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Erdbeben

2010 - ein Jahr der Erdbeben

Abhängig vom Entwicklungsstand der betroffenen Länder haben die Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. Die Effizienz und der Umfang in der Regulierung waren stark abhängig von der Versicherungsdichte und den gesetzlichen Rahmenbedingungen im jeweiligen Land.

08.02.2011

Während die Öffentlichkeit 2010 eher eine lebhafte Hurrikansaison im Nordatlantik erwartete, kamen ungewöhnlich hohe Schadenbelastungen aus einer ganz anderen Ecke: Gleich mehrere schwere Erdbeben sorgten für erhebliche Schäden. Das katastrophalste Erdbeben des Jahres traf mit mehr als 220.000 Toten Haiti, ein Land, das in keiner Weise auf ein solches Ereignis vorbereitet war. In Chile und Neuseeland hingegen war der Vorsorgestandard sehr gut. Auch aus versicherungstechnischer Sicht sind Länder mit so unterschiedlichen Entwicklungsniveaus differenziert zu bewerten:
Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti haben 2010 die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. © Corbis. All Rights Reserved.
Für die chilenische Versicherungswirtschaft war das Maule- Beben bisher die teuerste Erdbebenkatastrophe. Global betrachtet verursachte nur das Northridge-Beben in den USA 1994 höhere versicherte Schäden.

Chile: Aufsichtsrechtliche Vorgaben erschwerten die Schadenregulierung

In Neuseeland und Chile wurden den Versicherern jeweils etwa 200.000 Einzelschäden gemeldet. Die Regulierung einer solchen Vielzahl von Schäden stellte die lokalen Märkte vor eine große Herausforderung. Nach schleppendem Anlauf waren in Chile sieben Monate nach dem Beben über 90 Prozent der Schäden reguliert. Als Hemmnis erwies sich die aufsichtsrechtliche Vorgabe, wonach ein lokal zugelassener Regulierer jedes Schadengutachten abzeichnen muss. Ausländische Gutachter waren somit nicht in der Lage, die inländischen Regulierer in vollem Umfang zu entlasten. Die Regulierung beschädigter Industrieanlagen wird sich wie bei Großschäden üblich noch in die Länge ziehen. Einige Produktionsstätten arbeiten immer noch nicht unter voller Auslastung, sodass die Betriebsunterbrechungs- Komponente des Schadens offen ist. Ferner war das Wording der Policen teilweise nicht klar genug. Das gilt sowohl bei den Hypothekenversicherungen bezüglich Voll- oder Restwertversicherung als auch im industriellen Sektor bezüglich Franchise in der Betriebsunterbrechungsversicherung.
Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti haben 2010 die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. © Reuters
Am 27. Februar 2010 wurde Chile von einem Erdbeben der Magnitude 8,8 erschüttert. Das Beben und der dadurch ausgelöste Tsunami zerstörten zahlreiche Gebäude, Krankenhäuser sowie Straßen und Brücken. Die Aufnahme zeigt ein zerstörtes Gebäude in Talca, eine der schwer betroffenen Städte.

Neuseeland: Private-Public-Partnership schafft hohe Versicherungsdurchdringung

In Neuseeland stieß die Aktivierung des Katastropheneinsatzplans der staatlichen Earthquake Commission (EQC) auf Probleme. Dies gilt auch für das Zusammenspiel zwischen der EQC-Deckung auf Erstrisikobasis und der privatwirtschaftlichen Deckung für den darüber hinausgehenden Gebäudewert. Ferner hat die weitverbreitete Bodenverflüssigung eine Herausforderung spezieller Art gestellt, denn die EQC deckt auch Landschäden an Grundstücken ab. Dennoch belegen sowohl Chile wie Neuseeland, dass die Versicherungswirtschaft einen substanziellen Beitrag zur Finanzierung großer Katastrophenschäden zu leisten imstande ist. In Neuseeland hat die Existenz der staatlichen, im globalen Markt rückversicherten EQC zu einer hohen Versicherungsdurchdringung geführt. In Chile besteht weitergehendes Versicherungspotenzial im Wohngebäudesektor, aber auch bei der öffentlichen Infrastruktur.
Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti haben 2010 die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. © Simon Baker / Reuters
Für die neuseeländische Versicherungswirtschaft stellte das Christchurch-Beben die teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes dar.

Haiti: ein Markt mit Entwicklungsbedarf

Anders gelagert ist der Fall in Haiti, wo der unterentwickelte Versicherungssektor den prekären Zustand des Gemeinwesens widerspiegelt. Der Anteil versicherter Schäden am Gesamtschaden war marginal und fast ausschließlich beschränkt auf die lokalen Standorte ausländischer Firmen. Ansätze für einen wirkungsvollen Beitrag der Versicherungswirtschaft bieten hier Staatsdeckungen, wie sie etwa die Caribbean Catastrophe Reinsurance Facility (CCRIF) bereitstellt. Daneben sind Mikroversicherungen für ärmere Bevölkerungsschichten denkbar. Ohne Subventionen durch die internationale Gemeinschaft, z. B. Entwicklungsbanken, sind beide Ansätze aber kaum gangbar. Allein schon der Wiederaufbau stellt den Staat mit seiner schwachen Finanzkraft vor gewaltige Herausforderungen. CCRIF ist ein Anfang, vom Volumen her aber nicht annähernd ausreichend, um einem Land wie Haiti wirkliche Hilfe bieten zu können.
Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti haben 2010 die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. © Reuters
Das Beben vom 12. Januar 2010 war die zweittödlichste Erdbebenkatastrophe seit 1950. Lediglich das Tangshan-Beben in China 1976 forderte mehr Menschenleben.
Erdbeben in Chile, Neuseeland und Haiti haben 2010 die Versicherungswirtschaft vor unterschiedliche Herausforderungen gestellt. © © Corbis. All Rights Reserved.
Angesichts der Häufung schwerer Beben 2010 geriet das Erdbeben in China eher in den Hintergrund, dennoch war es das sechsttödlichste Beben des Landes seit 1950.

Post Loss Amplification sollte zukünftig besser berücksichtigt werden

Die hohe Zahl von versicherten Einzelschäden in Chile und Neuseeland zeigt, dass das Phänomen der sogenannten „Post Loss Amplification“ in die Risikobewertung solcher Märkte einfließen muss. Darunter versteht man aufgeblähte Schadenzahlungen, sei es weil die Reparaturkosten infolge von Material- und Arbeitskräftemangel steigen oder weil Massenschäden pauschal reguliert werden. In Christchurch war der Anteil betroffener Policen für ein Beben dieser Stärke ungewöhnlich hoch. Ein bisher nur unzureichend gelöstes Problem in der Risikobewertung und -modellierung bilden einzelne Großschäden an Industrieanlagen mit hoher Betriebsunterbrechungs-Komponente. In Chile wie auch bei anderen Großkatastrophen, etwa beim Erdbeben in Mexiko 1985 oder bei Hurrikan Katrina 2005, haben solche Fälle erheblich zum versicherten Marktschaden beigetragen.
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