Dr. Torsten Jeworrek
Gemeinsam aus der Zyklusfalle
Die bevorstehende Erneuerung wird für die Versicherungsbranche zur Bewährungsprobe: Nachdem die vergangenen Jahre von der Diskussion über die Disziplin im Underwriting geprägt waren, muss die Assekuranz nun unter Beweis stellen, dass sie auch Taten folgen lässt. Denn es zeichnet sich ab, dass der Zyklus in eine weichere Phase mündet.
Die Rückversicherungsbranche verfügt zurzeit über reichlich Kapazitäten und Kapital. Deshalb kommt es nicht überraschend, dass wir auf eine Phase eines weicheren Markts zusteuern. Dies gilt umso mehr, als in der Erstversicherung die Preise in einzelnen Segmenten schon deutlich nachgegeben haben.
Auch wenn wir zyklische Schwankungen nicht vollständig eliminieren können, wird die Münchener Rück den Zyklus zumindest nicht verstärken. Die Assekuranz ist schon aus eigenem Interesse gut beraten, die versicherungstechnischen Risiken stets durch die ökonomische Brille zu betrachten.
Neben dieser ökonomischen Maxime gilt es auch, den gestiegenen Anforderungen der wichtigsten Stakeholder, allen voran der Ratingagenturen, der Aufsichtsbehörden und der Investoren, gerecht zu werden. Ihr Credo lautet zu Recht: mehr Transparenz und nachhaltige Ergebnisse. In puncto Transparenz setzen die Aufsichtsregeln in Europa – Stichwort Solvency II – künftig neue Maßstäbe. Das Ergebnis lässt sich dagegen durch ein aktives Zyklusmanagement beeinflussen.
Gut gewappnet
Bei der Münchener Rück hat Zyklusmanagement gerade in der aktuellen Marktsituation zentrale Bedeutung. Es setzt an zwei Stellschrauben an: der Steuerung der Profitabilität des Geschäftsvolumens und der Variation des Risikokapitals. Die Erfahrungen der 90er-Jahre vor Augen orientieren wir uns bei der Zeichnung von Risiken konsequent an den ökonomischen Erfordernissen. Das verlangt ein hohes Maß an Underwriting-Knowhow, ausgefeilte Pricingtools und professionelles Risikomanagement, damit die Kapazitäten tatsächlich nur auf ertragreiche
Geschäfte gelenkt werden.
Gerade in volatilen Segmenten wie dem Luftfahrt- und Industriegeschäft lassen die Quotierungsinstrumente den Underwritern einen großen Spielraum bei ihrer Einschätzung. Das führt vor allem in Weichmarktphasen dazu, dass dieser Spielraum – in der Hoffnung, der technische Rückversicherungspreis sei noch auskömmlich – teilweise über Gebühr strapaziert wird. Die Münchener Rück setzt daher darauf, noch konsequenter Risiken zu identifizieren und zu messen.
In einem Weichmarktumfeld können diese Vorgaben durchaus zulasten des Prämienvolumens oder des Marktanteils gehen. Denn am Ende besteht die Kunst darin, die Prämien so zu kalkulieren, dass sie dauerhaft Schadenzahlungen, Abschluss-, Verwaltungs- und Kapitalkosten decken. Das gelingt am besten im Schulterschluss mit unseren Kunden, die ebenfalls vom zyklischen Auf und Ab betroffen sind und den gleichen ökonomischen Zwängen unterliegen. Auch unsere wichtigen Partner der Erstversicherungsindustrie erwarten von ihren Rückversicherern Disziplin.
Aktives Kapitalmanagement
Die richtige Steuerung des Geschäftsverlaufs reicht aber allein nicht aus, sie muss durch ein flexibles Management des Kapitals flankiert werden. Deshalb setzen wir in der Münchener Rück darauf, Kapital, das wir nicht für ertragreiches Wachstum in der Rückversicherung benötigen, konsequent an unsere Investoren zurückzugeben. Das unterstreicht unser diszipliniertes Zeichnungsverhalten und gewährleistet, dass wir das Kapital der wirtschaftlichsten Verwendung zuführen.
Beim aktiven Kapitalmanagement kommt der Münchener Rück zugute, dass in der Vergangenheit viele interne Transparenzmechanismen etabliert wurden. Unser Kapitalmodell berücksichtigt Faktoren wie Prämien, Reserven oder Aktivwerte und bietet gute Steuerungsmechanismen für unser Portfolio.
Neue Lösungen für junge Märkte
Daneben haben wir zahlreiche Initiativen auf den Weg gebracht, um neue Geschäftsfelder zu identifizieren und künftiges Wachstum zu generieren. Chancen sehen wir insbesondere in Segmenten, die noch keinem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind und in denen der Sachverstand der Münchener Rück bei der Risikoidentifizierung zum Tragen kommt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kioto-Multi-Risk-Police, eine Deckung für Projekte, die der Verringerung von Emissionen dienen. Einen anderen Wachstumsschwerpunkt bilden Versicherungslösungen, die auf den Grundsätzen des islamischen Rechts beruhen – Stichwort Retakaful.
Gemeinsame Verantwortung
Auch in unseren Wachstumsinitiativen gilt der Grundsatz der wertorientierten Unternehmensführung: Jede Investition muss eine risikoadäquate und nachhaltige Rendite erzielen. So hat die Münchener Rück auch intern die Weichen richtig gestellt, um den Anforderungen gerecht zu werden, die Marktteilnehmer und Stakeholder an unsere Branche stellen. Die Verantwortung liegt nun darin, den Zyklus konsequent zu managen. Sofern die Branche diszipliniert agiert, stehen die Chancen gut, dass der Abschwung im gegenwärtigen Zyklus sanfter ausfällt als in der Vergangenheit.
Denn mit Blick auf die Strategie der großen Player der Versicherungsindustrie spricht viel dafür, dass die Unternehmen aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben – schließlich ist der letzte Weichmarktzyklus bei den Akteuren noch in schmerzhafter Erinnerung.