Schmutzige Bomben — heimtückisch und unberechenbar
Risiken eines möglichen Angriffs mit einer Dirty Bomb auf ein Unternehmen sollten nach Ansicht der Münchener Rück aus der Arbeiterunfallversicherung ausgeschlossen werden. Unter einer "schmutzigen Bombe" (Dirty Bomb) versteht man einen konventionellen Sprengkörper, der mit strahlendem oder bakteriellem Material bestückt ist oder chemische Stoffe enthält.
Explodiert der Sprengsatz, ist eine flächendeckende Kontaminierung zu erwarten. Da Dirty Bombs außerdem relativ leicht hergestellt werden können, eignen sie sich zu terroristischen Zwecken. Allerdings fehlen zu diesem Thema Informationen und Erfahrungen. Daher hat die Münchener Rück beschlossen, die damit verbundenen Risiken zu analysieren. Im Vordergrund stehen im Folgenden die speziellen Probleme, die für die Arbeiterunfallversicherung (AUV) entstehen.
Ungeklärt ist bislang, wie man ein derartiges Ereignis überhaupt klassifizieren kann. Die Primärwirkung einer schmutzigen Bombe, die von der Druckwelle des Sprengkörpers aus geht, dürfte als Berufsunfall zu werten sein. Die Sekundärwirkung, also die Folgen der Kontaminierung mit atomaren, biologischen oder chemischen Stoffen, könnte man dagegen als Berufskrankheit betrachten.
Zeitraum und Ausmaß der Kontaminierung sind im Vorhinein schwer abzuschätzen, da offen ist, wie viele Personen wie lange einer schädlichen Substanz ausgesetzt sind. Und viele Krankheiten wie Krebs entwickeln sich erst nach längeren Latenzperioden.
Gefahr durch Mikroorganismen und gefährliche Stoffe
Zudem besteht die Gefahr, dass Mikroorganismen eingesetzt werden, die eigentlich weltweit ausgerottet oder der Medizin unbekannt sind, etwa weil sie im Labor manipuliert wurden. Daher ist es praktisch unmöglich festzustellen, wie viele Menschen innerhalb eines bestimmten Zeitraums sterben oder arbeitsunfähig werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die gefährlichen Stoffe über die Luft oder über Wasser verbreiten können. Die schädlichen Wirkungen variieren stark je nach Wind- oder Strömungsrichtung — mit unberechenbaren Risiken für den Erst- und Rückversicherer.
Ein Beispiel: Eine schmutzige Bombe detoniert im Grenzgebiet zwischen zwei Ländern. In diesem Fall sind voraussichtlich zwei Arbeiterunfallsysteme von ein und demselben Ereignis betroffen.
Risiko- und Gefährdungspotenzial eines Angriffs mit einer schmutzigen Bombe sind in der AUV daher alles andere als berechenbar. Ein Kausalzusammenhang zwischen Bombe und Berufsrisiko ist ebenfalls nicht gegeben, da es unmöglich ist, das Ereignis zeitlich und örtlich zu definieren. Die Münchener Rück hält deshalb den vollständigen Ausschluss von NBCR-Gefahren (Gefahren, die von nuklearen, biologischen und chemischen Stoffen ausgehen oder auf Strahlung zurückgehen) aus der AUV für wichtig und vernünftig, um langfristig die Existenz des Arbeiterunfallsystems sowie die Zahlungsverpflichtungen gegenüber den betroffenen Arbeitnehmern sicherzustellen.
Des Weiteren ist es in der AUV üblich, das individuelle Risiko weiter abzustufen, wobei man sich an der individuellen Schadenerfahrung des versicherten Arbeitgebers orientiert; das zieht verschiedene Zu- oder Abschläge nach sich. Wenn diese Anpassung auch terroristischen Anschlägen Rechnung tragen sollte, würde ein Unternehmen mit einem niedrigen Berufsunfallrisiko und entsprechend niedriger Prämie durch einenTerroranschlag in einer hohen Kategorie landen, was der eigentlichen Logik der AUV zuwiderläuft.