Hurrikan Patricia: Monstersturm endet glimpflich

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02. März 2016 | Naturkatastrophen 2015

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Monstersturm endet glimpflich
Ein Kategorie-5-Hurrikan, der auf Land triff, löst oft eine Katastrophe aus. Nicht so Patricia, ein sehr intensiver, aber kleiner Wirbelsturm an der mexikanischen Pazifikküste.
Getty Images

Der Nordpazifik erlebte 2015 eine ungewöhnlich aktive Wirbelsturmsaison. Hurrikan Patricia markierte dabei am 23. Oktober 2015 neue Rekorde: Er verursachte den stärksten Landfall im Ostpazifik seit Aufzeichnungsbeginn und war global einer der heftigsten jemals registrierten Wirbelstürme. Dank günstiger Umstände blieben die Schäden jedoch gering.

Hurrikan Patricia konnte seine Energie aus dem sehr warmen Wasser vor der Küste Mexikos ziehen, das sich aufgrund der herrschenden El-Niño-Bedingungen stark erwärmt hatte. Begünstigt wurde die Entstehung von tropischen Wirbelstürmen in der Region zudem durch nur geringe Windunterschiede zwischen Boden und höheren Schichten. So kam es, dass im Ostpazifik mit zehn Hurrikanen der Kategorien 3, 4 und 5 auf der Saffir-Simpson-Skala das langjährige Mittel von 1981 bis 2010 von 4,1 bei Weitem überschritten wurde. Vor Patricia hatte sich in diesem Ozeanbecken zuletzt 1959 ein Hurrikan der Kategorie 5 gebildet, der auf Land traf.

Spitzenböen von 400 km/h

Den Ausgangspunkt nahm Patricia am 20. Oktober 2015, als sich etwa 300 Kilometer südlich des Golfs von Tehuantepec im Süden Mexikos eine tropische Depression entwickelte. Das Tiefdruckgebiet bewegte sich küstenparallel in west-nordwestlicher Richtung und hatte sich bereits am 22. Oktober zu einem Hurrikan der Kategorie 1 intensiviert. Während der folgenden 15 Stunden durchlief Patricia eine explosionsartige Verstärkung, und in der Nacht zum 23. Oktober zeigten die Messungen Windgeschwindigkeiten der höchsten Kategorie 5 an.

Aufgrund der außergewöhnlich hohen Meerestemperaturen von 31 °C und des schwachen Scherwindes intensivierte sich der Sturm in den nächsten zwölf Stunden sogar noch weiter, sodass während dieser Zeit vermutlich Spitzenböen von rund 400 km/h auftraten. Die maximale Windstärke im Ein-Minuten-Mittel wird auf eine Rekordhöhe von rund 325 km/h geschätzt.

Nur leicht abgeschwächt traf Patricia etwa 24 Stunden später nahe Cuixmala im mexikanischen Bundesstaat Jalisco auf Land. Das National Hurricane Center der USA schätzte die dabei auftretende Spitzengeschwindigkeit auf 270 km/h (Ein-Minuten-Mittel) bei Böen von bis zu 340 km/h im Biosphärenreservat Chamela-Cuixmala.

Unter dem Einfluss küstennaher Gebirge schwächte sich der Hurrikan schnell ab und löste sich innerhalb von 24 Stunden über den Bergen Zentralmexikos auf. Die Reste verstärkten kurzzeitig ein Regentief über dem Süden der USA, allerdings ohne größere Auswirkungen.

Geringe Schäden trotz Kategorie 5

Dass in Mexiko trotz der Rekordwindstärke verhältnismäßig geringe Schäden entstanden, ist vor allem der geringen Ausdehnung von Patricia zu verdanken. Möglicherweise war es sogar der tropische Wirbelsturm mit den wenigsten Schäden in der westlichen Hemisphäre, der je als Kategorie-5-Hurrikan auf Land traf. Der Durchmesser des gesamten Windfelds mit mindestens orkanartiger Windstärke betrug nur etwa 200 Kilometer. Auch der Durchmesser von Patricias Auge, an dessen Wand die stärksten Winde und damit die höchsten Schäden auftraten, war mit weniger als 20 Kilometern extrem gering.

