Schadentrends bei Überschwemmungen

Überschwemmungen gehören zu den häufigsten und teuersten Naturkatastrophen. Allein in den Neunzigerjahren haben große Überschwemmungen volkswirtschaftliche Schäden von über 200 Mrd. US$ verursacht.

Der Sommer des Jahres 2002 wird in Mitteleuropa als der des Jahrhunderthochwassers im Gedächtnis bleiben. Die Fluten im Einzugsgebiet von Elbe, Donau und Moldau markierten eine der schwersten Überschwemmungskatastrophen seit dem Mittelalter. Sie sind vergleichbar mit den großen Sturmfluten der Nordsee sowie mit der berüchtigten Jahrtausendflut im Jahr 1342, als an sämtlichen größeren Flüssen zwischen Nordsee und Mittelmeer Hochwasser herrschte.

Neben ungeheurem menschlichem Leid forderten die Ereignisse des Jahres 2002 Schäden von über 20 Mrd. Euro in ganz Europa — 3,4 Mrd. Euro davon waren versichert.

Überschwemmungen und Schadenpotenziale

Überschwemmungen sind neben Stürmen die häufigste Ursache für Schäden aus Naturereignissen. Rund ein Drittel aller Schadenereignisse und ein Drittel der volkswirtschaftlichen Schäden sind weltweit auf die Folgen von Hochwasser zurückzuführen. Gab es in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nur sechs große Überschwemmungskatastrophen, so waren es in den Neunzigerjahren schon 26.

Man kann davon ausgehen, dass in Zukunft ihre Zahl weiter steigt. Anders als bei Stürmen ist allerdings bei Überschwemmungen der Anteil der versicherten Schäden üblicherweise verhältnismäßig gering.

Warum nehmen Überschwemmungsschäden so dramatisch zu?

Die Frage muss in erster Linie damit beantwortet werden, dass die Zahl von Menschen wächst, die sich in risikoreichen Gebieten niederlassen. Küsten- und Flusstäler haben dank guter Transportverbindungen, fruchtbarer Böden und der Verfügbarkeit von Wasser für Brauch- und Kühlzwecke eine hohe Anziehungskraft für Wohn- und Industrieansiedlungen. Hinzu kommt: Noch nie zuvor hatten die Menschen so viel, so wertvollen und so empfindlichen Besitz wie heute, sodass die Schäden, die bei einer Überschwemmung entstehen, ein Vielfaches früherer Beträge ausmachen. Hier ist künftig mit noch weiter steigenden Schadenpotenzialen zu rechnen.

Globale Klimaerwärmung ruft Überschwemmungen hervor

Ein wärmeres Erdklima wird sich zweifellos in einem höheren Wasserdampfgehalt der Atmosphäre auswirken. Dies dürfte nicht nur die Niederschlagsmengen generell ansteigen lassen, sondern auch in regionalen Unwettersituationen zu häufigeren Starkregenereignissen führen. Gleichzeitig lassen die Trends der letzten Jahrzehnte und auch die Klimamodelle in vielen Regionen deutlich mildere und feuchtere Winter erwarten.

Die Folge: Das Überschwemmungsrisiko steigt, da der Niederschlag nun häufiger und großflächiger als Regen fällt anstatt wie früher als Schnee. Außerdem wird der Meeresspiegelanstieg, der aufgrund der Klimaerwärmung zu erwarten ist, an allen Küsten der Welt das Sturmflut- und Küstenerosionsrisiko erheblich erhöhen.

Strategien gegen Hochwasserschäden

Effektive Schadenvorsorge umfasst eine Reihe von Maßnahmen. Dazu gehören unter anderem eine angepasste Landnutzung (keine Besiedlung von überschwemmungsgefährdeten Gebieten), permanente und vorübergehende bauliche Maßnahmen (erhöhte Bauweise, Keller- und Gebäudeabdichtungen), eine angepasste Wertesteuerung (keine hochwertigen oder wasserempfindlichen Einrichtungen und Gegenstände in unteren Gebäudeteilen) und angemessenes Verhalten bei Gefahr (z. B. Ausräumen gefährdeter Gebäudeteile).

In der konkreten Gefahrensituation hat es absolute Priorität, das Wasser durch technische Schutzvorrichtungen wie Rückhaltebecken, Polder, Talsperren oder Deiche zurückzuhalten. Gleichwohl ist die Einsicht wichtig, dass nicht jedes mögliche Hochwasser vollständig beherrscht werden kann, d. h., dass immer ein Restrisiko bleiben wird.

Partnerschaft zur Risikoreduktion

Effektive Vorsorge gegen Überschwemmungen ist nur möglich, wenn die bestehenden Risiken auf mehrere Schultern verteilt werden. Dazu gehören der Staat (verantwortlich z. B. für Deichschutz, Landnutzungsregelungen), die Betroffenen (Entwicklung eines Risikobewusstseins, private Schadenvorbeugung durch Maßnahmen am Objekt) und die Versicherungswirtschaft (Kompensation eines Teils der Schäden, Ermöglichung rascher Reparaturen etc.). Nur wenn alle Parteien in dieser Partnerschaft kooperieren, kann man das Risiko signifikant verringern.

Modelle zur Gefährdungszonierung

Unmöglich ist es, im Massengeschäft der Versicherungen jedes Objekt auf sein individuelles Risiko zu untersuchen. Deshalb sind Zonierungsmodelle ein zentraler Baustein bei der Versicherung gegen Überschwemmungsschäden — sie liefern pauschale Risikoeinschätzungen auf der Basis bestimmter, vorliegender Eckdaten eines Objekts.

Ein Beispiel hierfür ist das "Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen" (ZÜRS), mit dessen Hilfe jeder beliebigen Adresse in Deutschland ein Gefährdungsgrad durch Flussüberschwemmung zugewiesen wird. Diese Zonen bestimmen, ob und zu welchen Bedingungen ein Objekt gegen Überschwemmung versicherbar ist. Die Überschwemmungen im August 2002 haben das System auf eine Bewährungsprobe gestellt, die es bestanden hat.

Ein Blick in die Zukunft

"Die Natur kennt keine Katastrophen, Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt." (Max Frisch)

Große zukünftige Hochwasserkatastrophen können nicht verhindert werden. Wir müssen wieder lernen, mit Hochwasser zu leben. Wenn wir uns also in gefährdete Gebiete hinein ausbreiten, müssen wir uns der Risiken bewusst sein, die damit einhergehen, sowie der Tatsache, dass es nie völlige Sicherheit geben kann. Wir müssen unser Verhalten dahingehend ändern, dass wir uns an die Risiken anpassen, anstatt ausschließlich zu versuchen, Überschwemmungen zu verhindern.

Die Münchener Rück wird sich auch eiterhin den wachsenden Herausforderungen stellen. Erstklassiger Rückversicherungsschutz und Service werden aber nur zu Preisen und Bedingungen zu haben sein, die der weltweiten Zunahme wetterbedingter Extremereignisse und der Wertekonzentration entsprechen.