4. Quartal 2006
LL601 — Gentech-Reis in Deutschland
Anfang September 2006 wurden in Deutschland Spuren von gentechnisch verändertem Reis gefunden, obwohl der Reis weltweit keine Zulassung hat. Japan stoppte daraufhin sämtliche Importe von Reis aus der USA; die EU verlangt einen Nachweis, dass die Lieferungen garantiert frei von GV-Spuren sind. Mehrere Handelsunternehmen haben US-Langkornreis aus ihrem Sortiment genommen. Was ist hier passiert? In den 1990er-Jahren entwickelte Aventis den Reis LL601 (LL für Liberty Link), der gegen das Herbizid Glufosinat (Liberty) resistent ist. 2001 wurde die Entwicklung eingestellt. Zwei ähnliche Reislinien (LL62 und LL06) mit der gleichen Herbizidresistenz sind in den USA zugelassen, werden aber so gut wie nicht angebaut. In Europa liegt für LL62 ein Zulassungsantrag vor.
Für eine Zulassung muss ein Unternehmen ein Verfahren konzipieren, mit dem die neu entwickelte Pflanze nachgewiesen werden kann. Bei einem Test eines solchen Nachweisverfahrens für LL62 wurden Spuren des ähnlichen LL601 gefunden. Wie aber kommt LL601 fünf Jahre nach Beendigung der Entwicklung in einen Container mit LL62? Diese Frage ist weitgehend ungeklärt. Während der Freisetzungsversuche 2001 kann es zu Auskreuzungen gekommen sein (doch Reis ist Selbstbestäuber), zu Durchwuchs im nächsten Jahr oder zur Verwechslung von Saatgut. In einer Reisforschungsstation in Louisiana wurde LL601 in einigen Körnern von Basis-Saatgut entdeckt. Als Basis-Saatgut kann LL601 unwissentlich weit verbreitet worden sein.
Bayer hat Aventis 2003 übernommen und weist deshalb Anschuldigungen zurück. Dennoch ist Bayer juristisch verantwortlich und wird bereits von mehreren Reisanbauverbänden in der USA verklagt. Sie wollen Entschädigung für die Einkommensverluste aufgrund der Einfuhrverbote und den um ca. 10 % gesunkenen Weltmarktpreis. In einem ähnlichen Fall von 2000 mit gentechnisch verändertem Mais (Starlink), der nur eine Zulassung als Futtermittel hatte und versehentlich in Nahrungsmittel gelangt war, hatte Aventis (über Kraft und Kellogg) eine Rückrufaktion von über 100 Millionen € zu verkraften.
Die Anteile an GV-Reis, die bisher in Deutschland gefunden wurden, liegen unter 0,05 %. Da die Zulassung fehlt, hat LL601 keine Sicherheitsbewertung. Der zugelassene LL62 enthält jedoch das gleiche Resistenzgen, weshalb man davon ausgeht, dass keinerlei Gesundheitsgefährdung besteht. Bayer hat bereits einen nachträglichen Zulassungsantrag in den USA gestellt, um etwaigen Ansprüchen zu begegnen.