Munich Re Info:
Solvency II

Münchener Rück Info: Solvency II gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion zu Solvency II. Die Newsletter enthalten insbesondere Informationen zu den auf EU-Ebene beteiligten Gremien, den internationalen und europäischen Aufsichtsbehörden, den Aktuars- und Branchengremien sowie zu aufsichtsrechtlichen Entwicklungen in verschiedenen Ländern.

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2. August 2007

Dr. Jörg Schneider im Interview: Teil 1

Solvency II – Auswirkungen auf Assekuranz/Verhältnis EV-RV

Im ersten Teil unseres Interviews: Was erwartet Finanzvorstand Jörg Schneider von Solvency II? Und was können Kunden von der Münchener Rück erwarten?

Munich Re Info: Herr Schneider, welche Bedeutung hat Solvency II für die Versicherungswirtschaft aus Ihrer Sicht?

Dr. Jörg Schneider: Solvency II revolutioniert die Rahmenbedingungen der Assekuranz. Die Entwicklung hin zu einer verstärkt risikobasierten Aufsicht ist eine fundamentale Änderung und wird die Produktwelt und die finanziellen Rahmenbedingungen positiv verändern.

Munich Re Info: Sie sehen Solvency II also optimistisch?

Schneider: Ja, ich bin sehr beeindruckt, was EU-Kommission und CEIOPS in kurzer Zeit und in Anbetracht der schwierigen Materie auf die Beine gestellt haben. Insbesondere der kürzlich vorgelegte Richtlinienvorschlag ist dabei ein wichtiger Meilenstein. Zwar gibt es Kritik im Detail, etwa was die Diversifizierungseffekte durch verschiedenartige Risiken angeht, aber was jetzt vorliegt, hat eine beachtliche Qualität. Die Versicherungswirtschaft unterstützt ganz überwiegend die Grundsätze von Solvency II – die Politik muss nun dafür sorgen, dass sie strikt angewendet werden.

Munich Re Info: Solvency II zwingt Erstversicherer, genauer zu steuern. Rückversicherung wird daher künftig wohl mit höherer Präzision eingekauft werden. Wird die Rückversicherung dadurch nicht reduziert auf einen reinen Kapazitätsanbieter?

Schneider: Der Kunde kann das so handhaben. Wer vom Rückversicherer nur Kapazität haben möchte, der wird sie auch künftig bekommen. Aber er lässt letztlich Geld auf der Straße liegen, weil er auf die Möglichkeit verzichtet, gemeinsam mit dem Rückversicherer die für ihn idealen Deckungsprogramme zu gestalten.

Kurzum: Wir werden im Vergleich zu heute mehr Kunden haben, die aus einer Analyse ihrer Risikoposition heraus sehr präzise ihren Rückversicherungsbedarf ermitteln. Diesen Kunden und ihren Bedürfnissen mit unserem Expertenwissen zu begegnen wird unsere Herausforderung sein.

Munich Re Info: Ist das nicht zu positiv gedacht? Ein Kunde, der mit einem internen Modell seinen Bedarf an Rückversicherung ermittelt, weiß doch genau, ab wann es für ihn günstiger ist, Rückversicherung einzusetzen, um Eigenkapital zu substituieren.

Schneider: Bei den großen, global aufgestellten Versicherern mag das so sein. Die Kundenbeziehung zu ihnen kann dennoch breiter ausgestaltet werden und projektorientierte Züge annehmen; denn wir können auf der Basis einer ganzheitlichen Sicht der Risiken durch maßgeschneiderte Lösungen Mehrwert schaffen.

Die meisten Versicherer werden jedoch zu Beginn auf Standardmodelle angewiesen sein. Gerade für sie ist Rückversicherung die flexibelste und effizienteste Form des Kapitalersatzes. Dafür müssen wir die Risiken des Kunden gemeinsam mit ihm analysieren, ihre Wirkungen in den anzuwendenden Standardmodellen treffsicher identifizieren und daraus den kundenindividuellen Entlastungsbedarf feststellen.

Munich Re Info: Das klingt nach Beratungskompetenz, die hier nötig ist.

Schneider: Ja, genau! Wir müssen die Regeln des Kapitalmanagements vollständig beherrschen. Neben der reinen Risikobewertung als Kernbestandteil unserer Leistung müssen wir die umfassende Sicht einer wertorientierten Steuerung und Effekte der Rechnungslegung in unsere Beratung einbeziehen. Mit solchen Elementen einer ganzheitlichen Finanzberatung nähern wir uns dem Serviceansatz einer Investmentbank an.

Munich Re Info: Was tut die Münchener Rück bis zum Start von Solvency II für ihre Kunden?

Schneider: Kein Versicherer kann die Hände in den Schoß legen und auf das förmliche Inkrafttreten der Gesetze zur Umsetzung von Solvency II warten. Nur wer als Rückversicherer den Kunden auf dem Weg zu Solvency II begleitet, kann auch ein aktiver Partner beim Start sein. Erst- und Rückversicherer haben in den kommenden Monaten eine steile Lernkurve vor sich. Der Wandel zu einer Geschäfts- und Kapitalsteuerung auf Exposurebasis ist anspruchsvoll; die anzuwendenden Modelle sind zum Teil komplex. In der Unternehmenspraxis müssen die Steuerungsprinzipien angemessen vereinfacht in die Organisation eingeführt werden.

Den Wissensvorsprung aus der nun schon mehrjährigen Anwendung unseres eigenen internen Risikomodells werden wir bestmöglich für unsere Kunden einsetzen. Je präziser unsere Kunden ihre Risiken kennen, desto bedarfsgerechter können wir unsere Deckungsprogramme gestalten.

Munich Re Info: Man sollte die ersten Schritte also schon heute gehen, z. B. die ersten quantitativen Ansätze zur Kapitalbedarfsfeststellung?

Schneider: Genau, etwa durch Teilnahme an den quantitativen Auswirkungsstudien wie zuletzt bei QIS3, selbst wenn sich bis zur endgültigen Kalibrierung der Anforderungen noch etwas ändern wird.

Munich Re Info: Welchen Startzeitpunkt würden sie einem Erstversicherer für eine Entwicklung nahelegen?

Schneider: Bei einfachen Strukturen und einem übersichtlichen Geschäftsmodell kann man grundsätzlich das Standardmodell verwenden. Es bildet zwar die Realität nicht überall gut genug ab, ist aber mit geringerem Aufwand anzuwenden als interne Modelle. Will man aber aus der Herausforderung eine wirkliche Chance machen, dann sollte man sich mit internen Modellen so früh wie möglich befassen. Lösungen, die anfangs noch rudimentär sind, kann man kontinuierlich verfeinern. Zusätzlich gibt es noch den Kompromiss des sog. "Partialmodells", mit dem man die wichtigsten Risikoarten modellieren kann, während man in weniger sensiblen Bereichen mit Standardansätzen arbeitet. Wer sich also schon heute vorstellen kann, in die Richtung eines internen Modells zu gehen, der sollte sehr bald anfangen, diese Möglichkeit ernsthaft zu prüfen. Hierbei hilft die Münchener Rück gern.

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Dr. Jörg Schneider ist Mitglied des Vorstands der Münchener Rück.

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