Thomas Loster

La Bohème im Regen

Fast jede größere Veranstaltung ist heutzutage versichert - ob es sich nun um das Endspiel in Wimbledon, "Die drei Tenöre" am Eiffelturm, ein Open-Air-Kino oder die Olympischen Spiele handelt. Manchmal schont jedoch ein Zufall den Versicherer vor Schadenzahlung.

Bei der Wetterdeckung geht es in der Regel darum, bei einem Ausfall sämtliche Aufwendungen, die für Vorbereitung und Durchführung angefallen sind, zu entschädigen. Dazu gehören auch Verlegungskosten, Einnahmeeinbußen usw. Sponsoren und Werbeeinkünfte treiben die Versicherungssummen oft in Schwindel erregende Höhen; vor allem, wenn ein Event hohe Fernseh-Einschaltquoten verspricht. Muss dann beispielsweise das Wimbledon-Endspiel von Sonntag auf Montag verlegt werden, sinken die Zuschauerzahlen und somit die Einnahmen für Werbeminuten.

Findet eine Veranstaltung im Freien statt, kommt der Wetterdeckung - neben einer Vielzahl anderer Deckungen - eine zentrale Rolle zu. Wer sitzt schon gerne im strömenden Regen auf einer nicht überdachten Tribüne? Eine Ausnahme bilden bestenfalls Rockkonzerte, bei denen die Regen- und Temperaturanfälligkeit des Publikums gegen null gehen kann (das Rockkonzert in Woodstock im Jahre 1969 lieferte einen klassischen Beweis).

Normalerweise wird bei Regen der Beginn einer Open-Air-Veranstaltung um 30 oder 60 Minuten verschoben. Besteht danach immer noch keine Chance, die Veranstaltung im Trockenen zu realisieren, dann wird abgebrochen.

In zahlreichen Ländern haben sich über die Jahre mehrwöchige Open-Air-Veranstaltungen mit Weltruf etabliert, beispielsweise die Opernfestspiele in Verona (Italien) und die "Jedermann"-Aufführungen in Salzburg (Österreich). Großer Beliebtheit erfreuen sich seit langem die rund 25 Aufführungen auf der Seebühne in Bregenz (Österreich) am Bodensee von Mitte Juli bis Mitte August.

In einem Turnus von zwei Jahren werden dort Opern und Musicals gespielt. Für die Veranstaltungen besteht jeweils eine Wetterversicherung, die bei Regen den Abbruch oder Umzug in ein nahe gelegenes Theater deckt. Da die Region im Sommer durchschnittlich 16 Niederschlagstage pro Monat aufweist, werden die Festspiele nicht selten von einem Abendgewitter oder starkem Regen betroffen, selbst wenn der Durchführwille der Veranstalter groß ist.

Mimi wird nass

Anfang August 2002 freuten sich mehrere tausend Festspielgäste auf einen malerischen Sonnenuntergang und die danach stattfindende Aufführung von Puccinis La Bohème auf der Seebühne in Bregenz. Die Wetterverhältnisse waren allerdings den ganzen Tag über kritisch: Dicke Wolkenschwaden und kurze Schauer gefährdeten die Aufführung lange Zeit; am späten Nachmittag beruhigte sich dann die Atmosphäre etwas.

Trotzdem setzte bereits kurz nach den ersten Takten Regen ein, der allmählich immer stärker wurde. Die Zuschauer schützten sich mit Jacken, Plastikumhängen und Decken, während die Schauspieler La Bohème im Regen auf der Bühne immer nasser wurden und in größer werdenden Pfützen einfühlsam die leidvolle Liebesgeschichte des Dichters Rodolfo und der kranken Mimi aufführten.

Der Regen verwandelte die geneigte Bühne in eine Rutschbahn, das Feuer großer aufgestellter Fackeln flackerte im Wind und wurde vom prasselnden Regen teilweise gelöscht. Erst gegen Ende der Aufführung ließ der Regen langsam nach. Tosender Applaus.

Die Veranstaltung war gegen Regen versichert

Versicherer hätten angesichts der Wetterverhältnisse während der Veranstaltung mit einem sicheren Ausfallschaden gerechnet. In diesem Fall geschah aber nichts, die Aufführung wurde nicht abgebrochen, keine Schadenmeldung ging ein, obwohl die Police den Abbruch voll gedeckt hätte. Warum?

Ein Zufall wollte es, dass La Bohème genau an diesem Tag für das Fernsehen aufgezeichnet werden sollte, was mit hohem technischem Aufwand und erheblichen Kosten verbunden ist. Die Festspiel- und Aufnahmeleitung hatte sich entschlossen, das Projekt trotz der widrigen Umstände durchzuführen.

Der Versicherer der Festspiele wird die Fernsehaufzeichnung mit Genuss im trockenen Wohnzimmer angesehen und sich dabei umso mehr gefreut haben, dass durch Zufall ein sicher geglaubter versicherter Schaden verhindert wurde.