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Internet der Dinge

Die Alleskönner-Fabrik

Kotflügel heute, Autodächer morgen: Der Roboter-Hersteller Kuka, der Versicherer Munich Re und der Berater MHP wollen smarte Produktionsstätten als Dienstleistung anbieten. Unternehmen sollen dort herstellen, was sie wollen.

05.07.2018
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Die Farbe passt schon mal. In einer alten Knödelfabrik im Werksviertel am Münchner Ostbahnhof hat der Roboterhersteller Kuka eine Lernfabrik aufgebaut. Das Gebäude ist fast so orange wie die Roboter des Konzerns. Kuka ist nicht allein in der Lernfabrik im Werk 3. Es ist ein gemeinsames Projekt mit dem Versicherungskonzern Munich Re und der Beratungsfirma MHP, sie gehört zu Porsche.

In der Lernfabrik wollen sie ihre neue Dienstleistung vorführen: Smart Factory as a Service, heißt sie im Firmenjargon – eine kluge Fabrik als Dienstleistung. „Durch die Digitalisierung schwinden die Grenzen zwischen Unternehmen“, sagt Kuka-Chef Till Reuter: „Wir müssen künftig zusammenarbeiten.“ Es werde weniger konventionelle und mehr flexible Strukturen geben. Und alles muss schneller werden.

Wie das gehen kann, soll die Lernfabrik zeigen. „Das hier ist kein Spielzeug. Das ist Realität“, ruft Torsten Jeworrek, Mitglied des Vorstands der Munich Re. Die Begeisterung ist ihm anzuhören und anzusehen. Schlaue Fabriken sollen künftig als Dienstleister für andere Firmen deren Waren herstellen. Damit binden die Auftraggeber deutlich weniger Kapital in Maschinen und Anlagen. Auch kleinste Serien sind möglich. In der Fabrik, in der alles miteinander vernetzt ist, werden jede Menge Daten gesammelt und analysiert. Eine Dienstleister-Fabrik kann heute Kotflügel für ein Unternehmen herstellen und nächste Woche Autodächer für einen anderen Auftraggeber. Die Roboter werden automatisch umprogrammiert und in kürzester Zeit umgerüstet, etwa mit anderen Greifern, Klebe- oder Schweißwerkzeugen. Dafür sorgt der Berater MHP. „Die Digitalisierung ist für uns ein Geschenk“, sagt Berater Markus Kirchler in München.

Munich Re bringt seine Erfahrung mit Risiken, Störungen und Schäden bei Industrieanlagen und die Kenntnisse in der Sensortechnik ein. Auch bei der Finanzierung will sie eine Rolle spielen - einmal aus den selbst verwalteten Versicherungsgeldern, andererseits mit dem guten Zugang zum Kapitalmarkt. Eigentümer einer Smart Factory soll eine Zweckgesellschaft sein, an der Investoren beteiligt sein können. Es soll viele solcher Smart Factorys geben.

Reuter, Kirchler und Jeworrek wollen zeigen, wie die Maschinen in ihrer Testfabrik funktionieren. Die Roboter sollen an diesem Abend Puzzle produzieren. Das Foto kommt als Datei in der Smart Factory an und wird ausgedruckt. Ein Laserroboter zerlegt es in Teile, so viele und in der Form, in der sie sich der Kunde benötigt. An einer weiteren Station werden die Teile verklebt. Dann versagt einer der Kleberoboter. Das ist so gewollt. Das neue Gespann will demonstrieren, wie es Ausfälle managt. Dem Betreiber wird der Stillstand gemeldet, und er bekommt vorgerechnet, wie hoch der Umsatzausfall sein wird. Die Kosten steigen, je länger die Anlage still steht. Der Betreiber bekommt auch die Kosten für die Reparatur angezeigt. Steht die Anlage trotz aller Technik still, zahlt die Munich Re sofort - ohne Schadenmeldung oder Gutachter. Es reicht eine vorher vereinbarte Dauer des Stillstandes. „Die Zahlung erfolgt in Echtzeit“, so Jeworrek: „Wenn die Banken das können, ist das Geld schneller auf dem Konto als der Betreiber gucken kann.“ Aber eigentlich soll es gar nicht so weit kommen. Denn die Anlage ist mit Sensoren für eine vorausschauende Wartung ausgestattet. Sie sollen frühzeitig melden, wenn ein Teil ausgetauscht werden muss und die Ausfallkosten gering halten. „Wir werden lernen, das Verhalten der Anlage vorauszusehen“, sagt Jeworrek.
Beim Testlauf produzieren die Roboter Puzzle.
Beim Testlauf produzieren die Roboter Puzzle.
Source: Munich Re

Der weltgrößte Rückversicherer will damit auf beunruhigende Trends reagieren: Sein Kerngeschäft ist unter Druck, weil es zuviel Kapital in der Rückversicherung gibt. Gleichzeitig sorgt die Sensortechnik – klug angewandt – dafür, dass Schäden an Gebäuden und an Maschinen seltener werden. Weniger Schäden bedeuten aber über kurz oder lang auch weniger Prämien.


Mit der Smart Factory will die Munich Re von einem Trend profitieren, der dem Rückversicherer sonst das Leben schwer macht. Der Konzern arbeitet nicht nur mit Kuka und Porsche zusammen. Mit Bosch hat die Munich Re einen Kooperationsvertrag geschlossen. Auch dabei geht es um vernetzte Produktion, Sensoren und Finanzierung. Die Risiken des neuen Geschäfts seien ihm bewusst, sagt Jeworrek, aber „sie bereiten mir keine schlaflosen Nächte.“ Sie seien überschaubar. „Wir haben gute Algorithmen und gute Daten.“ Es wird eine Weile dauern, bis Unternehmen die neue Dienstleistung annehmen. Da sind sich Jeworrek, Reuter und Kirchler einig. „Aber wenn das hier fliegt, wird es ein Milliardenmarkt.“ Jeworrek will keine finanziellen Prognosen für die Smart Factory abgeben. „Businesspläne sind für Innovationen der Teufel“, sagt er. Manchmal redet er wie einer der Gründer im Werk 1 nebenan.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Süddeutschen Zeitung am 22.6.2018 veröffentlicht.

Munich Re Experten
Leonhard Forster
Head of IoT at Munich Re, Munich
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