Michal Mekota
Schadenjurist der Münchener Rück

Interview mit Michal Mekota

Fettleibigkeit — Klagen gegen Nahrungsmittelindustrie

Mehr als 60 % der Amerikaner haben Übergewicht. Noch klagen nur wenige gegen die Nahrungsmittelindustrie, weil sie diese dafür verantwortlich machen. Welche Trends im US-Haftungsrecht zu beobachten sind und welche Erkenntnisse die Assekuranz daraus gewinnen kann, erläutert der Münchener-Rück-Schadenjurist Michal Mekota dem Schadenspiegel.

Adipositas — das klingt gefährlich. Wann wird aus etwas Übergewicht eine Krankheit?

Michal Mekota: Das ist eine gute und nicht einfach zu beantwortende Frage. Um Übergewicht medizinisch festzustellen, hat man sich mittlerweile international auf den Body-Mass- Index (BMI) geeinigt. Dieser sollte nach Möglichkeit bei Erwachsenen zwischen 20 und 25 liegen. Wenn er über 30 liegt, sprechen die Mediziner von Adipositas, also von krankhafter Fettleibigkeit. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht, geteilt durch die Körpergröße im Quadrat (kg/m2). Wenn beispielsweise ein 1,80 m großer Mann mehr als 100 kg oder eine 1,60 m große Frau mehr als 77 kg wiegen, ist die Diagnose Adipositas.

Fettleibigkeit ist hauptsächlich auf falsche Ernährung zurückzuführen, oder?

Mekota: Die Hauptursache ist eine ungesunde Lebensweise, die größtenteils auf falschen Ernährungsgewohnheiten beruht. Gerade industriell verarbeitete Lebensmittel enthalten häufig viel Zucker und Fett und sind damit äußerst kalorienreich. Auch ein übermäßiger Fast-Food- Konsum führt langfristig zu Übergewicht. Außerdem haben solche Produkte häufig wenig Vitamine und Mineralstoffe. Zur falschen Ernährung kommt oft mangelnde körperliche Bewegung.
Weitere Ursachen: eine erbliche Veranlagung, also die genetische Disposition, und seelische Faktoren wie Stress.

Das US-amerikanische Marktforschungsinstitut "The NPD Group"1 veröffentlichte im Frühjahr 2004 eine Studie zur Fettleibigkeit. Fazit: US-Amerikaner werden immer dicker. Muss man mittlerweile von epidemischen Verhältnissen ausgehen?

Mekota: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht fest: Unter den chronischen Krankheiten nimmt die Fettleibigkeit einen der vorderen Plätze ein. Adipositas ist nicht nur eine Krankheit, sondern eines der größten volksgesundheitlichen Probleme unserer Zeit — mit Folgen, die sich als ebenso schwerwiegend erweisen könnten wie die des Nikotinmissbrauchs. Besonders in den USA ist Fettleibigkeit ein ernst zu nehmendes Problem, denn — und das ergab diese Studie — über 60 % der 290 Millionen US-Bürger sind übergewichtig; und der Prozentsatz steigt. Andere Untersuchungen belegen, dass in den USA jährlich etwa 112.000 Todesfälle auf Folgeerkrankungen von Adipositas wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zurückzuführen sind. Gesundheitskosten von 75 Milliarden US$ entstanden beispielsweise im Jahr 2003. Krankhaftes Übergewicht ist in den letzten Jahren aber auch in Europa zu einem Problem geworden, die Entwicklung sei, so die WHO, "besonders besorgniserregend". In Deutschland etwa sind laut WHO 37,6 % der Bevölkerung übergewichtig (BMI 25 30), 11,4 % adipös (BMI 30-40) und 1,5 % sehr adipös (BMI über 40).


1"NPD" steht für "National Purchase Diary". Es war der ursprüngliche Gründungsname des Instituts 1953, als Veröffentlichungen hauptsächlich gedruckt herausgegeben wurden.

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