausforderungen ergeben sich daraus?

18.04.2017

Die moderne Robotik lernt dazu

In der KFZ-Fertigung werden Roboter bereits seit Jahrzehnten eingesetzt. Sie automatisieren die Abläufe - formen, schweißen, lackieren und setzen zusammen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Roboter sind wartungsarm, unempfindlich gegenüber Umwelteinflüssen und weisen sehr hohe Präzisions- und Effizienzgrade auf. Auch über die Fertigung hinaus sind die digitalen Helfer immer weiter verbreitet. In Japan etwa sind Roboter, die in Pflegeinrichtungen mit den Bewohnern interagieren, schon üblich.

Die bloße Automatisierung durch Robotik gilt bereits als überholt. Viele moderne Robotersysteme gründen heute auf selbstlernender Technologie: Sie fertigen nicht mehr "nur" zügig und standardkonform, sondern sind vernetzt - Stichwort Internet of Things (IoT) -, lernen dazu und sollen in Zukunft selbständig Entscheidungen treffen können. So planen moderne Industrieroboter beispielsweise, wie viel Rohstoffe sie benötigen, und optimieren kontinuierlich ihre Auslastung.

Risiken rund um IoT-Robotik

Neben den offensichtlichen Vorzügen wie Effizienz- und Präzisionssteigerungen birgt die Robotik Risiken. Sind Anlagen mit dem Internet verbunden, bestehen Cyber-Sicherheitsrisiken. Jedes Gerät mit einer eigenen IP-Adresse bietet Cyberkriminellen ein Einfallstor, um Daten stehlen oder Manipulationen vornehmen zu können. Weiter stellen Softwarefehler oder fehlgeleitete systemische Verknüpfungen Risiken dar, durch welche es zu erheblichen Produktions- und Datenverlusten oder Sachschäden kommen kann.

Während die Risiken rund um industrielle Robotik primär zu Cyber- oder Sachschäden in der unmittelbaren Umgebung – also Fertigungseinrichtungen und Fabriken - führen, birgt der Robotereinsatz im häuslichen Umfeld und im öffentlichen Raum auch Risiken wie Personenschäden: In der Pflege eingesetzten Geräte können beispielsweise durch falsches "Zugreifen" der oder dem Versorgten Verletzungen zufügen. Weiter können Pflegeroboter, etwa während Spaziergängen, in Verkehrsunfällen involviert werden, bei denen sich Personen verletzen können. Darüber hinaus kann es außerhalb des industriellen Bereichs auch zu Risiken in der Produkthaftpflicht wie Beschädigungen fremden Eigentums kommen.

Auswirkungen von IoT-Robotik auf das Underwriting

Beim Risk Assessment müssen die neuesten Entwicklungen konsequent Berücksichtigung finden, erklärt Marcel Koos, Head Corporate Risk Consulting bei Munich Re. "Durch die Verbindung mit dem Internet sind jetzt Prozesse manipulierbar, die es vorher noch nicht waren. Besonders im industriellen Umfeld können vom gleichen Schadenevent unterschiedlichste Unternehmen betroffen sein, weil gleiche Steuerungssysteme genutzt werden und die Anlagen mit dem Internet verbunden sind." Folglich kann es zu erheblichen Kumulschäden kommen. "Bei selbstlernenden Systemen ist es wichtig, strikte Endkontrollen der Produkte und Anwendungen zu installieren, um ein ‚fehlgeleitetes Lernen‘ möglichst schnell zu identifizieren. Eine klare Begrenzung des Handlungsspielraumes der Roboter ist ebenfalls unabdingbar ", betont Koos.

Trotz der neuen Risiken und Herausforderungen bei der Risikobewertung ist insgesamt in vielen Bereichen mit einem Rückgang der Schadenlast beziehungsweise von Fehlproduktionen auszugehen. "Aus Sicht der Risikobewertung ist der Robotereinsatz gerade bei gefährlichen, schmutzigen und gesundheitsschädlichen Arbeiten sinnvoll und risikoreduzierend ", so Koos. "Und das kann sich positiv auf Deckungen wie zum Beispiel Workers Compensation oder Employer’s Liability auswirken."

Robotik und IoT: Haftungsfragen

Kommt es durch den Einsatz von Robotern zu Schäden, stellt sich die Frage, wer dafür haftet. Klar ist, dass der Nutzer des Roboters für Schäden Dritter haftet, wenn sein Verschulden zur Schadenentstehung beigetragen hat. So etwa, wenn es zu dem Schaden kam, weil der Nutzer auf Warnzeichen des Roboters nicht hinreichend schnell reagiert hat oder weil er den Roboter in Betrieb genommen hat, ohne die vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Erst recht haftet der Nutzer natürlich, wenn er den Roboter gezielt zur Herbeiführung des Schadens eingesetzt hat. In allen anderen Fällen kann entweder der Hersteller des Roboters haften, wenn der Schaden auf einem Produktfehler beruht, oder der Halter des Roboters, sofern die Rechtsordnung für ihn eine (verschuldensunabhängige) Gefährdungshaftung vorsieht, also etwa bei Autos oder Luftfahrzeugen.

Die Ermittlung des Haftenden wird sich nicht selten kompliziert gestalten: Wie schnell muss der Nutzer auf einen Alarm des Roboters reagieren? Wer muss vernetzte Roboter mit welchen Maßnahmen vor Hackerangriffen schützen? Was, wenn etwa bei der industriellen Nutzung komplexer, weltweit vernetzter Robotersysteme abweichende oder gar widersprüchliche nationale Haftungsregelungen aufeinander treffen? Häufig wird es auch zu langwierigen Regressstreitigkeiten zwischen mehreren Beteiligten kommen. So zum Beispiel, wenn zunächst der Halter oder sein Versicherer in die Pflicht genommen wurde und dieser dann den Schaden auf den Hersteller abwälzen will, indem er diesem einen Produktfehler nachzuweisen versucht.

Einige dieser Probleme ließen sich durch eine Änderung der derzeitigen Rechtslage abschwächen. Denkbar wäre eine generelle verschuldensunabhängige Halterhaftung für Roboter, ähnlich wie sie etwa das deutsche Recht für bestimmte Haustiere vorsieht. Oder aber eine Ausweitung der Produkthaftung der Roboterhersteller, indem bei der Schädigung durch einen Roboter das Vorliegen eines Produktfehlers vermutet wird. Dabei wird der Gesetzgeber Verbraucherschutzaspekte ebenso zu berücksichtigen haben wie volkswirtschaftliche Erwägungen wie die Förderung neuer Technologien.

Unter dem Strich

Vom quasi geschützten Raum der Fertigung ausgehend breitet sich die Robotik in alle Lebensbereiche aus. Neben Vorzügen wie hoher Verlässlichkeit, Präzision und Schnelligkeit in Industrie oder Pflege birgt dies Herausforderungen, welchen Versicherer adäquat begegnen müssen. Die Risiken von Personen-, Cyber- und Sachschäden müssen zunächst besser verstanden, um anschließend richtig bewertet werden zu können. Dabei verändert die Entwicklung der Technologie immer mehr die Rahmenbedingungen. Gleichzeitig ergeben sich komplexe Fragestellungen bei der Haftung, die sich besonders darum drehen, wer die Schäden zu verantworten hat. Hierbei könnte die Anpassung (internationaler) Regularien die Komplexität reduzieren.
Munich Re Experten
Ina Ebert
Leading Expert, Liability and Insurance law
Marcel Koos
Head of Corporate Risk Consulting
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