dcsimg
Naturkatastrophen

Naturkatastrophen oder Desaster durch Menschenhand?

Nicht alle Naturkatastrophen sind vom Schicksal bestimmt, manchmal hat der Mensch seine Finger mit im Spiel. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht, besonders bei Überflutungen, Erdrutschen oder Buschfeuern.

19.07.2016

Naturkatastrophen sind große Schadenereignisse, die in der Regel einen schweren volkswirtschaft­ lichen und humanitären Schaden verursachen. Verantwortlich dafür sind zum Beispiel Über­ schwemmungen, Stürme, Erdbeben, Dürren, Waldbrände oder Vulkanausbrüche. Im Gegensatz dazu stehen Katastrophen, die durch Menschenhand ausgelöst werden. Darunter fallen unter anderem Explosionen, Großbrände, Flugzeug­, Schiffs­ und Zugunglücke sowie die massive Freisetzung von Giftstoffen in die Umwelt. Die Abgrenzung zwischen den beiden fällt nicht immer leicht. Manche Ereignisse gelten als Naturkatastrophe, obwohl sie keine sind, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Bergrutsch in den Vajont­-Stausee

Am 9. Oktober 1963 löste sich in den italienischen Alpen eine 270 Millionen Kubikmeter große Flanke des Monte Toc. Die Geröllmassen rutschten in den Vajont-Stausee und lösten eine vermutlich etwa 150 Meter hohen Welle aus, der über die Staumauer schwappte. 25 Millionen Kubikmeter Wasser schossen eine enge, 1,5 Kilometer lange Schlucht hinab, an deren Ausgang der Ort Longarone lag. Diese Ortschaft und vier weitere wurden fast vollständig zerstört, knapp 2.000 Menschen starben. Die 262 Meter hohe Staumauer aus Beton trotzte der extremen Belastung und steht heute noch nahezu unversehrt da. Sie war 1960 fertiggestellt worden. Beim Aufstau des Stausees 1962 begann sich die angrenzende Bergflanke zu bewegen, sodass der Aufstauvorgang sofort gestoppt und der Wasserspiegel abgesenkt werden musste. Der Hang kam daraufhin wieder zur Ruhe. Ab April 1963 füllte man den Stauraum erneut – bis sich der Hang schlagartig löste. Ein Hangrutsch in einen See und eine dadurch ausgelöste Flutwelle sind eigentlich natürliche Vorgänge. Im Fall von Vajont war die Ursache aber eindeutig die Aktivierung der Bergflanke durch den Aufstau des Sees. Ohne Stausee wäre sie wohl nicht abgerutscht, und selbst wenn: Es wäre keine Flutwelle entstanden.
Nicht alle Naturkatastrophen sind vom Schicksal sondern vom Menschen ausgelöst. Die Abgrenzung fällt schwer, besonders bei Überflutungen, Erdrutschen & Buschfeuern. © Reuters/ © Rick Wilking

Dammbruch in Tesero

Nahe Tesero im italienischen Trient befanden sich zwei Absetzbecken eines Bergwerks. Am 19. Juli 1985 brach der 34 Meter hohe Damm des oberen Beckens. Die Schlammmassen ergossen sich in das untere Becken, dessen Rückhaltedamm ebenfalls versagte. Rund 200.000 Kubikmeter Schlamm rasten mit hoher Geschwindigkeit das Stava-Tal hinunter und begruben 268 Menschen unter sich. In manchen Datenbanken wird dieses Ereignis als Flutkatastrophe geführt. Doch es war nicht etwa extremer Niederschlag, der die Katastrophe auslöste. Der Damm war mit niedrigsten Sicherheits- standards errichtet worden, wurde kaum gewartet und stellte bekanntermaßen ein hohes Risiko dar. Der Auslöser des Bruchs war vermutlich ein unsachgemäß verlegtes Drainagerohr.
Nicht alle Naturkatastrophen sind vom Schicksal sondern vom Menschen ausgelöst. Die Abgrenzung fällt schwer, besonders bei Überflutungen, Erdrutschen & Buschfeuern. © dpa Picture-Alliance / JONATHAN HEAD

Waldbrände in Indonesien

Aus jüngerer Zeit sind die verheeren- den Buschfeuer in Indonesien in Erinnerung. Das Wetter in weiten Teilen der Erde wurde im Jahr 2015 durch das Klimaphänomen El Niño bestimmt. Insbesondere im Gebiet des westlichen Pazifik war es dabei extrem trocken. In Indonesien brann- ten Zehntausende Quadratkilometer Wald und Buschland. Teilweise monatelang lag über großen Teilen Südostasiens ein dichter Rauchschleier. Die Folgen waren gravie- rend: Menschen trugen gesundheit- liche Schäden davon, Flughäfen und Schulen wurden geschlossen, es kam zu einer allgemeinen Beein- trächtigung des öffentlichen Lebens. Die volkswirtschaftlichen Schäden gehen in die Milliarden, allein die Sachschäden dürften eine Milliarde US-Dollar überschreiten. Die Feuer allein auf das El-Niño-Phänomen zu schieben wäre zu einfach. Gelegt wurden die Brände nämlich absichtlich – als Rodungsfeuer. Bedingt durch die extreme Trockenheit war die verbrannte Fläche am Ende aber um ein Vielfaches höher als ursprünglich geplant. Es waren also sowohl Mensch als auch Natur verantwortlich für die Katastrophe.
Nicht alle Naturkatastrophen sind vom Schicksal sondern vom Menschen ausgelöst. Die Abgrenzung fällt schwer, besonders bei Überflutungen, Erdrutschen & Buschfeuern. © dpa Picture-Alliance / Stringer

Erdrutsch in Shenzhen

Am 20. Dezember 2015 hat ein enormer Erdrutsch in Südchina 14 Fabrikhallen und mehr als ein Dutzend Büros und Wohnhäuser verwüstet. Rund sechs Meter hohe Schlamm- und Geröllberge bedeckten Teile des Gewerbegebiets Hengtai am Rand der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Etwa 70 Menschen kamen ums Leben. Den Behörden zufolge rutschte nach Regenfällen eine Halde mit ausgehobener Erde und Bauschutt ab, die von Arbeitern an einem Hügel angehäuft worden war. Offenbar war der Schutthaufen zu hoch und zu steil angelegt und über die Jahre auf eine Höhe von mehr als 100 Metern angewachsen, ohne dass die Behörden eingeschritten wären. Auch wenn starker Regen die Katastrophe letztendlich auslöste: Sie war eindeutig ein durch Menschen verursachtes Ereignis.
Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.