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Stürme

Matthew: Ein Sturm in drei Episoden

Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden.

27.03.2017
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Ausgehend von einer tropischen Störung vor der Westküste Afrikas zog Matthew nach Westen über den Atlantik und wurde zum tropischen Sturm, kurz bevor er am 28. September Barbados erreichte. In den folgenden 24 Stunden wurde der Sturm in einer Region mit hoher vertikaler Windscherung nur langsam stärker. Als er schließlich aus dieser Region hinaus und über ein Gebiet mit warmem Wasser zog, wuchs er sich zwischen dem 29. und 30. September binnen 36 Stunden zum Wirbelsturm der Kategorie 5 aus. Diese rasche Entwicklung lässt sich zum Teil mit seiner Interaktion mit dem warmen Ozean erklären. Die vom Hurrikan selbst bewirkte Abkühlung der Meeresoberfläche war zu gering, um die Zunahme seiner Intensität zu hemmen.

Schadenbilanz von Matthew

Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden. © Quelle: Munich Re
Amerika
Hurrikan Matthew 2016
Nachdem er seinen Höhepunkt erreicht hatte, änderte Matthew die Richtung und schwächte sich auf dem Weg nach Nordwesten auf Kategorie 4 ab. Er zog an Jamaika vorbei und hatte am 4. Oktober seinen ersten Landfall in Haiti, wo er über die Tiburon-Halbinsel im Süden und kurz darauf über Kubas östliche Provinz Guantanamo fegte. Mit Windböen von über 250 km/h, einer Sturmflut von drei Metern Höhe und sintflutartigem Regen war Matthew hier der stärkste Hurrikan seit Cleo 1964. Die Folgen für Haiti waren katastrophal, zumal das Erdbeben von 2010 immer noch nicht bewältigt ist.

Als er Haiti und Kuba passiert hatte, schwächte sich Matthew zunächst zu einem Kategorie-3-Sturm ab, verstärkte sich jedoch am 5. und 6. Oktober auf dem Weg zu den Bahamas noch einmal auf Kategorie 4, als er erneut ein Gebiet mit sehr warmem Wasser überquerte. Die Meeresoberflächentemperaturen und die im Ozean gespeicherte Wärme lagen in diesem Bereich der Karibik nahe den Rekordmarken für diese Jahreszeit.

USA von schlimmsten Schäden verschont

Der nächste Landfall folgte am 6. Oktober auf Grand Bahama, der bevölkerungsreichsten Insel der Bahamas. Dort richtete Matthew Schäden an wie zuletzt Hurrikan Frances 2004. Nachdem er Grand Bahama passiert hatte, hielt der Sturm nach Nordwesten ziehend Kurs auf die USA. Schon eine kleine Abweichung von seiner Zugbahn nach Westen hätte den -tropischen Wirbelsturm auf Florida gelenkt und die Region heftigsten Winden ausgesetzt. Eine leicht nördlichere Richtung hingegen hätte ihn auf einer Strecke von Hunderten Kilometern die Küste streifen lassen und möglicherweise erheblich größere Schäden verursacht. 

Letztendlich blieb Matthew vor Florida und Georgia über dem Meer, als er sich am westlichen Rand einer Hochdruckzone voranbewegte. So wehten die stärksten Windböen auch nur über dem Wasser und verschonten die Küstenstreifen von großen Schäden. Allerdings verschärfte die küstenparallele Zugbahn die Sturmflut am Nordrand des Sturms, wo seine Zuggeschwindigkeit in Kombination mit dem Ostwind einen höheren Windstau und schadenträchtigere Wellen entstehen ließen.

