4. Quartal 2004
Koexistenz — Wo fängt sie an, wo hört sie auf?
Koexistenz wird oft vor allem im Zusammenhang mit dem landwirtschaftlichen Anbau gesehen - gentechnisch veränderte Pollen, die in ein benachbartes konventionelles oder Ökofeld fliegen und die dortigen Pflanzen "verunreinigen". Und mit dem Haftungsproblem, das dadurch entsteht: Wer entschädigt den konventionellen bzw. Ökobauern für Verluste, die er hinnehmen muss, wenn er seine Ware als gentechnisch verändert kennzeichnen muss und eine Preisdifferenz erleidet?
Koexistenz beziehungsweise die Einhaltung der vorgegebenen Grenzwerte hängt aber nicht nur vom Abstand des Genfeldes zum konventionellen oder Ökofeld ab. Eine Vielzahl von Faktoren spielt dabei eine Rolle:
Koexistenz beginnt bei der Vermischung von Samen beim Saatguthersteller. Auch während der Bodenbearbeitung kann Erde (mit gentechnisch veränderten Samen) mit den Maschinen von einem Acker zum anderen getragen werden. Samen einer gentechnisch veränderten Vorfrucht können zudem im nächsten Jahr auskeimen und zusammen mit der neuen Frucht geerntet werden.
Beim Anbau spielt der Pollentransfer durch Wind und Insekten eine Rolle. Der Pollentransfer via Wind wird beeinflusst vom Abstand zum Nachbarfeld, aber auch von der Feldgröße, von der Anzahl umliegender Felder, von Pollenbarrieren wie Hecken und Baumreihen, von der Topographie sowie von der Windstärke. Der Pollentransfer via Insekten wiederum wird beeinflusst von der Anzahl der Insekten, ihrem Verhalten, ihrer Verteilung und ihrer Pollentransportkapazität.
Bei der Ernte, im Lager und während des Transports sowie bei der Verarbeitung kann es erneut zu Vermischungen und Verunreinigungen kommen.
All diese Faktoren führen dazu, dass eine absolute Nulltoleranz nicht einhaltbar ist und dass man keine Entfernung angeben kann, bei der garantiert keine Vermischung mehr stattfindet.