Ernst Rauch
Meteorologische Spitzenwerte und Schadenrekorde ohne Ende
Extreme tropische Wirbelstürme prägten die vergangenen beiden Jahre. Ging man 2004 davon aus, dass nach diesem Ausnahmejahr wieder Ruhe einkehren würde, wurde man 2005 eines Besseren belehrt. Ein deutliches Umdenken bei der Bewertung von Hurrikanrisiken ist erforderlich.
Das Jahr 2004: rekordverdächtig
2004 war charakterisiert durch regionale Häufigkeiten und Intensitäten tropischer Wirbelstürme, wie sie seit Beginn der Aufzeichnung meteorologischer Zugbahnen im Jahr 1851 noch nie gemessen wurden.
Von besonderer Bedeutung für die Assekuranz war Hurrikan Ivan: Sein Indexwert für das Hurrikanzerstörungspotenzial — Hurricane Destruction Potential (HDP) — lag bei 71 250. Dieser Index kumuliert das Quadrat der maximalen Windgeschwindigkeit je 6-Stunden-Zeitintervall über die gesamte Sturmdauer. Zum Vergleich: Das Mittel der von 1950 bis 1990 über eine ganze Saison addierten Indexwerte im Atlantik lag bei 70 600.
Hurrikan Ivan markierte einen Rekord bei Dauer und Intensität. Doch nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird er nicht lange ein Ausreißer bleiben. Eine Studie (Emanuel [2005], Nature), die im Kapitel "Klimazyklen und globale Erwärmung — Auswirkungen auf die Risikobewertung" zitiert wird, zeigt: Die Jahressumme der über die Lebensdauer akkumulierten Windenergie tropischer Wirbelstürme im Nordatlantik — der so genannte Power Dissipation Index (PDI) — stieg in Korrelation mit der höheren Temperatur der Meeresoberflächen stark an. Der PDI wird ähnlich berechnet wie der HDP. Eine nähere Analyse dieser Veränderung verdeutlicht: Hurrikane sind tendenziell stärker und langlebiger geworden und damit hat ihr Zerstörungspotenzial zugenommen.
Das Jahr 2005: Steigerung möglich
In dieser Saison setzten sowohl die Hurrikanaktivität, also die Zahl tropischer Wirbelstürme, als auch die beobachteten Intensitäten neue meteorologische Höchstmarken. Die bisherigen Maximalwerte von 21 Tropenstürmen (1933) bzw. 12 Hurrikanen (1969) wurden weit übertroffen. Insgesamt 27 benannte tropische Wirbelstürme entwickelten sich im Nordatlantik — 15 davon erreichten mit Windgeschwindigkeiten von über 118 km/h Hurrikanstärke.
Die Intensitäten waren nicht minder eindrucksvoll: Mit Wilma, Rita und Katrina stehen drei Stürme aus dem Jahr 2005 auf der Liste der zehn stärksten jemals registrierten Hurrikane. Wilma erreichte am 19. Oktober mit 882 hPa den tiefsten jemals aufgezeichneten Kerndruck. Daraus lassen sich die wahrscheinlich höchsten Windgeschwindigkeiten in der Karibik seit 1851 ableiten.
Auch Beginn und Ende der Hurrikansaison 2005 waren von meteorologischen Besonderheiten gekennzeichnet: Hochaktiv startete das Hurrikanjahr im Juni/Juli mit sieben tropischen Wirbelstürmen — der bisherige Höchstwert bis Ende Juli lag bei fünf. Das Ende der Saison bildeten im Dezember Hurrikan Epsilon und Tropensturm Zeta, der noch Anfang Januar 2006 im Atlantik aktiv war. Zwei Stürme, die sich nicht an das "offizielle" Ende der Hurrikansaison, den 30. November, hielten.