Während der Sturm sich erst nordwärts und dann vor der Küste Georgias nach Nordosten bewegte, verringerte sich seine Stärke stetig, bis er gerade noch als Kategorie-1-Sturm bei Charleston, South Carolina, zum letzten Mal an Land ging. Im Gegensatz zum Wind schwächte sich das Niederschlagspotenzial nicht ab. Auf große Gebiete von South und North Carolina fielen Niederschläge von bis zu 300 Millimetern, die zu den schwersten Überschwemmungen in der Region seit Hurrikan Floyd 1999 führten. Gleich nach dem Landfall verlagerte sich Matthew allerdings nach Nordosten und verließ das Gebiet der USA bei Cape Hatteras und wurde auf dem Meer zu einem außertropischen Sturm.

Haiti: eine humanitäre Katastrophe

Haiti ist eines der ärmsten Länder der Erde. 59 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei US-Dollar pro Tag. Eine lückenhafte Infrastruktur, schlechte Bauqualität und fehlende stabile staatliche Strukturen machen die Bevölkerung anfällig für jede Art von Naturgefahr. Erschwerend hinzu kommt die Zerstörung der Umwelt durch die intensive Abholzung des einst vorhandenen Regenwaldes, was die Bodenerosion beschleunigt hat.

Zerstörungen durch Sturm und Niederschläge

Die von Hurrikan Matthew betroffenen Gebiete Haitis gehören zu den ärmsten Teilen des Landes. Auf drei Departments im südwestlichen Teil der Insel trafen Windböen von 250 km/h und mehr. Praktisch alle nicht aus Stein gebauten Häuser fielen ihnen zum Opfer, viele Siedlungen wurden fast völlig zerstört. In anderen Departments waren es die Niederschläge – bis 700 Millimeter in drei Tagen –, die nicht nur weitläufige Überschwemmungen zur Folge hatten, sondern auch tödliche Erdrutsche auslösten. Als Folge der massiven Waldverluste in den vergangenen Dekaden treten diese in Haiti besonders häufig auf.
Offiziell spricht die haitische Regierung von 546 Toten, die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich deutlich höher. Die Vereinten Nationen schätzen, dass über 2,1 Millionen Menschen (etwa 20 Prozent der Bevölkerung Haitis) direkt dem Sturm ausgesetzt waren, zwei Drittel von ihnen benötigten Katastrophenhilfe. Rund 175.000 durch den tropischen Wirbelsturm obdachlos gewordene Einwohner mussten in Notunterkünften untergebracht werden, 800.000 konnten sich nicht mehr selbst mit Nahrung versorgen. Die Ernte in den betroffenen Gebieten wurde weitgehend zerstört. Matthew verschärfte zudem die bereits bestehende Cholera-Epidemie in Haiti, da Überflutungen vielerorts das Trinkwasser verseuchten.

Große Versicherungslücke

Die Gesamtschäden auf der Insel belaufen sich auf etwa 1,4 Milliarden US-Dollar. Nur ein verschwindend geringer Teil war versichert. Haiti ist Mitglied der Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility (CCRIF). Mit dem Ziel, das nationale Risikomanagement zu unterstützen, hat die karibische Entwicklungsbank die Versicherungsprämien für Haiti in den vergangenen Jahren übernommen. Als Entschädigung für Matthew hat das Land 23 Millionen US-Dollar aus dem Fonds erhalten, die höchste bislang ausbezahlte Summe der Einrichtung. Weitere 139 Millionen US-Dollar sollen nach Angaben der Vereinten Nationen dem Land aus internationaler Katastrophenhilfe zufließen.

Bahamas: dem Volltreffer entgangen

Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden. © THONY BELIZAIRE / AFP/Getty Images
Es kommt nicht oft vor, dass ein Hurrikan die beiden Bahamas-Hauptinseln New Providence und Grand Bahama trifft. Wenige Tage vor dem Landfall schien sogar ein Worst-Case-Szenario möglich:

Laut den Vorhersagen sollte Matthew als tropischer Wirbelsturm der Kategorie 4–5 direkt über die Hauptstadt Nassau auf New Providence ziehen und im weiteren Verlauf die größte Siedlung auf Grand Bahama, Freeport, treffen. In den beiden Städten leben mehr als 75 Prozent der 400.000 Bahamaer. Glücklicherweise drehte der Sturm im letzten Moment nach Westen ab und verfehlte so Nassau.

