Risiken besser abbilden
Perfekte Lösung oder dynamischer Prozess? Henrik Bjerre-Nielsen, Vorsitzender von CEIOPS und Leiter der dänischen Finanzaufsicht, ist überzeugt, dass Pragmatik und Kompromissbereitschaft die zentralen Erfolgsfaktoren für eine termingerechte Umsetzung von Solvency II sind.
Der Münchener-Rück-Experte Dr. Rolf Stölting diskutierte mit Bjerre-Nielsen über veränderte Kapitalanforderungen, interne Risikomodelle und mögliche Auswirkungen von Solvency II auf die Versicherungswirtschaft.
Dr. Rolf Stölting: Im November 2005 feierte CEIOPS sein zweijähriges Bestehen. Was hat der Ausschuss bisher erreicht?
Henrik Bjerre-Nielsen: Entscheidend war, dass wir bei den Anfragen der Europäischen Kommission, den so genannten Calls for Advice, weitgehend die Fristen einhalten konnten. Hier geht es um Empfehlungen für die Eckpfeiler der künftigen Solvenzregeln. Wir haben schon einiges erreicht, sind uns aber bewusst, dass noch große Herausforderungen vor uns liegen. Viele Fragen werden auftauchen, mit denen wir uns eingehend beschäftigen müssen, wenn die Kommission wie geplant 2007 einen Richtlinienentwurf vorlegen soll.
Stölting: Glauben Sie, dass dieser Zeithorizont realistisch ist?
Bjerre-Nielsen: Er ist sehr ehrgeizig. Alle Beteiligten müssen kompromissbereit sein — die Mitgliedsstaaten, das Europäische Parlament, die Kommission und nicht zuletzt die Versicherer. Ein bisschen Glück gehört natürlich auch dazu, denn die Aufgabe ist komplex. Aber auch unsere Haltung und Motivation spielen eine wichtige Rolle: Sehen wir das Ganze eher als evolutionären Prozess? Oder wollen wir eine Lösung finden, die von Anfang an perfekt ist? Letzteres lässt sich innerhalb der angestrebten Frist kaum erreichen. Solvency II bedeutet einen gewaltigen Schritt nach vorn. Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass sich Risiken dynamisch entwickeln. Es ist unmöglich, ein Aufsichtssystem zu konzipieren, das nie mehr verändert werden muss.
Stölting: Wird Solvency II wie geplant 2010 eingeführt werden können?
Bjerre-Nielsen: Das hoffe ich, denn die Zeit drängt. Wenn es uns nicht gelingt, werden einige Länder versuchen, ihr System im nationalen Alleingang zu verbessern, wie dies bereits in Großbritannien, den Niederlanden und in meiner Heimat Dänemark der Fall ist. Das heutige System ist überholt. Je länger wir auf eine Neuregelung warten müssen, desto schwieriger wird es, eine gemeinsame Lösung zu finden. Die aber brauchen wir, um einen einheitlichen europäischen Versicherungsmarkt zu schaffen.
Stölting:Was bedeutet Solvency II für die Aufsichtsbehörden und die Versicherungswirtschaft insgesamt?
Bjerre-Nielsen: Das neue System wird risikosensibler sein, das heißt, die Kapitalanforderungen werden das individuelle Risikoprofil eines Versicherers besser abbilden. Und es wird dynamischer sein. Außerdem wird es keine Einheitslösung mehr geben: Große Versicherer werden ermutigt, interne Modelle zu entwickeln, während kleinere Gesellschaften die Möglichkeit haben, eine Standardformel zu verwenden. Die Versicherer können also in gewissem Umfang wählen, welche Regeln sie anwenden. Bei der Aufsicht müssen meiner Ansicht nach die Kompetenzen für die Risikobeurteilung — insbesondere finanzieller Risiken — gestärkt werden. Wenn wir in der EU einen gemeinsamen Versicherungsmarkt wollen, müssen auch die Aufsichtspraktiken konvergieren.
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