Land unter in der chilenischen Atacama-Wüste

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02. März 2016 | Naturkatastrophen 2015

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Land unter in der Atacama-Wüste
Ein Milliardenschaden in der Wüste ist nicht alltäglich, noch dazu wenn er durch Wasser entsteht. Der Norden Chiles musste solche leidvollen Erfahrungen machen.
Getty Images

Sturzfluten gehören zu den gefährlichsten Naturereignissen, kaum ein Ort ist vor ihnen sicher. Diese Erfahrung mussten im vergangenen Jahr die Menschen in der chilenischen Atacama-Wüste machen, einer der trockensten Gegenden der Erde. Dort bewahrheitete sich die scheinbar paradoxe Feststellung, wonach in der Wüste mehr Menschen ertrinken als verdursten.

Im größten Teil der Atacama im Norden Chiles fallen im Jahr durchschnittlich nur wenige Millimeter Niederschlag. Jahre ohne einen Tropfen Regen sind an vielen Orten keine Seltenheit. Das ist zum einen auf die Lage zwischen dem über 2.000 Meter hohen Küstengebirge und den teilweise mehr als 6.000 Meter hohen Anden zurückzuführen: Die beiden Höhenzüge bilden einen doppelten Regenschatten.

Fünf Millimeter Niederschlag – im Jahresmittel

Auch die Position zwischen dem 20. und 30. Breitengrad Süd, in der Luftmassen vornehmlich absinken und dabei trocknen, begünstigt das extrem trockene Klima. Und schließlich behindert der kalte Humboldt-Meeresstrom entlang der Küste die Verdunstung und damit die Bildung von Regenwolken. Wenn es doch einmal regnet, müssen ganz besondere Bedingungen in der Atmosphäre herrschen. Wie Ende März 2015, als nach fast zehn Jahren Trockenheit am Ende eines extrem heißen Sommers eine aus Südwesten heranziehende Kaltfront feuchte Luft in die Wüstenregion lenkte. Drei Tage lang fielen im Vergleich zur sonst üblichen Menge intensive Niederschläge.

60 Millimeter Niederschlag – an einem Tag

Am 25. März wurden stellenweise über 60 Millimeter gemessen, die der trockene Wüstenboden nicht aufnehmen konnte. Flussläufe wie der Copiapó, der 17 Jahre lang trockenlag, verwandelten sich in kürzester Zeit zu reißenden Strömen. Es bildeten sich Sturzfluten, die aufgrund des vegetationslosen und damit erosionsanfälligen Geländes zu zerstörerischen Schlammfluten wurden. Hinzu kamen riesige Felsbrocken, die das Wasser von den Hängen schwemmte. Die Sturzfluten bahnten sich ihren Weg durch die Städte Copiapó und Antofagasta. Das hatte es seit 80 Jahren nicht mehr gegeben. In Quillagua, dem trockensten Ort der Erde, wo es seit 1919 nicht mehr richtig geregnet hatte, fielen vier Millimeter Niederschlag. Selbst diese kleine Menge reichte aus, um einige Häuser zu beschädigen.

Stillstand in den Kupferminen

Angesichts der dünn besiedelten Atacama-Wüste sind die geschätzt 1,5 Milliarden US-Dollar Gesamtschäden und 500 Millionen US-Dollar versicherten Schäden auf den ersten Blick erstaunlich. Allerdings muss man bedenken, dass ein Drittel des weltweit geförderten Kupfers aus den weit verstreuten Vorkommen in Chile stammt. Mehrere Minen mussten zeitweise den Betrieb einstellen. Der Transport von und zu den Abbaugebieten erfolgt über größtenteils private, meist versicherte Bahnstrecken. Schäden an der Infrastruktur waren der Hauptgrund für die immensen Kosten.

