Dr. Torsten Jeworrek ist Mitglied des Vorstands der Münchener Rück. Er verantwortet den Bereich Corporate Underwriting/Global Clients.

Interview mit Dr. Torsten Jeworrek

Meinung: Eine Neubewertung des Risikos ist nötig

Im Gespräch mit Topics plädiert Dr. Torsten Jeworrek dafür, die sich weltweit häufenden Wetterextreme exakter in den Risikomodellen zu berücksichtigen. Eine wichtige Lehre aus Hurrikan Katrina sei, auch das vermeintlich Undenkbare in die Risikoeinschätzungen einzubeziehen.

Tropische Wirbelstürme haben 2004 und 2005 enorme Schäden verursacht, allein 80 Milliarden US$ in den USA. Waren das Ausnahmeereignisse oder Vorboten eines neuen Trends?

Dr. Torsten Jeworrek: Die Rekordschäden der vergangenen Jahre beruhen einerseits darauf, dass versicherte Werte massiv zunehmen. Andererseits spiegeln die Hurrikanschäden aber auch den allgemeinen Trend wider, dass Wetterereignisse seit Jahren an Häufigkeit und Intensität zunehmen. Inzwischen sind auch Gebiete betroffen, die wir bisher als nicht gefährdet ausgewiesen hatten: In den vergangenen beiden Jahren haben tropische Wirbelstürme zum Beispiel auf den Kanaren und in Brasilien zu Schäden geführt.

Ist der Klimawandel für diese Entwicklungen verantwortlich?

Jeworrek: Wir müssen zwei grundlegende Einflussfaktoren unterscheiden. Auf der einen Seite häufen sich weltweit Wetterextreme — was aus unserer Sicht analytisch nachvollziehbar eine Konsequenz des Klimawandels und zum Teil vom Menschen verursacht ist. Der zweite Aspekt betrifft speziell den Nordatlantik: Dort wirkt zusätzlich eine natürliche Schwankung der Wasseroberflächentemperaturen mit einer Periodizität von mehreren Jahrzehnten. Da wir uns seit Mitte der 90er-Jahre in einer Warmphase dieser Atlantic-Multidecadal-Oscillation befinden, addieren sich zurzeit zwei Einflussgrößen, die für die Hurrikangefährdung relevant sind.

Welche Folgen haben die Wetterextreme für die Versicherungswirtschaft?

Jeworrek: Sie bringen erhöhte Schadenpotenziale und Schadenhäufigkeiten mit sich. Daraus ergibt sich neben dem regionalen Bedarf an höheren Preisen eine wachsende Nachfrage nach Rückversicherungskapazität. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang das Risikomanagement: Die Anforderungen steigen kontinuierlich — State-of-the-Art-Risikomanagement ist oberstes Gebot. Angefangen bei exzellenter Risikoeinschätzung im Underwriting bis hin zum Risikomanagement auf Konzernebene müssen wir äußerste Disziplin darauf verwenden, unseren wissenschaftlichen und technischen Sachverstand konsequent umzusetzen.

Was erwartet unsere Kunden denn konkret: höhere NatCat-Preise? Ereignislimite?

Jeworrek: In Regionen und bei Gefahren, wo eine Veränderung des Risikos zu erwarten ist, sind die Preise anzupassen — entsprechend dem ableitbaren erhöhten technischen Bedarf und unter Berücksichtigung der Kosten für erforderliches Risikokapital. Das bedeutet allerdings keine pauschale Prämiensteigerung für das weltweite Naturkatastrophengeschäft. Wir modifizieren unsere Modelle so, dass sie für die Exponierung der Region und des Kunden prospektiv richtig sind. Ereignislimite zur Haftungsbegrenzung des Rückversicherers im proportionalen Geschäft sind als Teil des modernen Risikomanagements unabdingbar.

Rechnen Sie damit, dass die Preiszyklen künftig geringeren Schwankungen unterliegen?

Jeworrek: Wir gehen davon aus. Auf der einen Seite existiert ein höheres Bewusstsein für Schadeneinschätzung und Exponierung. Auf der anderen Seite fordern Ratingagenturen und Regulatoren, die Prozesse in Bezug auf Modellierung, Kapitalhinterlegung und Risikomanagement zu verbessern — sowohl bei den Erst- als auch bei den Rückversicherern. Aus diesem Druck heraus müsste es zu einer disziplinierteren Behandlung des Risikos und zu einer flacheren Ausbildung der Preiszyklen kommen.

Wir haben unsere Schadenmodelle bereits für die Erneuerung zum 1. Januar 2006 angepasst.

Ist eine generelle Neubewertung des Risikos notwendig?

Jeworrek: Bei Hurrikanen besteht zweifellos eine deutlich erhöhte Exponierung. Die Übersetzung dieser veränderten Exponierung in Risikomanagement und Risikomodelle muss daher weitergeführt werden. Viele Modelle beruhen auf retrospektiver Betrachtung. Aktuelle Ergebnisse der Klimaforschung weisen jedoch darauf hin, dass man die Gefährdung nicht mehr auf der Basis eines langjährigen Mittelwerts beschreiben kann, sondern prospektiv abbilden muss. Bei allen notwendigen Verbesserungen bleiben Unsicherheiten in der Modellierbarkeit — diese sind durch geeignete konservative Annahmen im Risikomanagement der Unternehmen zu berücksichtigen.

Stichwort Risikomanagement: War die Münchener Rück in den vergangenen zwei Jahren bei ihren Risikoeinschätzungen zu optimistisch?

Jeworrek: Wir sind in der Vergangenheit bei unseren internen Risikobewertungen gerade bei Sturmdeckungen immer konservativ gewesen. 2004 und 2005 sind im Nordatlantik Hurrikane mit einer Häufigkeit und Intensität aufgetreten, die wir in unseren Ansätzen zur Risikomessung nicht in vollem Umfang antizipiert haben. Wir haben daher unsere Schadenmodelle bereits für die Erneuerung zum 1. Januar 2006 nochmals angepasst. Darüber hinaus arbeiten unsere 30 Geowissenschaftler und Meteorologen im Verbund mit der Wissenschaft nach wie vor intensiv daran, unsere Modelle weiterzuentwickeln.

Obwohl Simulationen die Konsequenzen eines Hurrikans in New Orleans vor Augen geführt hatten, konnte sich niemand das Ausmaß der Katastrophe vorstellen. Was ist die Lehre aus Katrina?

Jeworrek: Das Flutrisiko hatten wir in unserem Modell unterschätzt. Große kommerzielle Risiken und Industrierisiken in den USA verfügen aber fast alle über eine Deckung für Flut — das macht die Modellierung des Flutrisikos so wichtig. Katrina war ein Ereignis, das durch die Überflutung weiter Teile New Orleans' mit Schadenelementen verbunden war, die selbst bei den großen Hurrikanen der letzten Jahre — ich denke vor allem an Andrew 1992 — nicht aufgetreten sind. Wir haben uns in New Orleans vielleicht zu sehr auf den technischen Hochwasserschutz verlassen, was sich im Nachhinein als zu optimistisch herausstellte. Eine wichtige Lehre aus Katrina ist daher, das vermeintlich Undenkbare in unsere Risikoeinschätzungen einzubeziehen.

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