Wenn die Erde wackelt

Einschätzung von Erdbeben und ihren Schäden

In den letzten Jahrzehnten sind die Schäden aus Erdbebenkatastrophen deutlich gestiegen. Für die Versicherungsindustrie wird es deshalb immer wichtiger, Erdbebenrisiken — und vor allem deren potenzielle Schäden — so genau wie möglich einzuschätzen.

Die Geschichte zeigt erschreckende Beispiele katastrophaler Erdbeben. Die folgenden sind nur die bekanntesten:

  • 2005: (Pakistan/Indien), Magnitude 7,6, 88.000 Todesopfer
  • 2004: Norden von Sumatra (Indonesien), Seebeben mit Tsunami, Magnitude 8,9 — über 200.000 Todesopfer
  • 2003: Bam (Iran), Magnitude 6,6 — 26.000 Todesopfer
  • 1976: Tangshan (China), Magnitude 7,9 — 242.000 Todesopfer
  • 1923: Tokio (Japan), Magnitude 7,9 — 140.000 Todesopfer
  • 1906: San Francisco (USA), Magnitude 7,8 — seinerzeit die teuerste je da gewesene Naturkatastrophe

Die letzten Jahre zeigen, dass derartige Katastrophen jederzeit wieder passieren können, mehr noch: Aufgrund schnell und dicht wachsender Städte sind künftig noch weit Schrecken erregendere Szenarien denkbar.

Insbesondere Städte am zirkumpazifischen "Ring of Fire" gelten als hochgefährdet. Immense Schäden für Mensch, Volkswirtschaften und Versicherer sind absehbar. Aber auch das Gefährdungspotenzial durch Beben innerhalb von Kontinenten oder entlang des mediterran-transasiatischen Erdbebengürtels ist keinesfalls zu unterschätzen.

Wirtschaftliche Entwicklung verursacht höheres Potenzial an Sachschäden

Bei den Erdbeben von Northridge 1994 (versicherter Schaden seinerzeit US$ 15,5 Mrd.) und Kobe, Japan 1995 (volkswirtschaftlicher Schaden > 100 Mrd. US$, versichert US$ 3 Mrd.) handelte es sich um die folgenreichsten Beben in der industrialisierten Welt seit vielen Jahrzehnten. Mit ihren außerordentlich hohen Sachschäden bei relativ geringer Opferzahl sind sie typisch für eine Tendenz: Die zunehmende wirtschaftliche Entwicklung einer Region bewirkt eine Verschiebung von Menschenverlusten hin zu Sachschäden.

Mehr Entwicklung führt zu mehr globaler Verflechtung

Mit der fortschreitenden Entwicklung und Industrialisierung einer Region geht ebenfalls ihre zunehmende internationale Verflechtung einher. Das bedeutet, dass die Reichweite von Naturkatastrophen infolge indirekter Schäden größer ist denn je. Ein verheerendes Beben im Bereich Tokio könnte heutzutage Schäden zwischen US$ 1.000-2.000 Mrd. erreichen - kaum vorstellbare Dimensionen, die nicht nur jede Volkswirtschaft, sondern auch die gesamte Finanzwelt in Bedrängnis bringen können.

Doch wie wahrscheinlich sind derartige Szenarien?

Mögen die Magnitude und der Ort eines solchen Szenarios gut abschätzbar sein: Der Zeitpunkt eines möglichen Bebens ist es nicht. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sind nur statistische Angaben über seine Eintrittswahrscheinlichkeit möglich.

Für San Francisco geht man z. B. davon aus, dass sich innerhalb der nächsten 30 Jahre mit 60 %-iger Wahrscheinlichkeit ein Beben der Magnitude von 6,7 oder größer ereignen wird. Kurzfristige Vorhersagen für die unmittelbare Zukunft (z. B. ein Tag oder eine Woche), die rechtzeitige Schutzmaßnahmen wie die Evakuierung einer Stadt erlauben würden, sind derzeit - und vermutlich auch in Zukunft - nicht möglich.

Folgen für die Versicherungsindustrie

Dennoch können Versicherer heute das eigene Schadenpotenzial anhand wissenschaftlicher Daten und unter Berücksichtigung der versicherten Wertbestände besser beurteilen als früher.

In Rechenmodellen werden tausende Beben simuliert und ihre möglichen Schäden berechnet, wobei man auch Einbeziehung Sekundäreffekte einbezieht (etwa Hangrutschungen, Bodenverflüssigungen, Feuer nach Erdbeben, Tsunamis).

Auf dieser Grundlage kann eine dem Risiko angemessene Prämie kalkuliert werden, auch wenn noch große Unsicherheiten im Spiel sind. Von gleich hoher Wichtigkeit für die Versicherungsindustrie ist es, Höhen von seltenen, z. B. 500- oder 1.000-jährig eintretenden Schäden abzuschätzen, um das Risiko in einem tatsächlich bezahlbaren Rahmen zu halten. Dieser so genannte Kumul zu überwachen ist eine wesentliche Aufgabe von Rückversicherern.