© laptopnet/Shutterstock.com
Naturkatastrophen

Staat oder Markt? Was bei der Vorsorge gegen Naturkatastrophen nötig ist

Der Sommer ist für viele die schönste Zeit des Jahres. Doch mit den warmen Monaten kommt nicht nur die Saison für Urlaub, Strand und Sonnenschein, sondern auch für Unwetter aller Art. In Europa ist jetzt die Gefährdung durch Schwergewitter mit Hagel und Überschwemmungen am höchsten, im tropischen Nordatlantik beginnt offiziell am 1. Juni die Hurrikansaison, und in Teilen Asiens erreicht die fast ganzjährig andauernde Wirbelsturmaktivität ab Juli ihren Höhepunkt.

Ein Blick auf das letzte Jahr zeigt, was das bedeuten kann: Die Naturkatastrophenbilanz im Sommer 2017 war heftig. In den USA und der Karibik vernichtete eine Abfolge von drei sehr schweren Wirbelstürmen Werte von 220 Mrd. US$. Es war ein Rekordschaden, der zahlreiche Menschen schwer getroffen hat und auch die Versicherungsbranche stark belastete.

Wie hoch die Schäden einer Wirbelsturmsaison werden, lässt sich nicht prognostizieren. Vor dem letzten Rekordjahr waren die Schäden mehrere Jahre lang gering gewesen, von einer „major-hurricane drought“, dem Ausbleiben von Landtreffern schwerer Hurrikane, war die Rede. Die meteorologischen Parameter für das Entstehen von Hurrikanen sind bekannt, aber es gibt zahlreiche Unwägbarkeiten, etwa den Einfluss kurzfristiger klimatischer Schwankungen.

Hurrikanschäden in den USA seit 1980: Florida am stärksten getroffen

Darüber hinaus bleibt es dem Zufall überlassen, ob diese Stürme für Menschen gefährlich werden und hohe Schäden auslösen. Zum Beispiel sind seit 1950 von 429 Hurrikanen im Nordatlantik rund 16 % mit Hurrikanstärke auf die USA getroffen. Dabei entsteht der Löwenanteil aller Schäden durch Hurrikane in den USA.

Für 2018 erwarten Forschungsinstitute derzeit, dass nach den vielen Stürmen des Vorjahres die Saison im Nordatlantik ähnlich viele Stürme wie im langfristigen Durchschnitt und damit weniger als 2017 hervorbringen wird. Aber das ist keine Entwarnung: Ein einzelner Sturm kann für eine verheerende Bilanz sorgen, wenn er ein Ballungszentrum trifft. So wie 1992 Hurrikan Andrew in Florida, der zu heutigen Werten gesamtwirtschaftliche Schäden von 87 Mrd. US$ verursachte.

Doch unabhängig davon, ob die Naturkatastrophen-Saison 2018 glimpflicher ausfallen wird oder nicht - eines hat sich noch immer nicht geändert: Als Gesellschaft schöpfen wir unser Potential zur Vermeidung von Schäden und finanziellen Vorsorge nicht aus. Wir haben ein kollektives Problem der Risikowahrnehmung: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Ort von einer Katastrophe getroffen wird, ist selbst in gefährdeten Regionen relativ gering. Das führt dazu, dass viele Menschen Risiken zwar ahnen, aber zu wenig dafür tun, um damit umzugehen.

Prävention hilft, die Gefahr für Menschenleben und Sachwerte zu reduzieren

Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Schäden zu verhindern oder sie zumindest finanziell abzufangen – etwa durch Verzicht auf Bebauung gefährdeter Gebiete oder durch Vorkehrungen wie besonders sturmfeste Gebäude oder wasserdichte Keller. Das wird umso relevanter, wenn bei Wetterkatastrophen auch noch der mögliche Einfluss des Klimawandels mitbetrachtet wird. Bei Hurrikanen zum Beispiel erwarten Forscher in der Summe zwar nicht mehr Stürme, langfristig aber einen höheren Anteil besonders zerstörerischer starker Hurrikane. Und an exponierten Küsten wie dem Golf von Mexiko sind extreme Starkniederschläge, die unter anderem bei Hurrikanen vorkommen, schon deutlich wahrscheinlicher als noch Anfang des 20. Jahrhunderts.

