Landestypische Besonderheiten
Neben den gesetzlichen Regelungen spielen auch die landestypischen Gepflogenheiten eine Rolle. Während der Versicherungsvertrag in den meisten europäischen Ländern fahrzeugbezogen ist, steht in den englischsprachigen Ländern in der Regel der Fahrer im Mittelpunkt.
Eventuell erklärt dies, warum in den englischsprachigen Ländern fahrerbezogene Tarifmerkmale wie "Beruf", "Familienstand" und "Kinder" gebräuchlicher sind als anderswo. Dieser Unterschied wird aber immer geringer. Einige Tarifmerkmale hängen natürlich mit den kulturellen Besonderheiten des Landes zusammen. So überrascht es nicht, dass in Großbritannien die Höhe der Prämie unter anderem davon beeinflusst wird, ob das Lenkrad im Fahrzeug rechts oder links angebracht ist.
Übrigens verwenden auch einige australische Versicherer dieses Merkmal. Dabei sollte man annehmen, dass es in Australien noch weniger Fahrzeuge gibt, die das Steuer auf der "falschen" Seite haben. Zu meinem Glück sehen die Versicherer in den anderen europäischen Ländern die Sache etwas lockerer: Ich muss für mein britisches Fahrzeug keinen Prämienzuschlag zahlen. Diese persönliche Erfahrung bestätigen die vorliegenden Daten.
Bevor sich jetzt einer meiner Landsleute beleidigt fühlt, möchte ich darauf hinweisen, dass auch viele britische Versicherer inzwischen auf dieses Tarifmerkmal verzichten. Auffällig ist, dass Deutschland als einziges Land nicht danach differenziert, ob im Fahrzeug bestimmte Sicherheitseinrichtungen eingebaut sind.
Auf den ersten Blick erscheint das seltsam, hat jedoch eine ganz einfache Erklärung: Autos und die Kraftfahrzeugindustrie haben in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert. Bei praktisch allen Neufahrzeugen sind die betreffenden Sicherheitseinrichtungen serienmäßig eingebaut. Sie fehlen nur bei ganz alten oder sehr einfach ausgestatteten Fahrzeugen, und die sind selten. Ein solches Tarifmerkmal wäre daher kaum sinnvoll.
Prämienrabatte honorieren Airbag, der Verzicht auf Mietwagen und Klage im Schadenfall
Amerikanische Versicherer gewähren Prämienrabatte, wenn der Antragsteller einer Einschränkung seiner Klagemöglichkeiten zustimmt (was bei der hohen Klagefreudigkeit in den USA kaum überrascht). In Korea wird das Vorhandensein eines Airbags honoriert, während die Österreicher einen Prämiennachlass gewähren, wenn der Antragsteller im Schadenfall auf den Mietwagen verzichtet.
Letzteres ist sehr ungewöhnlich, weil der Haftpflichtversicherer des Unfallgegners von dieser Regelung profitiert. Da jedoch alle Versicherer so vorgehen, hat keiner einen Wettbewerbsvorteil. Die eher selten verwendeten Tarifmerkmale lösen oft die heftigsten Kontroversen aus. Beispielsweise werden viele Raucher mit Entsetzen hören, dass es Versicherer gibt, die ihnen höhere Prämien abverlangen.
Während die Raucher argumentieren könnten, dass Nikotin die Konzentrationsfähigkeit erhöht, behaupten die (wenigen) Versicherer, die dieses Tarifmerkmal nutzen, genau das Gegenteil: Während der Fahrer nach einer Zigarette sucht und sie anzündet, ist er vom Verkehrsgeschehen abgelenkt, was häufigere Schäden hervorruft.
Farbe des Autos kann lokal unterschiedlich bewertet werden
Auch die "Farbe des Fahrzeugs" erscheint als Tarifmerkmal wenig einleuchtend. Andererseits kann in Großbritannien im November ein graues Fahrzeug tatsächlich leicht übersehen werden. In Österreich hingegen wäre ein weißes Fahrzeug im Winter vermutlich perfekt "getarnt". Vielleicht sollten die österreichischen Versicherer das berücksichtigen?
Aber Weiß scheint als Fahrzeugfarbe ja sowieso aus der Mode gekommen zu sein. Lassen Sie mich zum Schluss noch ein bisschen darüber spekulieren, welche neuen Tarifmerkmale wir in Zukunft sehen werden. So sehr ich mir wünsche, dass Handynutzer einen saftigen Zuschlag zahlen müssen - in der Praxis wird das kaum umsetzbar sein. Ich gehe allerdings davon aus, dass künftig immer mehr soziodemografische Tarifmerkmale verwendet werden. Möglicherweise hängt die Prämie also bald auch vom Bildungsabschluss oder von der Mitgliedschaft in einem Sportverein ab. Letzteres ist durch Mitgliederrabattprogramme bereits heute in gewissem Umfang Realität.
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