Klaus Wenselowski

Ein Stahlwerk – viele Schäden

Mehrere Schäden an einem Hochofen führen zu langwierigen, komplizierten Reparaturen und ebensolchen Verhandlungen bei der Regulierung.

Industrieart: Stahlproduktion
Alter des Werks: über 110 Jahre
Hochöfen: 3, davon nur einer aktiv, vor 11 Jahren neu ausgemauert Produktionsmenge: rund 1,3 Millionen t Roheisen
Kühlung: Wasser, etwa 37 900 l/min Entnahmestelle: in einem nahe gelegenen Fluss
Filtersystem: vierstufig; die ersten Filter sind grobmaschige Gitter, die über Anbindungen aus Metall mit der Entnahmestelle verbunden sind.

Marodes Kühlsystem verursacht ersten Schaden

Im Lauf der Jahre verrotteten die Gitter und Anbindungen des Filtersystems. Sie wurden spröde und lose und gaben Treibgütern nach, welche die 1.000 PS starken Pumpen ansogen. Dabei verformten sich die Gitter, es entstanden Lücken, durch die tonnenweise Feststoffe, darunter viele Fische, ins Kühlsystem gerieten – es verstopfte. Um die Kühlung des Hochofens aufrechtzuerhalten, wurden die Feststoffe wiederholt entfernt und die Lecks an den Filterstufen von Tauchern abgedichtet.

Bald darauf führte ein Wasserrohrbruch zu plötzlichem Druckabfall im Kühlsystem. Bis das Leck gefunden und abgedichtet werden konnte, vergingen Stunden. Durch den abnehmenden Wasserdurchsatz stieg die Temperatur im Hochofen; Kühlelemente überhitzten und schmolzen durch. Wasser spritzte ins Innere des Hochofens – der Eisengewinnungsprozess wurde instabil. Die Überhitzung beschädigte auch einige der Gebläse schwer.

Der Versicherungsnehmer entschloss sich, Gebläse und Kühlelemente bei laufendem, aber reduziertem Betrieb zu reparieren. Nach rund zwei Wochen nahm man den Hochofen wieder voll in Betrieb. Die Schadenaufnahme an der Ausmauerung wollte man während der in fünf Monaten geplanten Generalüberholung durchführen, denn das Abschalten eines kontinuierlich arbeitenden Hochofens ist ein lang andauernder Prozess.

Als der von der Versicherung eingesetzte Gutachter den Schaden aufnehmen wollte, waren die ausgebauten, beschädigten Gebläse bereits eingeschmolzen – eine detaillierte Schadenaufnahme war damit unmöglich.

Lokale Temperaturerhöhungen lösen Folgeschäden aus

Nur wenige Wochen später entdeckte man im metallischen Gichtgasauslasskanal1 Risse und unterbrach für die Dauer der Reparatur – insgesamt dreizehn Tage – die Produktion. Auch über diesen Schaden wurde der Gutachter erst informiert, nachdem er behoben war. Der Versicherungsnehmer begründete dies damit, dass es für ihn vordringlich war, den Hochofen instandzusetzen.

Die Untersuchungen des Schadengutachters ergaben, dass lokale Temperaturerhöhungen die Risse verursacht hatten. Freigewordener Wasserstoff hatte sich entzündet. Er stammte aus der Dissoziation des Wassers, das durch immer noch oder wieder beschädigte Kühleinrichtungen eingedrungen war. Diese Schäden galten damit als direkte Folge des ersten Schadens.

Die Hochofenbetreiber hatten zwar nach eigenen Angaben die Temperatursteigerungen bis zu 500° F (206 °C) registriert, nicht aber ihre Ursache ermittelt. Erst als Temperatursteigerungen über 1.200° F (ca. 650 °C) auftraten und der Termin für die Generalüberholung näher rückte, entschloss man sich, eine Reparatur durchzuführen. Hierfür wären Betriebsunterbrechungen (von meist etwa 12 Stunden, teilweise auch von bis zu 36 Stunden) notwendig gewesen, die in Kürze hätten beginnen sollen.

Überhitzung des Hochofens nach Stromausfall bewirkt zweiten Schaden

Vor Beginn der geplanten Reparatur ereignete sich aber ein noch schwerwiegenderer Unfall. Auslöser war ein großflächiger Stromausfall. Zwar sprangen zunächst die eigenen Notstromgeneratoren an, doch ein 25-Hz-Generator, der die Kühlwasserpumpen mit Strom versorgte, versagte schon nach kurzer Zeit. Auch konnte das Kühlwasserventil an der Hauptpumpe nicht mehr geschlossen werden: Kühlwasser floss aus dem Hochofen in den Fluss zurück. Die – zu schwache – Ersatzpumpe befand sich am anderen Ende der Anlage und war somit wirkungslos.

Die Folge: Der Hochofen überhitzte. Einige der Brenner im unteren Teil des Ofens wurden so stark beschädigt, dass Eisenerz, Koks, Kühlwasser, erstarrtes und flüssiges Roheisen austraten. Die noch heißen Substanzen setzten nahe gelegene Kontrollanlagen in Brand und beschädigten die tragenden Strukturen des Ofens.

Einzelschäden

Der Schaden war immens und neben dem Schadengutachter wurden zahlreiche Experten in die Bearbeitung eingebunden: Es galt, die Schadenursache festzustellen, die Schadenhöhe zu kalkulieren, den schnellstmöglichen Wiederaufbau zu planen, die Deckung zu analysieren und die Regressmöglichkeiten zu prüfen. Sowohl Versicherer als auch Versicherungsnehmer engagierten Sachverständige – einige Verantwortlichkeiten wurden deshalb mehrfach vergeben.

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