Schnelles Schadenmanagement senkt Kosten

In der Kraftfahrthaftpflicht kann auch eine ganze Brücke auf dem Spiel stehen

Das Risiko

Unbegrenzte Deckungen sind nicht nur eine theoretische Bedrohung. Dr. Alfons Maier berichtet
26.08.2004: Die Abendnachrichten berichten von einem schweren Unfall auf der Autobahn A4. Nach einer Kollision mit einem Pkw rast ein Tanklastzug durch die Leitplanken der Wiehltalbrücke. Er stürzt 25 Meter in die Tiefe, beim Aufprall gehen rund 33.000 Liter Kraftstoff in Flammen auf. Der Fahrer ist sofort tot. Der Sachschaden steht noch nicht fest.

30.08.2004: Der hauptsächlich betroffene Haftpflichtversicherer meldet uns den Schaden und teilt uns gleichzeitig mit, dass es sich um eine Kraftfahrthaftpflicht-Police mit unbeschränkter Haftung für Sachschäden handelt. Zum Schaden gibt es dramatische Neuigkeiten: Temperaturen von bis zu 1.200 °C hatten sich verheerend auf die über 700 Meter langen Brücke ausgewirkt. Man befürchtet, ein Pfeiler sei irreparabel geschädigt. Mögliche Konsequenz: Totalschaden, wenn der Pfeiler aufgrund der Konstruktion nicht ausgetauscht werden kann. Die Brücke müsste Stück für Stück demontiert werden. Ab- und Neubau könnten rund 4 Jahre dauern. Da die A4 einer der wichtigsten Zubringer nach Köln ist, würden immense Folgekosten entstehen — im schlechtesten Fall könnte sogar ein dreistelliger Millionenschaden drohen.

Chance und Wert

Schnell und kompetent reagieren, um den Schaden bestmöglich zu regulieren
01.09.2004: Als Senior-Schadeningenieur gehöre ich zu dem Team der Münchener Rück, das den Großschaden untersucht und analysiert. Schon seit 48 Stunden stehen wir in engem Kontakt mit dem Haftpflichtversicherer, beraten uns und unterstützen ihn bei den notwendigen Erstmaßnahmen. Jetzt geht es darum möglichst bald zu einer präziseren Schadenschätzung zu kommen. Um ein genaueres Bild über die Schäden zu erhalten, schalte ich den externen Brückenbauexperten David McGhie ein, der für uns weitere Untersuchungen durchführt und mit den Sachverständigen des Erstversicherers eng zusammenarbeitet.

02.09.2004: Mit Vertretern der nordrhein-westfälischen Straßenbehörde und des Erstversicherers besichtigen David und ich den Schaden vor Ort. Ein katastrophales Bild: durchbrochene Leitplanken, massive Brandspuren an der Brücke und der Unglücksstelle sowie tonnenweise kontaminiertes Erdreich. Wir analysieren die Brandspuren, suchen nach Rissen und abgeplatztem Beton und versuchen Hinweise auf die statischen Verhältnisse zu erhalten, etwa anhand von Verformungen. Wir gewinnen den Eindruck, dass die Schäden an der Brücke zwar beträchtlich sind, sie jedoch repariert werden kann. Auch der ramponierte Pfeiler ist nicht so stark geschädigt, dass ein Abriss nötig ist. In engem Kontakt mit dem Erstversicherer und den Sachverständigen planen wir die nächsten Schritte.

07.09.2004: Die beteiligten Parteien — der Haftpflichtversicherer, Sachverständige, die Straßenbehörde und die Rückversicherer — kommen zu einer Schadenbesprechung in Köln zusammen: Erleichterung — der Abriss der Brücke ist endgültig vom Tisch. Dennoch müssen noch weitere Gutachten eingeholt werden. Da die Brücke ohnehin saniert werden sollte, müssen Aufwendungen für die Sanierung natürlich von den Reparaturkosten abgezogen werden. Hier erwarten uns keine leichten Verhandlungen. Zusammen mit den Sachverständigen des Erstversicherers gelingt es uns, die Straßenbehörde und ihre Vertreter zu überzeugen, dass die Schäden dauerhaft durch eine Reparatur beseitigt werden können. Entscheidend für das Reparaturkonzept und ein großer Vorteil für die Öffentlichkeit sind, dass dadurch eine mehrjährige Sperrung der vielbefahrenen Autobahnbrücke im Großraum Köln vermieden werden kann.

09.09.2004: Jetzt steht es fest: Statt eines dreistelligen Millionenbetrags wird die Schadenhöhe nur einen Bruchteil davon ausmachen. Daran ist die Münchener Rück mit einem Anteil von 40 % beteiligt.

Einsätze bei Großschäden wie an der Wiehltalbrücke gehören zu unserem selbstverständlichen Service. Gefragt ist hierbei nicht nur unsere fachliche Kompetenz, sondern auch schnelles Handeln vor Ort und eine intensive Abstimmung mit allen Beteiligten mit dem gemeinsamen Ziel, den Schaden bestmöglich für den Kunden zu regulieren.

Großschäden wie der Unfall auf der Wiehltalbrücke können aber auch marktweite Bedeutung erlangen. Dieser Schaden hat deutlich gemacht, dass die so genannte Illimitée, also die unbegrenzte Haftung für Sachschäden in der Kraftfahrthaftpflicht, nicht nur ein theoretisches Risiko für die Versicherungswirtschaft ist, sondern dass im Einzelfall Exponierungen zum Tragen kommen können, welche die Einführung von Haftungslimiten rechtfertigen.