Katastrophen in Megastädten — Auswirkungen auf die Kapitalmärkte

Großschadenereignisse bedeuten für die Versicherungswirtschaft in der Regel hohe Schadenzahlungen. Hinterlässt eine Katastrophe in einer Megacity darüber hinaus Spuren beim Wirtschaftswachstum und an den Finanzmärkten, so sind die Versicherer doppelt betroffen. Doch die Zusammenhänge sind komplex und die kurzfristigen Auswirkungen können sich von den langfristigen unterscheiden.

Katastrophen in Megastädten verursachen neben oft erheblichem menschlichem Leid meist auch eine Welle der Zerstörung von ökonomischen Werten. Zu diesen zählen Immobilien, Produktionsanlagen, Maschinen, Agrarprodukte, Energievorräte, Infrastruktur, Versorgungseinrichtungen und vieles mehr. Die Eigentümer dieser Güter und diejenigen, die für die Schäden aufkommen müssen, sind davon direkt berührt. Am Kapitalmarkt wird sich dies in erster Linie bei den Aktienkursen der betroffenen Unternehmen bemerkbar machen. Mehr als alle anderen Branchen sind die Versicherungsunternehmen betroffen, da sie den größten Teil der Schäden übernehmen müssen. Neben diesen direkten Folgen gibt es außerdem eine Reihe indirekter ökonomischer Auswirkungen, die in ihrer Tragweite die unmittelbare Wertevernichtung bei weitem übertreffen können.

Katastrophen sind Konjunkturbremser

Zu den wichtigsten indirekten Schäden zählen Betriebsunterbrechungen sowie der Ausfall von Zulieferern oder Kunden. Die so zwangsweise eingeschränkte Wirtschaftstätigkeit wird zu einem negativen Impuls für das Wirtschaftswachstum der betroffenen Volkswirtschaft. Eine schwächere Konjunktur wirkt sich negativ auf die zu erwartenden Gewinne der entsprechend exponierten Unternehmen und somit auf deren Aktienkurse aus. Der Rentenmarkt dürfte von diesem Szenario hingegen zunächst eher profitieren - denn niedrigere Wachstumsaussichten bedeuten sinkende Zinsen und damit ein Wertgewinn für ein bestehendes Rentenportfolio.

Schlüsselfaktor: Verbrauchervertrauen

Ganz entscheidend sind darüber hinaus die Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen, denn in den meisten Volkswirtschaften ist der Konsum der wichtigste Antrieb für die Konjunktur. Verlieren die Verbraucher aufgrund einer Katastrophe das Vertrauen in die künftige Entwicklung, dann reagieren sie in der Regel mit Konsumzurückhaltung. Das wäre die signifikanteste, negative Folge einer Megacity-Katastrophe. Doch die Verbraucher reagieren nicht auf jede Katastrophe gleich. Entscheidend ist, ob zu erwarten ist, dass sich ein Ereignis wiederholt, oder ob es einmalig ist. Letzterer Fall wird das Vertrauen wesentlich weniger schwächen. Möglich ist dann sogar eine Gegenreaktion nach dem Motto "Jetzt erst recht!" mit positiven Folgen für die Wirtschaft. Eine menschengemachte Katastrophe dürfte sich dagegen erheblich negativer auswirken als eine Naturkatastrophe. Generell wirken ein rückläufiges Verbrauchervertrauen und der damit verbundene Konsumrückgang negativ auf fast alle Branchen des Aktienmarkts.

Wiederaufbau bringt willkommene Impulse

Andererseits sind auch positive volkswirtschaftliche Effekte möglich. Nach einer Katastrophe ruft die öffentliche Hand in der Regel Wiederaufbauprogramme ins Leben. Häufig werden in großem Umfang zusätzliche staatliche Mittel aufgewendet - die Folge ist dann ein spürbarer Wachstumsimpuls. Begleitet werden solche Maßnahmen oft von einer expansiven Geldpolitik, also Zinssenkungen. Davon profitiert der Rentenmarkt. Für den Aktienmarkt ist entscheidend, in welche Bereiche - außer etwa der Baubranche - die zusätzlichen Gelder fließen. Naturgemäß sind es jene Branchen, die von der Katastrophe besonders betroffen sind.

Globale Folgen - Störung der Kapitalmärkte

Gerade Megastädte sind zumeist große Finanzplätze. Deshalb sind weitere indirekte Folgen denkbar: So könnte die Funktionalität der Kapitalmärkte dadurch gefährdet sein, dass ein wichtiger Finanzplatz zerstört wird. Die Frage lautet, ob bereits wenige Ausfalltage eine nachhaltige Störung zur Folge haben können. Dieses Risiko beschränkt sich allerdings auf wenige Städte und extreme Katastrophen. Und im Zeitalter global vernetzter Märkte ist kaum ein Finanzplatz unersetzbar. So ist jedes der drei wichtigsten Zentren New York, London und Tokio in der Lage, einen funktionierenden Markt für die wichtigsten Kapitalmarktprodukte aufrechtzuerhalten.

Zudem sind die meisten wichtigen Akteure, allen voran internationale Investmentbanken, auf allen weltweit wichtigsten Finanzplätzen vertreten. Das bedeutet, sie können substituieren. Darüber hinaus fordern die Aufsichtsbehörden zum Teil umfangreiche Notfallpläne ein, die es ermöglichen, die Geschäfte innerhalb weniger Stunden an einem andern Ort wiederaufzunehmen. Bei einzelnen Produkten, die nur an einem Finanzplatz in nennenswertem Umfang gehandelt werden, sind zwar Engpässe möglich. Aber eine anhaltende Störung der globalen Märkte ist aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich. Nur der gleichzeitige Ausfall vieler wichtiger Teilnehmer würde zu nachhaltigen Komplikationen führen. Das einzige vorstellbare Szenario dafür wäre die komplette Zerstörung von Manhattan.

Fazit: Die nachhaltigen Folgen auf Kapitalmärkte sind ungewiss

Eine Megacity-Katastrophe beeinflusst immer die beiden wichtigen Faktoren Ertrag und Risiko. Während sich beim Ertrag jedoch positive und negative Auswirkungen (mit ungewissem Nettoeffekt) überlagern, wird die Unsicherheit, also das Risiko, grundsätzlich größer und wirkt sich negativ auf die Kapitalmärkte aus. Was unter dem Strich übrig bleibt, ist somit schwer zu prognostizieren und kann nicht eindeutig zugeordnet werden.

Insgesamt dürften die Aktienmärkte tendenziell verlieren. Wie nachhaltig dieser Effekt ist, hängt entscheidend von den Auswirkungen auf das Vertrauen der Konsumenten und somit von der Art der Katastrophe ab. Ein von Menschenhand verursachtes Desaster ist um ein Vielfaches schlimmer als eine (hoffentlich) einmalige Naturkatastrophe. Die Rentenmärkte dürften bei einer Katastrophe eher gewinnen - die Zinsen fallen. Das ist für ein bestehendes Portfolio positiv. Langfristig führt diese Entwicklung aber zu niedrigeren Wiederanlagezinsen. Das muss in den Versicherungspreisen berücksichtigt werden.