4. Quartal 2004
Immer mehr Übergewichtige
Neue Erkenntnisse können Vorbeugung und Therapie verbessern
Immer mehr Menschen sind zu dick und besitzen daher erhöhte Morbiditäten (z. B. Diabetes, Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin) und Mortalitäten (z. B. Herzinfarkt oder Schlaganfall). Dieser unerfreuliche Trend lässt sich praktisch in allen Gesellschaften nachweisen, in denen es ein Überangebot an Nahrung gibt. Grundsätzlich kann man das damit erklären, dass sich der Mensch als Produkt einer Evolution von vielen tausend Jahren zu einem guten Nahrungsverwerter entwickelt hat. In den letzten Jahrhunderten gab es regelmäßig Hungersnöte, in denen die guten Nahrungsverwerter gegenüber den schlechten einen erheblichen Selektionsvorteil hatten. Da Menschen, die wegen ihrer genetischen Ausstattung viel Nahrung benötigten, um ihren Körper zu erhalten, in Hungerperioden eher starben, nahm in der Gesamtbevölkerung der Anteil der Gene ab, die eine schlechte Nahrungsverwertung bedingen. In den letzten Jahrzehnten sind Lebensmittel immer leichter verfügbar geworden; sie wurden billiger und ihr Energiegehalt stieg (z. B. Fast Food). Mit diesem Angebot kommen die meisten Menschen nur noch schlecht zurecht, sie essen zu viel und werden zu dick. In den USA gilt bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung als übergewichtig. In letzter Zeit ist das vermehrt auch bei Kindern zu beobachten. Den Trend verstärkt auch, dass sich die Menschen weniger bewegen (z. B. Fernsehen und Computerspiele statt Spiel und Sport).
Wissenschaftler, Ärzte sowie Gesundheits- und Sozialpolitiker sind sich weitgehend einig, dass es höchste Zeit ist, gegen diese Entwicklung vorzugehen. Selbst ein internationaler Lebens- und Krankenrückversicherer hat sich in den USA an die Öffentlichkeit gewandt, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Dabei wurde auch auf die Möglichkeit von risikoadäquateren — in der Regel höheren — Prämien hingewiesen.
Beim Versuch, die Fettleibigkeitsepidemie einzudämmen, kämpft die Menschheit gewissermaßen gegen ihre eigene genetische Ausstattung. In den letzten Jahren ist immer klarer geworden, dass Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Übergewicht genetisch zusammenhängen. Die Ursachen dieser Störungen sind ungefähr zur Hälfte genetisch. Allerdings sind genetische Ursachen schwer von nichtgenetischen abzugrenzen, da auch komplexe Vorgänge wie Essverhalten, Sättigungsgefühl, körperliche Aktivität teilweise genetisch bestimmt sind. Mittlerweile sind 340 Gene bekannt, die an der Gewichtsregulierung beteiligt sind, wovon die meisten tendenziell dick machen. Kürzlich wurde z. B. ein Gen (S6 Kinase 1) beschrieben, dessen Inaktivierung vor Übergewicht und Diabetes schützt. Es gibt jedoch auch einige Gene, die protektiv wirken und somit das Risiko vermindern.
Es ist jedem bekannt, dass Diäten häufig scheitern, wofür oft die Patienten bzw. deren Verhalten verantwortlich gemacht werden. Wenn Übergewichtige Aussagen treffen wie "ich kann mich nicht zu Sport aufraffen" oder "ich kann keinem Essen widerstehen", dann beschreiben sie ein Verhaltensmuster, das anscheinend doch nicht nur erlernt, sondern zumindest auch partiell genetisch bedingt ist. Man weiß heute, dass bei Übergewichtigen zum Teil Gene verändert sind, die Verhalten und Empfindungen steuern (z. B. Stoffwechsel von Neurotransmittern).
Solche Veränderungen (drug targets) zu kennen ist im Einzelfall hilfreich, um eine geeignete Therapie zu entwerfen; sie werden auch von der Pharmaindustrie ins Visier genommen, um wirksame Medikamente zu entwickeln. Die französische Firma Sanofi-Aventis testet an 13.000 Probanden eine "Wunderpille" (Rimonabant), die nicht nur zu Gewichtsabnahme führen soll, sondern auch noch zum Beenden des Rauchens.
Wie meistens in der Medizin verspricht auch gegen Übergewicht die Prävention mehr Erfolg als eine Therapie. Ziel ist es, erst gar nicht übergewichtig zu werden, womit man logischerweise schon in der Kindheit beginnen sollte.