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Globale Trends und Politik

Aufstieg populistischer Strömungen rüttelt Welthandel durcheinander 

Jahrzehntelang kannte der Welthandel fast nur eine Richtung: ständiges Wachstum. Vor allem wegen der zögerlichen Konjunktur ist der Welthandel 2015 und voraussichtlich auch 2016 allerdings deutlich geschrumpft.

Jahrzehntelang kannte der Welthandel fast nur eine Richtung: ständiges Wachstum. Seit Anfang der 90-er Jahre hat sich das Volumen der gehandelten Güter etwa verfünffacht. Vor allem wegen der zögerlichen Konjunktur ist der Welthandel 2015 und voraussichtlich auch 2016 allerdings deutlich geschrumpft. Eine rasche Erholung ist inzwischen fraglich, da protektionistische Tendenzen in westlichen Ländern, wie etwa die Androhung von Einfuhrzöllen durch den neuen US-Präsidenten Donald Trump, stark zunehmen. Käme es hierauf zu Gegenreaktionen von Handelspartnern, wäre die Belastung für Welthandel und weltweite Konjunktur erheblich. Von den Belastungen wäre auch die internationale Transportversicherung betroffen, deren Marktvolumen in den vergangenen Jahren ohnehin bereits zurückgegangen ist. Von 2002 bis zur Finanzkrise im Jahr 2008 stieg der Welthandel sehr stark mit Wachstumsraten von durchschnittlich 14% pro Jahr. Die Länder Asiens und vor allem China waren dabei die Haupttreiber. Die Globalisierung schritt in dieser Zeit besonders stark voran.

Das Ende der Globalisierung?

Dieser positive Trend hat sich in den letzten Jahren allerdings umgekehrt. Die Globalisierung und damit auch der Welthandel scheinen ins Stocken geraten zu sein. 2009 brach der internationale Handel mit Waren als Folge der weltweiten Rezession stark ein. Es folgten zwei Jahre der Erholung, aber seit 2011 verzeichnen wir eine Stagnation, im Jahr 2015 und in geringerem Umfang wahrscheinlich auch 2016 sogar wieder einen Rückgang. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat 2016 festgestellt, dass drei Viertel des Rückgangs seit 2012 durch die schwächere Weltkonjunktur verursacht wurden. Wegen geringerer Investitionen werden weniger Rohstoffe und Maschinen aus dem Ausland importiert. So hat China in den vergangenen drei Jahren deutlich weniger Güter eingeführt als in der Boomphase zuvor. Dies hat die Wirtschaft anderer Exportländer, z.B. in Lateinamerika, stark belastet.

Protektionismus auf dem Vormarsch

Der IWF nannte aber bereits im vergangenen Jahr auch protektionistische Maßnahmen als Grund für das negative Handelswachstum. Dazu zählen insbesondere Zölle und Exportsubventionen als tarifärer sowie Kontingente als nichttarifärer Protektionismus. Seit 2009 ist ein mehr oder weniger kontinuierlicher Anstieg von protektionistischen Maßnahmen zu erkennen. Besonders auffällig dabei ist der enorme Anstieg seit 2012, als der Aufwärtstrend des Warenhandelsvolumens vorläufig endete. Viele Freihandelsabkommen sind mittlerweile in Gefahr – weil sie entweder aufgekündigt werden (Beispiel  TPP) oder in den Verhandlungen stecken bleiben (Beispiel TTIP). Die Aufkündigung von TPP und vielleicht sogar der nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA durch die USA jedenfalls könnte verheerende Folgen für die anderen beteiligten Handelspartner haben. Scheitern tatsächlich bereits verabschiedete oder auch geplante Freihandelsabkommen, würde der Protektionismus ein alarmierendes Ausmaß errei-chen. Der voranschreitende Freihandel hat in den vergangenen Jahrzehnten die Wirtschaftsentwicklung nahezu aller Länder positiv beeinflusst. Internationale Arbeitsteilung und grenzüberschreitende Produktionsprozesse haben sich zum Wesenskern der modernen Weltwirtschaftsordnung entwickelt. Dass diese Globalisierung nicht nur Gewinner mit sich gebracht hat, lässt sich nicht leugnen. Doch eine Zunahme an Protektionismus ist darauf keine Antwort. Entwicklungsländer sind besonders häufig die Verlierer von protektionistischen Maßnahmen. Sie erwarten zu Recht, dass wir faire, ausbalancierte Handelsabkommen entwickeln.

Welthandel und Transportversicherung

Die Globalisierung scheint also in der Krise zu stecken. Davon ist auch die Transportversicherung betroffen. Die Prämieneinnahmen gingen – analog zur Entwicklung des Warenhandelsvolumens – in allen Teil-sparten seit 2012 zurück. Selbst bereinigt um Umrechnungseffekte durch den gestiegenen US-Dollar ist das Prämienvolumen stagniert. 2015 lag das weltweite Prämienvolumen mit knapp 30 Mrd. US$ wieder auf dem Niveau von 2010. Nach zwei schwachen Jahren für den Welthandel würden die konjunkturellen Rahmenbedingungen nun eigentlich eine Erholung erwarten lassen: Ein stärkeres Wachstum in den USA, ein wahrscheinliches Ende der Rezession in Russland und Brasilien und eine Erholung anderer rohstoffexportierender Länder aufgrund höherer Preise sollte den globalen Handel 2017 und danach wieder beschleunigen. Aber: Dem entgegenwirken könnte die Tendenz zu mehr Protektionismus. Die aktuelle Handelspolitik der USA mit dem Ausstieg aus TPP oder die Effekte des Brexit haben das Potenzial, den internationalen Handel erheblich zu dämpfen und die Globalisierung zu verlangsamen. Dem Handelsabkommen zwischen Kanada und der EU immerhin hat nun das Europaparlament zugestimmt, so dass Teile vorläufig – bis zur Ratifizierung durch die Mitgliedsstaaten - bald in Kraft treten können. Welcher Effekt stärker wirkt, bleibt abzuwarten. Im Moment sollte man aber nicht darauf hoffen, dass es sich bei den geschrumpften Handelsvolumen nur um eine kurze Delle handelt. Entsprechend sind die Erwartungen für die Transportversicherer: Auch hier sollte die Branche für das laufende Jahr nicht auf eine deutliche Erholung der Prämienvolumen setzen. Freier Welthandel und globaler Warenaustausch sind die Grundlage für Wachstum und Wohlstand in der Weltwirtschaft. Bei einer Umkehr auf dem Weg zu einer fairen Globalisierung zurück zu nationaler Abschottung werden alle Beteiligten in den Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern verlieren.

Munich Re Experten
Dieter Berg
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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