14. September 2009
Raumfahrt: Industrie mit vielen Risiken und Chancen
40 Jahre Mondlandung — die Raumfahrtindustrie hat auch weiterhin ambitionierte Ziele und muss gleichzeitig mit schwer kalkulierbaren Risiken umgehen. Ausgefeilte Versicherungslösungen unterstützen die visionäre Branche der kommerziellen Raumfahrt, in der technische Innovationen und professionelles Risikomanagement entscheidend sind.
Bereits Mitte der 1960er Jahre, also bereits einige Jahre bevor die beiden Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin am 20. Juli 1969 den Mond betraten, begann die Kommerzialisierung der Raumfahrt. Im Gegensatz zu staatlich subventionierten Projekten, wie die Apollo-11-Mission, konnte die privatwirtschaftliche Raumfahrt die Ausfallrisiken nicht selbst decken. Es bestand dringender Bedarf an Versicherungsschutz. Parallel zur Entwicklung der Raumfahrttechnik entstand ein hoch spezialisierter Raumfahrtversicherungsmarkt. Inzwischen ist die Technologie weit fortgeschritten — und teuer: "Die Kosten für einen Satelliten liegen bei etwa 250 bis 300 Millionen US$. In der Regel werden mehrere Satelliten benötigt, um Satelliten-Kommunikationssysteme aufzubauen. Die Investitionskosten liegen daher meistens bei Über einer Milliarde US$", erklärt Ernst Steilen, Raumfahrtexperte von Munich Re.
Selbst finanzstarke Unternehmen können eine solch hohe wirtschaftliche Herausforderung kaum ohne Versicherungsschutz angehen: "Es besteht immer ein hohes Totalschadenrisiko in einer extrem unzugänglichen Umgebung. Selbst kleinere technische Probleme, die auf der Erde schnell behoben wären, können im Orbit zu einem Verlust des Satelliten und damit der gesamten Investitionen führen."
Munich Re schloss bereits im Jahre 1968 die erste Launch-Versicherung für fünf kommerzielle Intelsat-III-Starts ab — mit einem Fehlstart im Selbstbehalt. Zunächst wurden die Raumfahrtversicherungen von der Luftfahrtabteilung gezeichnet, doch schon Anfang der 80er Jahre richtete Munich Re eine eigene Abteilung ein. Seitdem schätzen die in der Branche hoch angesehenen Raumfahrtexperten aus verschiedenen professionellen Blickwinkeln Risiken ein, für deren Berechnung ein gehöriges Maß an Erfahrung, Neugier, Vorstellungsvermögen und viel Aufgeschlossenheit für visionäre Projekte und Unternehmen vorhanden sein muss.
Maßgeschneiderte Lösungen für eine hoch spezialisierte Branche
"In der Raumfahrt geht es oft darum, Undenkbares zu denken. Weltraumbedingungen lassen sich nur eingeschränkt simulieren, alles muss sofort funktionieren, alle Eventualitäten eingeplant werden — mit unseren Versicherungslösungen müssen wir mehr als nur Schritt halten", verdeutlicht Steilen die Ausrichtung von Munich Re. In enger Zusammenarbeit mit den Kunden entstehen maßgeschneiderte Versicherungslösungen, die den Kunden Wert und Zukunftssicherheit bringen. "Mit einem Anteil am globalen Prämienvolumen von 15 bis 20 Prozent sind wir der anerkannte Marktführer und der erste Ansprechpartner für innovative, maßgeschneiderte Lösungen."
Schon lange vor dem Start können hohe Risiken auftreten. Daher wird die Raumfahrtversicherung in drei Bereiche unterteilt, die den Phasen von der Vorbereitung Über den Start bis hin zum Betrieb der Satelliten im Orbit folgen: in Pre-Launch-Versicherung, Launch-Versicherung und In-Orbit-Versicherung. Mit der Pre-Launch-Versicherung werden Risiken gedeckt, die in der Vorstartphase entstehen können, also beim Transport der Satelliten und der Trägerraketen vom Herstellungs- zum Startgelände, beim Zusammenbau von Satellit und Rakete sowie insbesondere beim Betanken von Satellit und Rakete mit hochexplosiven Treibstoffen. Bereits in dieser Phase können Schäden entstehen die die komplette Mission gefährden.
An die Pre-Launch-Versicherung schließt sich nahtlos die Launch-Versicherung an. Die Launch-Versicherung deckt Schäden während der eigentlichen Startphase, der Stationierung des Satelliten auf seiner endgültigen Orbitposition und während der sich daran anschließenden ausgiebigen Tests des Satelliten. Bei der Launch-Versicherung steht ganz eindeutig das Totalschadenrisiko im Vordergrund. Die In-Orbit-Versicherung deckt den teilweisen oder Totalverlust eines Satelliten während der Betriebsphase ab, die Deckung für den Satelliten wird jährlich neu verhandelt. Innerhalb der verschiedenen Versicherungszeiträume fließen für die Deckungen verschiedene Aspekte wie der Buchwert des Satelliten, Kosten für Wiederholungen von abgebrochenen Starts, Umsatzverluste, sowie Haftungs- und Unterbrechungsschäden ein.
Innovationsrisiko als Chance
Durch neue technologische Lösungen im Bereich der Trägerraketen und neue Satellitentechnologien entstehen weitreichende Risiken, die nur schwer absehbar und erheblich weit über die Grenzen der traditionellen Sachversicherung gehen. Genau hier sieht Ernst Steilen Munich Re optimal aufgestellt: "Die Branche der Raumfahrtversicherung ist immer konfrontiert mit hohen Totalverlusten, ständiger Weiterentwicklung von Technologien und fehleranfälligen Prototypen. Für unsere Kunden wird Investorensicherheit immer wichtiger, gleichzeitig auch der Druck größer, schneller und erfolgreicher zu sein. Daher entwickeln wir mit unseren Kunden weitsichtige Lösungen, die das erfolgreiche Fortbestehen der gesamten Raumfahrtindustrie sichern."
In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird sich die Raumfahrtindustrie darauf konzentrieren, bestehende Anwendungen wie beispielsweise Kommunikations- und Navigationssysteme sowie die Wetter- und Rohstoffforschung auszubauen und zu verbessern. "Darüber hinaus könnte auch das Thema Weltraumtourismus zunehmend eine Rolle spielen, wenn entsprechend zuverlässige Launch-Fahrzeuge entwickelt werden", so Steilen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wird für die Versicherungswirtschaft eine weitere Ära eingeläutet: wie schon vor 40 Jahren.