4. Quartal 2004
Impfung gegen das Rauchen
Die amerikanische Biotech-Firma Nabi Biopharmaceuticals berichtete kürzlich, dass 33 % der Raucher, die den Nikotinimpfstoff NicVax in einem klinischen Versuch der Phase II erhalten hatten, das Rauchen für mindestens 30 Tage erfolgreich einstellten. In der Placebogruppe verzichteten nur 9 % auf die Zigarette.
In einer Presseerklärung gab Nabi Biopharmaceuticals bekannt, dass die Raucher, welche die höchste Dosis des Impfstoffs erhielten, ihren durchschnittlichen Zigarettenkonsum erheblich verringerten im Vergleich zu den Rauchern, die niedrigere Dosen oder Placebos bekamen. Das Einstellen des Rauchens wurde durch die Untersuchung von biochemischen Markern des Rauchens (Cotinin und Kohlenmonoxid) bestätigt.
Der Impfstoff, der den Probanden durch vier Injektionen über einen Sechsmonatszeitraum verabreicht wurde, besteht aus einem bakteriellen Protein, an das Nikotin angebracht wird. Diese Konstruktion ist nötig, um das Immunsystem überhaupt auf Nikotin aufmerksam zu machen. Einzelne Nikotinmoleküle werden vom Immunsystem nicht als fremd oder gefährlich wahrgenommen.
Das an Protein gebundene Nikotin hingegen stimuliert den Organismus des Geimpften, Antikörper gegen Nikotin zu bilden. Wenn jemand nach erfolgreicher Impfung raucht, fangen die Antikörper das Nikotin in der Blutbahn ab und hindern es daran ins Gehirn zu gelangen. Der dort angesiedelte Suchtmechanismus ist somit unterbrochen.
Der Aktienkurs von Nabi Biopharmaceuticals stieg in den ersten Stunden nach der Veröffentlichung der Daten um 18 %. Allerdings arbeiten auch andere Firmen an der Anti-Nikotin-Impfung (Xenova Group plc und Cytos Biotechnology AG) und Pharmafirmen testen Medikamente gegen das Rauchen, die mit anderen Mechanismen arbeiten.
Auswirkungen:
Die Verfügbarkeit einer potenten Therapie gegen das Rauchen könnte — kombiniert mit den bisherigen Maßnahmen — dieses gesundheitsschädigende Verhalten weitgehend beseitigen. Da Rauchen für einen hohen Anteil an Morbidität und Mortalität verantwortlich ist, würden sich hieraus auch Veränderungen für Kranken- und Lebensversicherungen ergeben. (1994 führte eine Untersuchung in Louisiana ein Viertel aller Todesfälle auf das Rauchen zurück. Die Betroffenen hätte dies jeweils 13 Jahre ihres Lebens gekostet.) Die Häufigkeit von Lungenkrebs, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, ischämischer Herzerkrankung, Herzinfarkt, Schlaganfall, "Raucherbein" u. a. würde sinken. Morbidität und Mortalität würden sich in höhere Alter verschieben, was volkswirtschaftlich günstig wäre, da Raucher oft noch im berufstätigen Alter erkranken. Dies trifft analog für Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen zu.