Doch auch die Folgen für die Siedlungsgebiete waren beträchtlich, ganze Ortschaften standen unter Wasser. In den Fluten starben 31 Menschen, weitere gelten als vermisst. Über 2.000 Häuser wurden vollständig zerstört, mehr als 6.250 schwer beschädigt. Hinzu kamen Schäden im Agrarsektor, werden entlang des Copiapó doch intensiv Tafeltrauben und Oliven angebaut. Zwar war die Traubenernte 2015 bereits weitgehend eingebracht, doch lassen die vielen unter ausgehärtetem Schlamm begrabenen Pflanzen für die nächsten Jahre erhebliche Verluste erwarten.

Versicherer gefordert

Chile gehört zu den Ländern, die sich einer Vielzahl von Naturgewalten ausgesetzt sehen. Neben den Atacama-Fluten gab es dort im vergangenen Jahr zwei Vulkanausbrüche, ein starkes Erdbeben mit einem Fünf-Meter-Tsunami sowie Dürren und Buschfeuer. Während die Versicherungsdurchdringung bei privaten urbanen Haushalten und bei Gewerbetreibenden im Mittel recht hoch ist, hinken ländliche Gegenden wie die im März getroffenen hinterher.

Die Zeichnungspolitik entspricht hohen Standards, so dass die chilenische Versicherungsindustrie auf soliden Beinen steht und meist ausreichend gegen Großkatastrophen rückversichert ist. So konnten die großen Erdbebenereignisse der jüngeren Vergangenheit ohne Schwierigkeiten geschultert werden.
Die versicherten Schäden von geschätzt einer halben Milliarde Dollar stammen zum größten Teil aus der Minenindustrie und von privaten Infrastrukturanlagen wie Straßen, Brücken und Wasserversorgungseinrichtungen. Mehr als die Hälfte der Bewässerungskanäle und fast 30 Prozent der Plantagenflächen sind schwer durch Verschlammung geschädigt.

Schutz vor Sturzfluten kaum möglich

Sturzfluten gehören zu den gefährlichsten Naturereignissen – auch weil sie immer noch tendenziell unterschätzt werden. Im vergangenen Jahr gab es weltweit 105 derartige Ereignisse, bei denen jeweils mindestens fünf Menschen ihr Leben verloren – viele von ihnen vermeidbar. So verständlich es ist, sein Auto aus der Tiefgarage retten zu wollen, so riskant ist es.

Das Wasser kommt oft rasend schnell, kennt kaum Hindernisse und entfaltet eine unvorstellbare Gewalt. Da die meisten Fahrzeuge ohnehin versichert sind, wird ein Verlust in der Regel kompensiert.

Vorsorge gegen extreme Sturzfluten zu treffen, ist nicht einfach. Sie treten in der Regel unmittelbar dort auf, wo der Niederschlag fällt, bewegen sich aber oft mit großer Geschwindigkeit – auch außerhalb von Wasserläufen. Ihre Seltenheit (bezogen auf einen bestimmten Ort) verbunden mit ihrer großen Zerstörungskraft schließen bauliche Vorkehrungen nahezu aus. Die einzige Chance besteht darin, möglichst abseits von Tiefenlinien im Tal oder am Hang – den potenziellen Sturzflutbahnen – zu bauen.

Hilfreich ist zudem, alle Gebäudeöffnungen, durch die Wasser eindringen kann, einige Dezimeter über das Geländeniveau zu legen. Das schützt zwar nicht bei Extremereignissen, aber zumindest moderate Sturzfluten bleiben schadenfrei.

Die Tatsache, dass eine Sturzflut nahezu überall auftreten kann, Schutzbauten in vielen Fällen jedoch ökonomisch wenig Sinn ergeben, macht sie zu einem idealen Thema für die Assekuranz. Keine andere Vorsorgemaßnahme ist kosteneffizienter als eine Versicherung gegen diese Naturgefahr.

Unser Experte
Dr.-Ing. Wolfgang Kron ist Senior Consultant für hydrologische Gefahren im Bereich Geo Risks Research.
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