Meinung: Rückversicherung gewährleistet größte Flexibilität und unternehmerische Eigenständigkeit
Solvency II wird die Bedeutung und Gestaltung sowie die Nachfrage nach Rückversicherungsleistungen entscheidend verändern. Neben Standardprodukten sind künftig vermehrt Lösungen gefragt, die sich stärker an individuellen Risikoparametern orientieren und ein hohes Maß an Flexibilität bieten.
Unter Solvency II wird sich der Kapitalbedarf eines Versicherers wesentlich stärker an seiner ganzheitlichen Risikosituation bemessen als unter Solvency I, dessen Philosophie eine rein volumenmäßige Steuerung über Prämien und Schäden vorsah. Die individuelle Risikostruktur eines Versicherers kann zukünftig entweder mit einem internen Risikomodell oder mit einem Standardansatz bestimmt werden; kleinere Gesellschaften dürften zunächst Standardlösungen bevorzugen.
Solvency II umzusetzen erfordert zwar einen enormen Aufwand, allerdings ermöglicht es den Unternehmen, ihre größten Risikotreiber zu identifizieren und die Kapitalallokation entscheidend zu optimieren. Zum Pflichtprogramm eines Versicherers bei den Vorbereitungen auf Solvency II sollte es gehören, eine wertorientierte Steuerung zu implementieren; denn nur wenn er eine optimale Rendite auf das eingesetzte Kapital ermitteln kann, ist langfristig Wachstum möglich. Grundsätzlich muss sich die Assekuranz auf drei Entwicklungen einstellen:
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1.
Der Bedarf an Risikokapital wird tendenziell zunehmen.
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2.
Versicherer können diesen Bedarf in gewissem Maße steuern, indem sie ihr Portfolio adjustieren.
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3.
Individuelle Rückversicherungslösungen werden bei der Deckung des Kapitalbedarfs eine wichtigere Rolle spielen.
Handlungsoptionen der Erstversicherer
Entscheidend für den einzelnen Versicherer ist es, die richtige Balance zwischen Solvabilität und Rendite zu finden. Falls die Ausstattung mit Risikokapital zu knapp ist, kann das Management zunächst gegensteuern, indem es die Risiken verringert und etwa Märkte oder Sparten aufgibt. Damit werden möglicherweise jedoch gleichzeitig Zukunftschancen preisgegeben. Zudem hätte dies zahlreiche negative Auswirkungen, zum Beispiel auf die Vertriebsorganisationen oder die Fixkostendegression.
Will der Versicherer Geschäftschancen wahren oder ist nach Adjustierung des Portfolios die Kapitalausstattung noch zu gering, muss er überlegen, wie er die Solvabilitätsvorgaben bestmöglich erfüllt. Von den drei Möglichkeiten — Rückversicherung, Kapitalerhöhung und Transfer von Risiken in den Kapitalmarkt — bietet Rückversicherung das höchste Maß an Flexibilität und unternehmerischer Eigenständigkeit. Sie lässt sich am besten bedarfsgerecht und zeitlich flexibel einsetzen und erlaubt Lösungen, die mit dem Portfolio atmen, während die alternativen Instrumente momentan eher noch starr sind. So entscheiden Größe und Rechtsform der Gesellschaften, ob ein Zugang zum Kapitalmarkt überhaupt möglich ist; zudem verursachen Kapitalmaßnahmen noch immer relativ hohe Transaktionskosten. Ferner kann man mit Kapitalmaßnahmen, die für mehrere Jahre festgelegt sind, auf Schwankungen und Änderungen im Portfolio nicht flexibel reagieren.
Die Münchener Rück hat in den vergangenen Jahren fundiertes Wissen rund um Solvency II aufgebaut. Sie verfügt bereits über umfangreiche Erfahrung bei der Entwicklung und Anwendung interner stochastischer Risikomodelle und ihrer Verknüpfung mit einer wertorientierten Portfoliosteuerung. Integriertes Risikomanagement mit seinen weit reichenden Aspekten ist eine tragende Säule unseres Geschäftsmodells. Zudem wirken unsere Experten aktiv in zentralen nationalen, europäischen und internationalen Aufsichts- und Fachgremien mit und stellen den Wissenstransfer und die Ableitung von Handlungsempfehlungen in das operative Geschäft sicher. Damit ist die Münchener Rück bestens positioniert, um ihre Kunden über den gesamten Prozess von Solvency II zu begleiten. Gleiches gilt für Fragen der Rechnungslegung. Würden die Solvabilitätsanforderungen nicht mit den Konsequenzen der Bilanzierung nach IFRS synchronisiert, entstünde ein verzerrtes Bild, das die ursprüngliche Absicht der Solvency-II-Initiative konterkarieren könnte.
Wenn er die Struktur seines Rückversicherungsprogramms bestimmt, optimiert der Versicherer maßgeblich die Anforderungen an sein Solvenzkapital. Hier verfügen wir über ausgefeilte und etablierte Modellierungsinstrumente, mit denen individuelle Rückversicherungsprogramme entwickelt werden können, die auf Risikostruktur und Solvenzziele zugeschnitten sind. Die Ergebnisse einer solchen Modellierung liefern Versicherern essenzielle Wissensgrundlagen, um eine systematische Strategie zu finden und Maßnahmen zu planen.
Je konkreter die Solvency-II-Regelungen ausgestaltet werden, desto mehr neue Produkte, Tools und Services werden entwickelt werden; in ausgewählten Risikokategorien könnten integrierte Angebote alle drei Komponenten umfassen. Zu denken ist auch an Absicherungsmodelle für zusätzliche Risikokategorien, die bisher weniger im Mittelpunkt standen, etwa Kreditrisiken oder operationale Risiken.
Der Trend zu individualisierteren Produkten wird sich ebenfalls auf die Usancen in der Geschäftsbeziehung zwischen Erst- und Rückversicherer auswirken. Um die ganzheitliche Risikosituation angemessen beurteilen zu können und maßgeschneiderte Lösungen zu finden, reichen selektive Informationen nicht mehr aus. Je transparenter die Portfoliostruktur und Risiken wie Zins-, Währungs- und Marktrisiken sind, desto bedarfsgerechter kann die Rückversicherung ausfallen und umso risikoadäquater ist die Prämie. Möglichst genaue Informationen liegen somit auch im Interesse des Erstversicherers.
So viel steht bereits fest: Die Produkt- und Servicekompetenz eines Rückversicherers in Verbindung mit Solvency II wird aus Sicht der Zedenten immer entscheidender und die Zusammenarbeit enger und intensiver. Aufgrund unseres profunden Wissens über Solvency II sind wir gut gerüstet, um unsere Kunden auf dem Weg zu den neuen Aufsichtsregeln als bevorzugter Partner zu begleiten.
Dr. Thomas Blunck ist Mitglied des Vorstands der Münchener Rück. Er verantwortet die Bereiche Special and Financial Risks und IT.