Land unter beim Hochwasserschutz

Nach jeder Flut wird heftig über eine bessere Vorsorge diskutiert, aber es geschieht meist nichts. Ein Beitrag von Wolfgang Kron für die Süddeutsche Zeitung.

Wieder einmal Flutkatastrophe: Im April traf es erst die Elbe in Deutschland, anschließend die Donau in Südosteuropa! Und wieder kamen gebetsmühlenartig dieselben Forderungen: "Gebt den Flüssen Raum!" und "Der Hochwasserschutz muss verbessert werden". Hat man denn immer noch nichts gelernt? Immer soll "der Staat" machen, helfen, bezahlen. Wer ist denn der Staat? Das sind doch wir alle: wir, die Gemeinden, die neue Baugebiete ausweisen wollen; wir, die Hausbesitzer, die am Fluss wohnen und auch den Keller schön ausbauen möchten. Vorsorgen soll aber zuallererst der Staat. Klar ist: Vorsorge zahlt sich aus. Jeder Euro, in eine Hochwasserschutzmaßnahme gesteckt, kann Schäden in vielfacher Höhe verhindern. Nur: Welche Vorsorge ist richtig, und welche ist überhaupt machbar?

Wo kein Platz ist, kann man keine Deiche rückverlegen und keinen Rückhalteraum schaffen. Einen hohen Deich vor dem Fenster will auch keiner. Für den Hochwasserschutz eingesetzte Mittel fehlen der Staatskasse an anderer Stelle. Und Diskussionen über die richtigen Maßnahmen dauern meist viel länger als die Halbwertszeit der Erinnerung an das Hochwasser. Ein Grundproblem liegt darin, dass die Vorsorge, wenn sie allen gleich zugute kommen soll, praktisch flächendeckend geschehen muss, an großen Flüssen genauso wie an den kleinen und sehr kleinen. Die Schäden dagegen entstehen meist nur an einem kleinen Teil der gesamten Gewässerstrecken, also quasi lokal. Deshalb wird oft argumentiert, dass es billiger wäre, die Schäden einfach zu bezahlen als soviel Aufwand zu treiben, dass die Schäden überall weitgehend verhindert würden. Außerdem ist die politische Entscheidung, Geld für die Schadensbehebung locker zu machen, ungemein einfacher und in der Krisensituation auch öffentlichkeitswirksamer, als Vorsorgeprojekte zu beschließen, die sich ja oft erst sehr langfristig bezahlt machen. Nicht überall hat man - wie etwa in Bayern im Jahr 2005 - das Glück, dass die gerade erst vorgenommenen Baumaßnahmen nachweislich große Schäden verhindern.

Vorsorgemaßnahmen müsse zielgerichtet eingesetzt werden

Doch so plausibel sie klingt, die Argumentation ist falsch. Denn beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass die Vergleichsrechnung "Schäden gegen Vorsorge" nur für spektakuläre Schäden gilt, also bei seltenen, extremen Ereignissen. Häufige, kleinere Hochwasser können ohne Schutzmaßnahmen ebenfalls Schäden erzeugen; und die treten dauernd irgendwo auf. Entscheidend ist daher, das Spektrum der Hochwasserschutzmaßnahmen nicht pauschal anzuwenden, sondern Vorsorgemaßnahmen zielgerichtet einzusetzen. Entsiegelung, Renaturierung von Gewässern, Deichrückverlegungen sind sehr wirksam, wenn es um häufige Ereignisse geht, die etwa einmal in 20 Jahren oder öfter geschehen - speziell an kleinen Gewässern. Zum Schutz gegen größere Hochwasserscheitel (etwa bis einmal in 100 Jahren) sind technische Schutzbauten wie Deiche, große, gesteuerte Rückhalteräume und Entlastungskanäle unumgänglich; die Wirkung der zuvor genannten Maßnahmen ist da sehr begrenzt. Sie geht nachweislich sogar fast völlig verloren, wenn wir es mit extremem Hochwasser zu tun haben, das statistisch nur alle paar hundert Jahre auftritt. Dafür gilt es vor allem, organisatorisch gut gerüstet zu sein, die richtigen Ad-hoc-Maßnahmen zu ergreifen, um die Bevölkerung zu schützen und die Schäden einigermaßen in Grenzen zu halten.