Natürlich: Verhindern lassen sich Naturkatastrophen nicht. Aber eine gute Prävention hilft, die Gefahr für Menschenleben und Sachwerte zu reduzieren. Dies zeigt sich besonders gut am Beispiel Flussüberschwemmungen in Europa: Investitionen in Dämme und Ausgleichsflächen seit dem Elbe-Hochwasser 2002 haben seitdem höhere Schäden verhindert, obwohl sich 2013 ein ähnlich schweres Hochwasser ereignete. Hatten die Schäden 2002 fast 17 Mrd. € betragen, waren sie 2013 mit 9,6 Mrd. € deutlich geringer. Zweites Beispiel, nochmals die Hurrikane: 2017 verursachte Hurrikan Irma in Florida vergleichsweise niedrige Schäden, da wegen verschärfter Baustandards neuere Gebäude dem Sturm besser widerstehen konnten.

© Munich Re
Als Gesellschaft schöpfen wir unser Potential zur Vermeidung von Schäden und finanziellen Vorsorge nicht aus. Wir haben ein kollektives Problem der Risikowahrnehmung.
Torsten Jeworrek
Mitglied des Vorstands, CEO Rückversicherung

Neben physischen Präventionsmaßnahmen ist aber auch die finanzielle Vorsorge gegen Katastrophenschäden durch Versicherungen viel zu niedrig. So waren selbst im hochentwickelten Nordamerika zwischen 1980 und 2017 nur 44 % der Naturkatastrophenschäden versichert. Nur zur Erinnerung, wir sprechen hier nicht über Kleinigkeiten, sondern über Gesamtschäden in der Summe von fast zwei Billionen US$. In Europa lag der Anteil solcher Versicherungen an den tatsächlichen Schäden bei 29 %, in Asien durch die viel geringere Verbreitung von Versicherung in Schwellenländern bei deutlich unter 10 %. Dabei haben Studien ergeben, dass gerade in Schwellenländern ökonomische Schocks nach Katastrophen durch eine höhere Versicherungsdichte abgefedert werden können, was nachhaltiges Wirtschaftswachstum unterstützt.

Für die zusätzliche Vorsorge für Schäden ist zunächst jeder Privatbürger und jedes Unternehmen selbst gefordert. Wir müssen Risiken wo möglich präventiv reduzieren - und uns versichern, statt dann nach einer Katastrophe nach dem Staat zu rufen. In Deutschland zum Beispiel bietet die Assekuranz für nahezu alle Häuser Naturgefahrendeckungen an. Dies gilt im Rahmen der „Erweiterten Elementarschadenversicherung“ selbst in Gebieten mit dem höchsten Flutrisiko, dann allerdings oft mit der Auflage, schadenvorbeugende Baumaßnahmen zu ergreifen. Schadenselbstbehalte sollen Anreize für entsprechende Schutzmaßnahmen bieten. Der Ruf nach dem Staat als Nothelfer ist hier zwar vielleicht noch verständlich, aber nicht notwendig.

In anderen Fällen hingegen ist ein Eingriff in den Markt durch den Regulierer sinnvoll, etwa wenn sonst eine Unterversicherung zu einem systemischen Risiko werden kann. So sind im stark erdbebengefährdeten Kalifornien derzeit nur weniger als 15 % der Häuser gegen Erdbeben versichert, obwohl Deckungen zu vertretbaren Preisen möglich sind. Ein einziges sehr starkes Beben könnte durch die herrschende Unterversicherung zur Folge haben, dass viele Banken Kreditausfälle von Baufinanzierungen erleiden. Die ökonomischen Belastungen wären weit über die USA hinaus spürbar. Wäre eine Erdbebenversicherung mindestens in Verbindung mit Hypothekendarlehen verpflichtend – ob bei privaten Versicherern, über einen staatlichen Pool oder eine öffentlich-private Risikopartnerschaft – ließe sich das Schadenpotenzial auf viele Schultern verteilen.

Die Beispiele zeigen: Die Gesellschaft kann noch viele Dinge tun, um die Auswirkungen von Naturkatastrophen zu mildern. Wir selbst analysieren, wie sich Gebäude und Bauwerke stabiler machen lassen, um Schäden zu vermeiden. Auch unterstützen wir Forschungen, die Effekte des Klimawandels und natürlicher Schwingungen im Klimasystem auf Naturkatastrophen in bestimmten Regionen analysieren. Alles soll dazu beitragen, die Resilienz gegen Naturkatastrophen zu stärken. Damit die Sommermonate um einige Sorgen ärmer werden.

Munich Re Experten
Torsten Jeworrek
Mitglied des Vorstands, CEO Rückversicherung
Weitere Informationen
Bisher keine Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar
* Pflichtfeld

Drucken
Das könnte Sie auch interessieren