Ernst Rauch

Sturm und Unwetter

Noch steht der wissenschaftliche Nachweis dafür aus, dass sich das Windklima verändert. Doch Indizien weisen darauf hin: Die Sturmgefahr wird in Zukunft potenziell zunehmen.

Die Geschichte der Menschheit war in den vergangenen Jahrtausenden ebenso eng mit dem Wissen über wie mit dem Kampf gegen Wind und Meere verbunden. Schon 6000 v. Chr. zeigen Felszeichnungen in Nubien — einem Gebiet zwischen Assuan in Ägypten und Karima im Sudan — Boote mit Stierköpfen am Bug.

Um 4000 vor unserer Zeitrechnung wurden Handel und Expansionsbestrebungen der ägyptischen Pharaonen davon mitbestimmt, wie sich Schiffe einsetzen ließen und man den Wind nutzen konnte. 5.000 Jahre später stießen die Wikinger — angeführt von Leif Eriksson — auf dem Höhepunkt ihrer seefahrerischen Leistungen nach Amerika vor und entdeckten Neufundland.

In den folgenden Jahrhunderten stießen die Europäer allein mit dem Antriebsmotor "Wind" auf den Seereisen der großen Entdecker von Marco Polo bis Henry Hudson Schritt für Schritt weiter in die Welt vor.

Aber nicht nur dadurch, wie man seine Energie nutzt, hat der Wind unsere Geschichte beeinflusst: Durch Erosion und Zerstörung wird die Morphologie der Erde zudem permanent verändert. Von besonderer Bedeutung im europäischen Raum ist dabei die Entwicklung der Küstenlandschaften der Anrainerländer von Nord- und Ostsee; sie wurde immer wieder von Sturm- und Sturmflutereignissen bestimmt, die sich katastrophal auswirkten, da die Gebiete schon früh besiedelt waren.

Die für die deutsche Nordseeküste folgenschwerste Sturmflut war die zweite Marcellusflut vom 16. Januar 1362. Die Chroniken dieser Katastrophe, die auch als "Große Manndränke" bezeichnet wird, sprechen von 100.000 Toten; damals bildeten sich Teile der heutigen Inseln Nordfrieslands.

Auswirkungen auf Natur, Mensch und Ökonomie

Schwere Sturmereignisse zählen auch in anderen Teilen der Welt zu den dominierenden Naturgefahren. So waren seit Ende des 19. Jahrhunderts Stürme in den USA die bedeutendsten Naturkatastrophen in Bezug auf Todesopfer und Sachschäden.

Am 8. September 1900 wurde die Stadt Galveston im Golf von Mexiko von einem Hurrikan und einer Sturmflut regelrecht dem Erdboden gleichgemacht. Bei dieser Katastrophe starben 6.000-8.000 Menschen — mehr als doppelt so viele wie beim Erdbeben von San Francisco 1906.

Auch für die Versicherungswirtschaft setzte ein Hurrikan in den USA eine Rekordmarke, die bis heute (Stand: Oktober 2004) von keinem anderen Naturereignis übertroffen wurde: "Andrew" zerstörte am 24. August 1992 im Süden Floridas Sachwerte von rund 30 Milliarden US$; 17 Milliarden US$ davon hatte die Assekuranz zu tragen.

Aus Sicht der Versicherungswirtschaft lässt sich die Gefahr Sturm wie folgt zusammenfassen: Gemessen an der Häufigkeit von Schadenereignissen, an der Gesamtfläche der betroffenen Gebiete und an der Höhe der von der Assekuranz zu tragenden Schäden, sind Stürme die weltweit bedeutendste Naturgefahr.