Dabei muss auch die Überlegung erlaubt sein, Gebiete mit weniger Schadenspotenzial aufzugeben, um etwa eine Stadt zu schützen. Die Diskussion darüber darf nicht erst im Krisenfall geführt werden; das muss Jahre davor geschehen. Man muss auch darüber nachdenken dürfen, ganze Dörfer aus Hochwasserschutzgründen aufzugeben. Notwendig dafür sind vertraglich festgelegte und großzügige, weit über den Sachschaden hinausgehende Entschädigungen (quasi ein Anreiz) für die betroffenen Dorfbewohner. Das ist immer noch billiger, als die Schäden in der überfluteten Stadt bezahlen zu müssen. Man muss ein Flussgebiet als Ganzes betrachten und das Gesamtrisiko, das heißt den zu erwartenden Gesamtschaden, minimieren.

Risikobewusstsein ist Voraussetzung

Wie kann man nun eine flächenhafte Vorsorge erreichen? Ist die überhaupt bezahlbar? Der Basisschutz: ja. Der Schutz gegen Extremereignisse: nein. Das bedeutet nicht, dass wir Letztere machtlos über uns ergehen lassen. Wir müssen uns dagegen anders wehren. Voraussetzung ist ein ausreichendes Risikobewusstsein in allen Teilen der Gesellschaft. Dieses zu erhalten ist nicht einfach und kostenlos, ist aber doch vergleichsweise billig. Die wirkungsvollste Maßnahme der Schadensvorsorge ist, sich der Wirkung der Fluten zu entziehen, das heißt gewässernahe Bereiche müssen von Bebauung freigehalten werden. Aber auch der Hausbesitzer muss sich richtig verhalten. Er muss sich überlegen, ob die Heizungsanlage und der Öltank im Keller sinnvoll sind, und ob er unbedingt einen Partykeller mit Teppichboden braucht.

Auf kommunaler Ebene müssen Gemeinden darauf verzichten, Bauland im Gefahrenbereich zu erschließen. Das neue Hochwasserschutz-Gesetz erschwert dieses Streben zwar, kann es aber nicht ganz verhindern. Es darf einfach nicht sein, dass der Einzelne oder die Gemeinde davon profitieren, im Risikogebiet zu bauen, die Schäden nach einer Katastrophe aber von der Allgemeinheit bezahlt werden. Die Eigenvorsorge der Betroffenen muss auch bei der staatlichen Unterstützung nach Flutkatastrophen berücksichtigt werden. Natürlich muss der Staat in bestimmten Fällen helfen; aber der Vorsorgegedanke wird untergraben, wenn die, welche Geld in Vorsorge gesteckt haben, hinterher gleich viel erhalten wie diejenigen, welche sich bequem auf den Staat verlassen.

Das Hochwasser in Südbayern im vergangenen Jahr und auch das aktuelle an Elbe und Donau zeigen deutlich, wie wichtig es ist, adäquaten technischen Hochwasserschutz zu betreiben. Daneben muss aber auch jeder wissen, was er im Krisenfall tun muss. In der öffentlichen Diskussion wird manchmal zu sehr der Eindruck erweckt, Hochwasser sei mit technischen Mitteln beherrschbar. Doch dieser Eindruck trügt: Sicher wird nie etwas sein. Es wird auch in Zukunft Hochwasser, Überschwemmungen und Schäden geben. Dies müssen alle begreifen und wissen, dass immer ein Restrisiko bleiben wird, mit dem wir leben müssen. Davor, dass dieses Restrisiko mit einem sich ändernden Klima größer wird, warnen Experten schon seit vielen Jahren.

Der Beitrag erschien im Original am 20. April 2006 in der Süddeutschen Zeitung.

Wolfgang Kron ist Leiter, Hydrologische Risiken bei der Münchener Rück