Definitionen von Megastädte
Im Jahr 2005 leben ungefähr vier Prozent der Weltbevölkerung - rund 280
Millionen Menschen - in Megastädten. Bis 2015 wird diese Zahl nach Schätzungen der
Vereinten Nationen auf 350 Millionen ansteigen. In den zehn wirtschaftlich bedeutendsten
Städten der Erde wird heute fast ein Fünftel des Weltsozialprodukts umgesetzt. Für die
Versicherungswirtschaft birgt diese Entwicklung zahlreiche Risiken.
Das alte Rom gilt als die erste "Megacity" der Geschichte.
Schätzungen zufolge zählte die Stadt schon um Christi Geburt zwischen 750 000 und 1,5
Millionen Einwohner. Es existierten komplexe Systeme zur Verteilung von Nahrungsmitteln,
zur Wasserversorgung und Abfallentsorgung. Für die damalige Zeit war dies eine
einzigartige Größenordnung - und noch für Jahrhunderte danach. Noch im Jahr 1800
betrug der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung lediglich 3 %.
Geschichte der Urbanisierung
Das änderte sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Fabriken
siedelten sich in Städten an, da diese meist verkehrsgünstig an Flüssen oder Küsten
lagen und reichlich Arbeitskräfte boten. Hinzu kamen ein großer Absatzmarkt, die Nähe zu
anderen Betrieben sowie eine gut entwickelte Infrastruktur. Um 1900 war London mit mehr
als 6 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Erde.
50 Jahre später lag New York mit 12 Millionen Menschen an der Spitze, heute ist
es Tokio mit 35 Millionen (Schaubild: "Die 15 größten Städte der Welt 1950
- 2000 - 2015", aus Megastädte - komplexe Gebilde). Seither
nimmt der Urbanisierungstrend vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern rasant zu.
Dort beträgt der Verstädterungsgrad bereits jetzt 40 % (in den Industrieländern liegt er
bei 75 %). Rund drei Viertel der Megastädte liegen heute in industriell weniger
entwickelten Ländern. Da die Bevölkerung dort sehr viel schneller wächst, wird sich
dieser Trend in Zukunft noch verschärfen.
Megacity: Was ist das?
Wann ist eine Metropole eine Megacity? Den Begriff prägten einst die Vereinten
Nationen. Er beschreibt urbane Räume mit mindestens 10 Millionen Einwohnern. Für
Versicherer ist die Einwohnerzahl aber nur eines von vielen Kriterien. Es kommt daneben
auch darauf an, ob hohe Wertekonzentrationen und eine moderne Infrastruktur vorhanden
sind. Wichtig sind vor allem auch der globale Einfluss, die weltweite Verflochtenheit
einer Metropole (sog. "global cities" ). Denn in globalen Wirtschafts- und
Handelszentren findet ein großer Teil des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Geschehens statt. Indikatoren für die weltweite Verflochtenheit sind die Anzahl der
Unternehmenssitze von Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen in einer Stadt,
die Flugfrequenz, die Präsenz internationaler Organisationen, aber auch von
Handelsplätzen wie Börsen.
Urbane Regionen wachsen zu Megastädte zusammen
Bei Großstädten ist weltweit eine Dekonzentration zu beobachten. Privathaushalte
und Unternehmen wandern an die Stadtränder ab. Die Stadt vergrößert sich flächenmäßig
und holt zum Beispiel vormals ausgelagerte Industriegebiete oder Flughäfen wieder ein.
In diesem Prozess entstehen häufig zusammengewachsene städtische Regionen, die dann
nicht mehr nur einen Stadtkern besitzen, sondern mehrere Einzelstädte umfassen.
Beispiele für solche zusammengewachsenen, mega-urbanen Regionen sind das Ruhrgebiet in
Deutschland, Randstad in den Niederlanden oder Boswash an der Ostküste der USA (von
Boston bis Washington).
Folgen für die Assekuranz: Kumulrisiko steht im Vordergrund
Für Versicherer bergen Megastädte aufgrund ihrer Konzentration von Personen und
Sachwerten auf engstem Raum besonders hohe Schadenpotenziale (Kumulrisiko). Dabei können
auch kleine Ereignisse hohe Schäden verursachen. So führt bereits der Ausfall einer
zentralen Pendlerzuglinie zur morgendlichen Rushhour in Metropolen wie Tokio, London
oder New York kurzfristig zu einem gewaltigem Chaos und riesigen Produktionsausfällen.
Aufgrund der globalen Vernetzung dürfen "global cities" heute auch nicht
mehr für sich allein betrachtet werden. Je nach Grad der Vernetzung kann eine
Betriebsunterbrechung in einer Metropole zu Produktionsausfällen in anderen Regionen
oder Ländern führen, die von der Störung zunächst nicht betroffen waren. Als
Paradebeispiel gilt ein Erdbeben in Tokio, das nach Ansicht von Wirtschaftsexperten eine
weltweite Rezession auslösen könnte. Hinterlässt eine Katastrophe darüber hinaus noch
Spuren beim Wirtschaftwachstum und an den Finanzmärkten, dann sind die Versicherer als
große Investoren auf dem Kapitalmarkt doppelt betroffen.