Andreas Siebert

Auf den Punkt gebracht: Geoinformationen in der Versicherungswirtschaft

Bislang unterstützten georeferenzierte Daten meist das Risikomanagement von Naturgefahren in der Sachversicherung. Doch spätestens seit Google Earth den Zugriff auf faszinierende Satellitenbilder ermöglicht, ahnt man: Die Versicherungsbranche kann von den Vorzügen der Geotechnologien weit mehr profitieren.

Seit dem 11. September 2001 oder den vernichtenden Hurrikanjahren 2004/2005 sucht die Assekuranz nach Lösungen, um ihre Risikoexponierungen effizienter zu analysieren und zu kontrollieren. Die Fähigkeit, Katastrophenrisiken zu managen, hängt jedoch stark davon ab, wie gut man die exakte Risikolage, die Risikokonzentration und die betroffenen Sparten des versicherten Gebiets kennt.

Dazu müssen Erst- wie Rückversicherer zunächst Antworten auf diese Fragen finden: Wo liegen die Risiken – und wie hoch sind die jeweiligen Haftungssummen? Ein wichtiger Schritt, um ihre Risikotransparenz zu verbessern – was auch im Kontext von Solvency II gefordert wird. Der vielversprechende Schlüssel: Geographical Underwriting. Das Verfahren bietet die erforderliche Transparenz, um die Risiken eines Versicherers räumlich zu analysieren.

Hilfe von ganz oben

Einen enormen Schub erhielt die Geodatenwelt, als Mitte 2005 Google Earth eingeführt wurde. Die Verknüpfung genauer Satelliten- mit branchenspezifischen Fachdaten und ihre Visualisierung erschließen diese Technik ebenso Nutzergruppen, die bisher nicht dem klassischen Fachanwender entsprachen.

Die Münchener Rück setzt das Prinzip der räumlichen Informationsanalyse bereits seit vielen Jahren ein, um Naturgefahren und Katastrophenereignisse abzubilden. Den technischen Hintergrund für Geographical Underwriting bilden Geografische Informationssysteme (GIS), die darauf spezialisiert sind, räumliche bzw. kartografische Informationen zu verarbeiten.

Da auch in der Versicherungswelt rund 80 % aller Daten einen Raumbezug aufweisen, ist der Einsatz dieser Technik hier ebenso angebracht wie in den klassischen Anwendungsgebieten Telekommunikation, Energieversorgung oder Fahrzeugnavigation.

Die eigentliche Stärke von GIS liegt darin, eine Vielzahl von – zunächst getrennt vorliegenden – Informationen über ihren gemeinsamen räumlichen oder geografischen Bezug zusammenzuführen; so wird eine ganzheitliche Betrachtung möglich. In der Versicherungsbranche können alle Portfolio-, Tarifierungs- und Schadenmerkmale mit Gefährdungs- oder vergleichenden Kunden- und Marktdaten verbunden werden.

Erst die Arbeit ...

Ausgangspunkt für eine zukunftsweisende Portfoliosteuerung und -optimierung ist zunächst, die geografische Lage der Risiken – also Längen- und Breitengrade – durch Georeferenzierung möglichst exakt zu bestimmen. Diesen Ansatz führte die Branche bereits vor 30 Jahren mit den sogenannten CRESTA-Zonen für die Sachversicherung ein.

Die meist auf postalischen bzw. administrativen Gebieten aufbauende Zonierung bei CRESTA dient dem Austausch von Haftungsinformationen zwischen Erst- und Rückversichern – gerade bei der Kumulkontrolle großer Portfolios.

Doch die drastischen Überschwemmungen der vergangenen Jahre, die wachsende Bedeutung des Terrorrisikos und der Wunsch nach besseren Risikomodellen ließen die Anforderungen an Genauigkeit und räumliche Auflösung der Daten steigen. Gerade bei einer Überschwemmung entscheiden bereits wenige Meter über Schaden oder Nichtschaden – noch detailliertere Lageinformationen wurden notwendig.

Die Lösung liegt in präziser Geokodierung auf Straßen- bzw. Adressniveau mit GPS-Genauigkeit im Meterbereich – ähnlich wie man sie bei Navigationssystemen von Pkws erhält.

Geokodierungswerkzeuge sind inzwischen so ausgereift, dass ganze Versicherungsbestände auf Einzeladressbasis dargestellt werden können. Der „Geo-Daten-Service“ der Münchener Rück geokodiert und analysiert Bestände weltweit – seine Ergebnisse fließen direkt den Kunden zu, die nun ihre Risiken nach Gefährdungsklassen getrennt bewerten können.

Erfreulicherweise sind immer mehr Erstversicherer in der Lage, die dazu erforderlichen Portfolioinformationen aus ihren komplexen Bestandsführungssystemen zu extrahieren. Ein nicht unerheblicher Zusatzaufwand – doch die späteren Analysemöglichkeiten machen diese anfängliche Mehrarbeit mehr als bezahlt.

... dann die neuen Erkenntnisse im Risikomanagement

Ob fakultatives Industriegeschäft oder Bewertung großer Sachbestände: Der geografische Ansatz hilft der Risikoeinschätzung enorm. Georeferenzierte Daten unterstützen so gut wie alle Arbeitsschritte des Erstversicherers entlang seiner Wertschöpfungskette. Dies beginnt bereits bei Produktentwicklung und Tarifgestaltung, wo die räumliche Differenzierung eine große Rolle spielt – etwa für Wohngebäude- und Inhaltsdeckungen oder die Kfz-Versicherung.

Unbestritten den größten Mehrwert erreicht die Georeferenzierung jedoch, wenn man Kumulsituationen betrachtet und analysiert. Hier bietet das Verfahren der Münchener Rück erstklassige Auswertungsoptionen – ob für einzelne Kunden, den Gesamtmarkt oder für Szenarien wie Wintersturm Europa oder Erdbeben Japan.

Ferner basieren alle Lösungen für Modellierung und Szenarioberechnungen von Naturgefahren und terroristischen Anschlägen auf GIS mit georeferenzierten Daten. Aber auch das Schadenmanagement können GIS erheblich verbessern: durch Verfahren zu Schadenprognose und -prävention, die Unterstützung bei der Schadenbearbeitung oder frühzeitige Berechnungen im Katastrophenfall und Detailanalysen bei der Nachbetrachtung.

Nicht zuletzt optimieren Kundensegmente, die auf räumlicher Basis gebildet wurden, die Vertriebssteuerung. Sie ermöglichen gezielte Geomarketingmaßnahmen und die Bewertung von Kunden im Rahmen sogenannter Kunden-Scorings.

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