Glück im Unglück

Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden. © Pacific Disaster Center
Vorhersage
Die von NOAA 48 Stunden vor den Bahamas vorhergesagte Zugabahn von Hurrikan Matthew und die erwarteten Sturmfluthöhen ließen auf hohe Schäden schließen.
Die beiden Karten auf Seite 41 zeigen die beobachtete Zugbahn und das modellierte Windfeld im Vergleich zu der zwei Tage vor dem Landfall erwarteten Zugbahn und Sturmflut, wie sie die Wetterbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) vorhergesagt hatte.

Die Bilder machen deutlich, wie viel Glück Nassau, gelegen an der Nordost-Seite der Insel New Providence, hatte. Wäre Matthew nicht um 25 Kilometer von seiner erwarteten Zugbahn abgewichen, hätten die Böen in Nassau möglicherweise 230 km/h erreicht und vielfach höhere Sturmschäden hervorgerufen. Tatsächlich erreichte der Wind in der Spitze etwa 150 km/h, was im Bereich der modellierten Windböen für Nassau lag.
Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden. © Munich Re, basieren auf H-Wind data (RMS)
Wirklichkeit
Nach Durchzug von Matthew simulierte Munich Re auf der Basis des gemessenen Windfelds die Spitzengeschwindigkeiten (3-Sekunden-Böen).

Die Einwohner von New Providence und Grand Bahama hatten auch in anderer Hinsicht Glück. Zum einen lief die Sturmflut auf New Providence und Grand Bahama nur einen halben bis einen Meter hoch auf – vorhergesagt waren drei bis vier bzw. vier bis fünf Meter. Dadurch drang das Wasser maximal einen Kilometer ins Land vor. Zum anderen fielen – anders als in Haiti und Kuba – auf den Bahamas nur 100 bis 200 Millimeter Regen. Die nachfolgenden Überschwemmungen blieben daher weit unter dem, was ein Kategorie-4-Hurrikan anzurichten vermag.

Versicherter Schaden zunächst überschätzt

Kurz nach dem Ereignis hatten sich die modellierten Schätzungen der versicherten Schäden in der Karibik noch im Bereich von ein bis drei Milliarden US-Dollar bewegt. Dabei lag der Anteil der Bahamas bei etwa 90 Prozent. Nach einer Besichtigung vor Ort zwei Wochen nach dem Hurrikan reduzierte Munich Re die Schätzungen auf 500 bis 700 Millionen Dollar für die gesamte Karibik, davon 450 bis 600 Millionen Dollar für die Bahamas. Die enormen Unterschiede zwischen den modellierten und den vor Ort ermittelten Schäden mögen hoch erscheinen. Sie sind aber nicht wirklich überraschend, wenn man sich vor Augen hält, dass die Zugbahn und die Windgeschwindigkeiten kurz nach dem Hurrikan-Landfall noch nicht exakt bekannt sind. Schon kleine Abweichungen bei beiden Größen können zu höchst unterschiedlichen Schadenschätzungen führen.

USA: Sturmflut und Regen als Schadentreiber

Hurrikan Matthew war der erste atlantische Wirbelsturm seit fast zehn Jahren, der die höchste Kategorie 5 erreichte. Auf seinem Weg durch die Karibik und in die USA hinterließ er schwere Schäden. © Anadolu Agency / Getty Images

Günstige Umstände verhinderten, dass Matthew an der US-Küste sein volles zerstörerisches Potenzial entfalten konnte. Da auf der Nordhalbkugel die stärksten Winde bei einem tropischen Wirbelsturm in Zugrichtung rechts vom Auge auftreten und Matthew sich parallel zur Küste Floridas bewegte, entstanden die heftigsten Böen über dem offenen Meer. Allerdings sorgte dieses „Vorbeischrammen“ dafür, dass über 400 Kilometer von Floridas Ostküste schadenträchtigen Winden ausgesetzt war, wobei lokal durchaus Böen in Hurrikanstärke auftraten.

