Klimawandel & Klimaschutz: Sicherheitsfragen

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Klimawandel und Sicherheitsfragen

Die Analyse und Bewertung mittel- und längerfristiger mittelbarer Folgen des Klimawandels – eine Verschlechterung der Lebensgrundlagen wegen unzureichender Nahrungsmittelversorgung oder der Rückzug aus überfluteten Küstenregionen – stehen seit vielen Jahren auf der wissenschaftlichen Forschungsagenda, aber bis dato nur punktuell auf der Tagesordnung politischer Entscheidungsträger. Dies gilt insbesondere seit Finanz- und Wirtschaftsthemen in der politischen Diskussion ganz nach vorn gerückt sind.

Migration als Anpassungsstrategie bei Umweltveränderungen

Die Menschen haben, ganz gleich wie sie sich gesellschaftlich organisieren, bei sich verschlechternden Umweltbedingungen nur zwei grundsätzliche Optionen zur Reaktion: die Ursachen für diese Entwicklungen zu korrigieren oder sich stetig der neuen Situation anzupassen. In der Praxis wird daraus dann oft eine Doppelstrategie, mit einer Kombination von Elementen beider Optionen. Was ist die wahrscheinlichste Reaktion, wenn Veränderungen in den Umweltbedingungen allenfalls über einen sehr langen Zeitraum beeinflusst werden können und die Anpassungsfähigkeit gesellschaftlicher Gruppen überschreiten oder dauerhaft Disparitäten in der Wohlstandsverteilung verstärken: Eine geografische Verlagerung des persönlichen Lebensraums hin in Gebiete mit tatsächlich oder vermeintlich besseren Lebensbedingungen. Historisch gesehen war Migration immer wieder eine „Überlebensstrategie“ in humanitären Notsituationen. So ist es auch heute plausibel, dass dauerhaft massive Verschlechterungen in den Umweltbedingungen – insbesondere in Regionen mit  wachsender Bevölkerung – zu wachsendem Migrationsdruck führen. Dieses Phänomen besitzt seinerseits das Potenzial zur Bedrohung anderer Gesellschaften.

Klimawandel und Sicherheitsfragen

In der Diskussion zum Klimawandel ist es die Aufgabe der Naturwissenschaften, politische Entscheidungsträger über sich ändernde Wahrscheinlichkeiten meteorologischer Parameter zu informieren und deren Ursachen zu erforschen. So finden sich in der Bestandsaufnahme der World Meteorological Organization „The Global Climate 2001–2010: A Decade of Climate Extremes“ höchst relevante Fragestellungen.  Bereits in vorangegangenen Jahrzehnten ergaben Szenariosimulationen mit Klimamodellen, dass ein Anstieg der Konzentration sogenannter Treibhausgase in der Atmosphäre aufgrund ihres direkten und indirekten Strahlungsantriebs zu regional unterschiedlichen Veränderungen von Wetterextremen führen kann. Auf dieser Basis wiesen bereits in den 1970er-Jahren erste Studien  auf eine mögliche neue Dimension von globalen Sicherheitsfragen als Folge des anthropogenen Klimawandels hin. Auf die offizielle politische Agenda gehoben wurde das Thema „Klimawandel und Sicherheit“ 1988 in Toronto im Rahmen einer durch den damaligen kanadischen Premierminister Brian Mulroney unterstützten internationalen Wissenschafts- und Politikkonferenz: „The Changing Atmosphere: Implications for Global Security“. In den Folgejahren war diese Fragestellung immer wieder Gegenstand interdisziplinärer Forschung und fand Eingang in politische Diskussionen und Beratungen. 

Sozioökonomische Auswirkungen in Entwicklungs-/Schwellenländern

Eine durch den Klimawandel bedingte – ereignisgetriebene oder schleichende – Verschlechterung der Lebensgrundlagen für viele Menschen macht es sehr wahrscheinlich, dass der Migrationsdruck in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Davon sind insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer betroffen, die sich aufgrund ihrer ohnehin schon bestehenden schwächeren ökonomischen Situation auf eine Verschlechterung der Nahrungsmittelversorgung oder etwa einen steigenden Meeresspiegel nicht ausreichend einrichten können, ihnen fehlt die Kraft zur Anpassung.  

So schätzte das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), dass bereits im Jahr 2005 rund 24 Millionen Menschen rund um den Globus wegen Überschwemmungen, Hungersnöten und anderen Umweltkatastrophen auf der Flucht waren.  Die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf erwartet, dass die Zahl der umweltbedingten Migranten bis 2050 auf 200 Millionen anwachsen könnte. Die vorgenannten Zahlen können aufgrund einer bislang fehlenden exakten Definition von Klimamigranten nur als Indikation verstanden werden. Eine Vorstellung von der Dimension naturkatastrophenbedingter Wanderungsbewegungen gewähren sie aber dennoch. In einer von der EU geförderten Studie wurden bis 2009 zahlreiche Szenarien zu klimabedingter Migration untersucht. Das Ergebnis: „Environmental impacts will undoubtedly affect an increasing number of communities and become a major push factor for displacement. Therefore it is important to rapidly address, at the policy level, the issue of environmental migrants/refugees“.

Flüchtlingsströme haben mehrere Ursachen, oft beruhen sie auf einer Vielfalt ökonomischer, politischer und ökologischer Herausforderungen, eine Zuordnung  zu einer Ursache ist schwierig bis unmöglich. Es ist aktuell wohl noch davon auszugehen, dass bei der Gesamtheit der weltweiten Flüchtlingsströme ökonomische und politische Sachzwänge die Push- und Pull-Faktoren dominieren. Wie lange noch?

Klimawandel und Haftungsfragen

Bis heute ist die Frage einer völkerrechtlichen oder privatrechtlichen Haftung für die Folgen des Klimawandels nicht abschließend geklärt. Von Einzelpersonen und Bevölkerungsgruppen angestrengte Verfahren gegen Industriekonzerne blieben bislang erfolglos. Die Assekuranz verfolgt die Entwicklung der Rechtsprechung auf diesem Gebiet natürlich mit größter Aufmerksamkeit. Ein echter Belastungstest im Zusammenhang mit der Regulierung zwischenstaatlicher Haftungsansprüche wegen der Folgen des Klimawandels steht noch aus. Die Geltendmachung einer Haftung für beeinträchtigte Sicherheitsinteressen eines Landes wegen Migrationsbewegungen aufgrund des Klimawandels würde hier jedenfalls ganz neue Dimensionen eröffnen.

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