3. Quartal 2005
WHO sieht in grüner Gentechnik eine Chance für die Ernährung der Welt
In ihrem Bericht "Moderne Lebensmitteltechnologie, menschliche Gesundheit und Entwicklung" zieht die WHO eine positive Bilanz der grünen Gentechnik: Sie könne einen positiven Beitrag zur Gesundheit des Menschen und zur Entwicklung in vielen Ländern leisten. Voraussetzung sei jedoch, gentechnisch veränderte Pflanzen nur nach strenger Prüfung freizusetzen, um Schäden für Gesundheit und Umwelt auszuschließen.
Gentechnisch veränderte Pflanzen können Erträge, Qualität und Sortenvielfalt steigern und damit die Ernährungssituation und den Lebensstandard in einer Region verbessern. Zudem können sie helfen, den Einsatz von Chemikalien zu verringern und so die Umwelt zu entlasten und die Gesundheit der Anwender zu schonen.
Die WHO gibt in ihrem Bericht einen Überblick über die gentechnisch veränderten Pflanzen mit Herbizidtoleranz und Insektenresistenz, die derzeit auf dem Markt sind. Zukünftiges Potenzial sieht sie in der Entwicklung von Pflanzen mit verbesserten Inhaltsstoffen und nennt hier u. a. den "Golden Rice" und die Entwicklung eines "High-iron Rice" (Reis mit hohem Eisengehalt). Toleranzen gegenüber Trockenheit, Salz und Aluminium werden gegenwärtig entwickelt. Im Bereich der Tierproduktion verweist die WHO darauf, dass Lachs mit Wachstumshormonen möglicherweise das erste gentechnisch veränderte Tier auf dem Markt sein wird.
Es folgt eine Risikoanalyse gentechnisch veränderter Organismen und ihrer Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Die WHO stellt hierzu fest, dass die derzeit auf dem Markt befindlichen gentechnisch veränderten Nahrungsmittel umfangreich getestet wurden und es nicht wahrscheinlich ist, dass sie andere Risiken für die Gesundheit bergen als konventionell hergestellte Lebensmittel. Ungewollte Effekte wie den erhöhten Gehalt von toxischen Inhaltsstoffen — beispielsweise durch Genstillegung, Umwelteinwirkungen oder Positionseffekte — gibt es auch bei konventioneller Züchtung. Den horizontalen Gentransfer hält die WHO für einen seltenen Vorgang, der aber nicht endgültig ausgeschlossen werden kann. Deshalb empfiehlt sie, bei der Sicherheitsforschung vorsichtigerweise davon auszugehen, dass DNA-Fragmente im menschlichen Verdauungstrakt von der Mikroflora oder von somatischen Zellen aufgenommen werden können, und auf die Verwendung von Antibiotika-Resistenzgenen zu verzichten. Bei Allergien wird auf das Beispiel der Sojabohne mit Paranussgen verwiesen: Werden neue Gene in Nahrungsmittel gebracht, steigt das Allergierisiko. Während beim Paranussgen die Allergenität bekannt war, könnte es schwierig sein, die Allergenität von gänzlich neuartigen Proteinen zu erkennen.
Im Bereich der Umwelteinwirkungen werden verschiedene Aspekte diskutiert, etwa die Einsparung von Chemikalien in der Landwirtschaft bzw. von Chemikalien und Abwässern im Industriebereich, die Introgression (das Eindringen von Genen einer Population in den Genbestand einer anderen) transgener DNA in mexikanische Landrassen von Mais, der StarLink-Fall, der Fall des Monarchschmetterlings und die umfangreichen Studien in England zur Auswirkung von GV-Pflanzen auf die Biodiversität, die auf dem weltweit größten Freilandexperiment beruhen.
Entwicklungsländer müssen eigene Kompetenz erwerben. Dabei brauchen sie Spezialisten, die Erfahrung mit Gentechnik haben und der Regierung dabei helfen, Gesetze und Regelungen für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen zu entwickeln. Organisationen wie WHO, FAO und UNEP sollten ihre Anstrengungen in dieser Hinsicht koordinieren. Entwicklungsländer betreiben bereits eigene Forschung: Mehr als 40 Pflanzen sind derzeit im Fokus öffentlicher Forschungseinrichtungen von 15 Entwicklungsländern, darunter Reis, Kartoffeln, Mais, Soja, Tomaten, Bananen und Papaya. Die meisten dieser Entwicklungen sind jedoch nicht patentrechtlich geschützt, weil die Forscher entweder gar nicht um diese Möglichkeit wissen oder ein Patentschutz in den USA oder der EU sehr teuer ist. Die Frage der Rechte an genetischen Ressourcen wurde 2001 mit dem "International Treaty on Plant Genetic Resources" geregelt.
Soziale und ethische Bedenken gegen die grüne Gentechnik gehen nicht primär auf Nichtwissen zurück. Die kritische Öffentlichkeit kennt die Gefahren aber auch die Chancen der Gentechnik — ein absolutes Nullrisiko wird nicht verlangt. Trotzdem werden die Methoden der Gentechnik als über die natürlichen Grenzen hinausgehend empfunden. Kulturelle und soziale Hintergründe sind die Ursache für die sehr unterschiedlichen Regelungen in Bezug auf die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel und die Koexistenz. Eine internationale Harmonisierung ist hier kaum zu erreichen. Die WHO weist zudem darauf hin, dass eine Kennzeichnung die Behörden nicht von Risikoanalysen und Entscheidungsprozessen befreit.
Brigitte Engelhard, CUGC
4. Juli 05