Schutzmaßnahmen wirken

Die meisten Sturmschäden blieben jedoch moderat, Dachplatten lösten sich und Wandverkleidungen wurden abgerissen. Nur an älteren Gebäuden, die nicht den strengen Bauvorschriften Floridas für Wind unterliegen, entstanden vereinzelt schwere Schäden an Dächern. In Georgia und den beiden Carolina-Staaten blieb der Windschaden überwiegend auf umgefallene Bäume begrenzt. Dort hatte in vielen Fällen der starke Niederschlag das Wurzelwerk freigeschwemmt. 

Weniger glimpflich verliefen die von Matthew ausgelösten Überschwemmungen. Der starke Wind drückte das Meer gegen die Küste. Auf der gesamten Strecke nördlich von Cape Canaveral kam es zu Sturmfluten, zerstörerischer Brandung sowie zu Erosion. Der schlimmste Sturmflutschaden traf die vorgelagerten Inseln bei St. Augustine, wo in einigen tief gelegenen Siedlungen Gebäude mehr als einen Meter unter Wasser standen. An anderen Stellen unterspülten Sturmflut und Wellenschlag Fundamente von Häusern. Manche stürzten ein, andere mussten aus Sicherheitsgründen aufgegeben werden. Insgesamt war das Ausmaß der Sturmflut an Floridas Ostküste sowohl räumlich als auch von der Schadenschwere her geringer als bei den Hurrikanen Frances und Jeanne im Jahr 2004.

Überflutungen an der Küste und im Landesinnern

Noch schadenträchtiger waren die enormen Regenmengen, die über den südöstlichen Staaten der USA niedergingen. Sie verursachten großräumig Überschwemmungen in North und South Carolina. Dazu trug zum einen die hohe tropische Luftfeuchtigkeit aus dem Westatlantik bei, der zu diesem Zeitpunkt im Jahr eine neue Rekordtemperatur erreicht hatte. Zum anderen bewegte sich der Hurrikan nur langsam, und es bildete sich eine Niederschlagsfront entlang der Küsten von North und South Carolina. In der gesamten Osthälfte der beiden Bundesstaaten kamen so Niederschlagsmengen von über 150 Millimetern zusammen. In einem Streifen von Myrtle Beach (South Carolina) bis zum nordöstlich davon gelegenen Norfolk (Virginia) sogar über 250 Millimeter. Die Pegel kleiner Flüsse stiegen rasch an, und die Wassermassen verwüsteten etliche Ortschaften. Es dauerte Wochen, bis der Wasserstand in der tief gelegenen und flachen Region wieder auf normale Werte zurückging.

Hurrikanschäden geringer als befürchtet

Erste Schadenmodellierungen für die USA lagen in einem Bereich von einer bis vier Milliarden US-Dollar. Nach Besichtigungen von Munich Re in den drei betroffenen Bundesstaaten deutete sich jedoch an, dass die versicherten Schäden (ohne die durch das National Flood Insurance Program NFIP abgedeckten) beträchtlich unter den 4,5 Milliarden US-Dollar (Originalwerte) liegen würden, die Hurrikan Frances 2004 verursacht hatte. Der Anfang 2017 von Property Claim Services auf 2,3 Milliarden US-Dollar bezifferte Schaden bestätigte diese Einschätzung. Zahlungen aus dem NFIP von wahrscheinlich einigen Hundert Millionen US-Dollar werden noch hinzukommen. Dennoch: Verglichen mit den Stürmen von 2004 und 2005 war Matthew für die Vereinigten Staaten ein relativ kleines Ereignis und kann vom US-Versicherungsmarkt pro¬blemlos bewältigt werden.
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