Risk-Management Tunnel

Straßen- und Eisenbahntunnel sind nach den katastrophalen Schadenerfahrungen der letzten Jahre leider immer noch in der Diskussion. Viele Tunnel weisen einen unzureichenden Brandschutz auf, weshalb eine rasche Rettung von Personen teilweise kaum möglich ist.

Tragische Personenschäden mit Todesfolge, erhebliche Schäden an der Infrastruktur, Haftpflichtschäden und Einbußen aufgrund der Betriebsunterbrechung sind häufig das Resümee. Die Kumulierung der Sach- und Haftpflichtschäden stellt für die Versicherer ein schwer kalkulierbares Risiko dar.

Die Tunnelbrände der letzten Jahre (Brände in den beiden Alpentunneln Montblanc und Hohe Tauern sowie in der Kapruner Kitzsteinhorn-Seilbahn) waren Tragödien mit zahlreichen Toten. Gleichwohl sind aus Sicht der Sachschadenversicherung noch andere Worst-Case- Szenarien vorstellbar. Der bisher wohl größte Tunnelschaden ereignete sich 1982 in Kabul, Afghanistan: Im 3 km langen Salang-Tunnel kollidierte ein Militärfahrzeug mit einem Tanklastzug. Es kam zu einer Explosion. Ob das Militärfahrzeug explosives Material geladen hatte, konnte nie geklärt werden. Offiziell wurden 700 Tote beklagt, Experten sprachen von 2000. Große Teile des Tunnelbauwerks stürzten damals aufgrund der großen Hitze ein.

Anhand von Beispielen wird im Folgenden das Schadenpotenzial und -ausmaß aus Sicht der Sachschaden- und Haftpflichtversicherung ausgeführt. Die Versicherer werden künftig die Sicherheitsstandards und das Bedingungswerk der Verträge für das Risiko Tunnel noch genauer prüfen müssen. Dies wird Versicherbarkeit und Prämienfestsetzung maßgeblich beeinflussen.

Entscheidend ist, für jeden Tunnel ein maßgeschneidertes Risk-Management-Konzept zu entwickeln. Im Mittelpunkt werden hier primär die langen Tunnel mit hoher Verkehrsdichte stehen. Neben geeigneten Flucht- und Angriffswegen und einem leistungsfähigen Lüftungssystem sind – wie bei jedem Bauwerk – Anforderungen des baulichen, betrieblichen und organisatorischen Brandschutzes zu beachten.

Schadenanalyse und Statistik

Tunnelbauwerke sind während der Bauphase und während der Bestandsdeckung als exponierte Risiken zu betrachten. In Betrieb sind sie etwa durch Wassereinbrüche, Erdbeben, Einsturz und vor allem durch Feuer gefährdet. Das wohl wahrscheinlichste Gefährdungsszenario bei unterirdischen Verkehrsanlagen (Tunnel, Bahnhof) besteht in einem nicht kontrollierbaren Brandereignis, beispielsweise wenn sich im Tunnel ein Fahrzeug-Vollbrand entwickelt. Ein Vollbrand kann sich je nach Ursache bei einem Pkw nach rund 10 min, bei einem Lkw nach 20 bis 30 min. entwickeln.

Ein Fahrzeug-Vollbrand in einem Straßentunnel kann eine so große Hitze erzeugen, dass das Feuer eventuell auf benachbarte Fahrzeuge überspringt. Die maximale Hitze wird nach etwa einer halben Stunde erreicht. Die Erfahrung zeigt, dass ein Feuerüberschlag von Pkw zu Pkw zwischen 0,4 und 0,8 m eher selten geschieht. Im Montblanc-Tunnel entwickelte sich 1999 der Brand jedoch sehr rasch, da der Lkw mit Margarine und Mehl beladen war.

Diese hohe Brandlast und die Lüftungsbedingungen trugen zu einem raschen Übergreifen der Flammen auf andere Fahrzeuge bei. Kraftstoff und Plastikteile in Pkws sind außerdem Brandlasten, die eine starke Rauchentwicklung verursachen. Personen sind bei einem außer Kontrolle geratenen Brandereignis akut gefährdet durch toxische Rauchgase, immense Hitzeentwicklung, stark eingeschränkte Sichtverhältnisse, unzureichende Flucht- und Evakuierungsmöglichkeiten sowie Panikreaktionen der Beteiligten. Diese Einflussgrößen hindern Rettungs- und Löschkräfte meist daran, rasch vorzudringen.

Es gibt zwei Hauptursachen für Tunnelbrände: Sie werden entweder durch technische Defekte ausgelöst oder durch einen Verkehrsunfall verursacht. Dabei sind technische Defekte häufiger.
Die Wahrscheinlichkeit eines Brandes im Vergleich zu einem Eisenbahntunnel beträgt etwa 20 : 1. In der jüngsten Zeit gab es keine größeren Brände in Eisenbahntunneln mit hohen Personenschäden. Bei einem Zugbrand wären jedoch viele Menschen betroffen, wie schwere Brände in U-Bahn-Stationen zeigen.