Hinzu kam, dass sich Patricia mit etwa 23 km/h bewegte, einer für diese Breiten überdurchschnittlichen Vorwärtsgeschwindigkeit. Das verkürzte die Zeit, in welcher der Hurrikan sein größtes Zerstörungspotenzial entfalten konnte. Die Spitzenwindgeschwindigkeiten, die in der rückwärtigen Augenwand Patricias zu finden waren, hielten lediglich 17 Minuten an (Abb. 1). Auch das Niederschlagsfeld zog rasch vorüber, sodass es kaum Überflutungen gab. Dennoch wurden laut mexikanischer Wasserbehörde Comisión Nacional del Agua (Conagua) teilweise Tageswerte von 300 Millimetern Niederschlag erreicht.

Das schmale Windfeld Patricias zog über relativ dünn besiedeltes Gebiet und sparte die nördlich gelegene Touristenstadt Puerto Vallarta und die südlich gelegene Hafenstadt Manzanillo fast gänzlich aus (Abb. 2). Die befürchtete Katastrophe blieb auch deshalb aus, weil die Regierung frühzeitig Evakuierungen angeordnet hatte und die Bevölkerung in Sicherheit gebracht worden war.

In den betroffenen Regionen, zum Beispiel in der Gemeinde Emiliano Zapata, zeigte sich das übliche Bild schwerer Windschäden: Häuser stürzten ein, Dächer wurden abgedeckt, Strommasten aus Beton knickten ab, Bäume wurden entwurzelt oder brachen. Der versicherte Schaden betrug 25 Millionen US-Dollar bei einem gesamtwirtschaftlichen Schaden von 550 Millionen US-Dollar.

Sturmgröße oft wichtiger als Intensität

Patricia ist ein Beispiel dafür, dass es bei der Beurteilung von Hurrikanen nicht allein auf die maximalen Windstärken oder auf die Kategorie ankommt. Lässt man Faktoren wie die Größe des Sturms und das Ausmaß des Auges außer Acht, kann sich rasch ein falsches Bild der tatsächlichen Risikolage ergeben. Großflächige Stürme wie Ike, der 2008 als Kategorie-2-Hurrikan auf Texas traf, und Sandy, der 2012 gerade noch mit Hurrikanstärke über New York zog, richteten beispielsweise ein Vielfaches der Schäden von Patricia an.

Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Einfluss, den die Topografie der Küste ausübt. Bei Ike, Sandy und auch bei Katrina (2005) ging ein Großteil der Schäden auf die jeweilige Sturmflut zurück, die sich durch den Hurrikan gebildet hatte. An der Küste Mexikos hingegen behinderte das steile Abfallen des Ozeanbodens die Entstehung einer hohen Sturmflut, und die enormen Wellen, die durch Patricias extreme Windstärke entstanden, prallten an der steil ansteigenden Küste ab.

Glück im Unglück

Die geringe und zudem nur relativ dünn besiedelte betroffene Fläche, das schnelle Durchziehen des Sturmgebiets und die ungünstigen Bedingungen für eine Sturmflut verhinderten weit höhere Schäden. Deutlich wird dies im Vergleich mit Hurrikan Odile, der 2014 in Baja California auf Land getroffen ist. Odile hatte lediglich die Kategorie 3, traf aber eine Region mit zahlreichen Luxusresorts und verursachte dort einen versicherten Schaden von über 1,2 Milliarden US-Dollar. Daraus lässt sich erahnen, was ein Hurrikan von Patricias Stärke in Puerto Vallarta, einem der bedeutendsten Touristikzentren Mexikos, hätte anrichten können. Zusammenfassend kann man also sagen, dass Mexiko bei Patricia Glück im Unglück hatte.

Unser Experte
Dr. Doris Anwender ist Consultant für atmosphärische Risiken im Bereich Corporate Underwriting/Geo Risks.

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