Gentech-Information

Ausgewählte versicherungsrelevante Beiträge rund um das Thema Gentechnologie.

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2. Quartal 2004

Biobanken verbessern die Forschung der Volkskrankheiten

Groß war der Enthusiasmus unter Genetikern und noch größer in den Medien, als im Jahr 2001 der genetische Code des Menschen identifiziert wurde. Optimisten erwarteten, dass mittelfristig alle genetischen Ursachen der Volkskrankheiten Herzinfarkt, Krebs, Schlaganfall, Depression usw. entdeckt sein würden. Damit wären sie vorhersagbar geworden, was wiederum massive Antiselektion bei Personenversicherungen ermöglicht hätte.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass diese Prognosen viel zu optimistisch waren. Die Entstehung der Volkskrankheiten ist sehr kompliziert; in der Regel wirken dabei viele schwache genetische und nichtgenetische Faktoren zusammen. Im Jahr 2004 gibt es für die Volkskrankheiten praktisch kaum reproduzierbare genetische Faktoren, deren Risiko größer wäre als das des Rauchens.

Allerdings wurden mittlerweile sehr viele genetische Faktoren identifiziert, von denen bekannt ist, dass sie Krankheitsrisiken im Bereich 1,5 erhöhen. Manchmal steigern diese genetischen Varianten das Risiko aber auch nur um den Faktor 1,2. Was man überhaupt nicht weiß, ist, wie sie zusammenspielen. Es existieren sowohl Varianten, die bei Rauchern das Krebsrisiko senken, als auch solche, die es vergrößern. Manche tragen additiv zum Gesamtrisiko bei, andere wirken multiplikativ.

Ebenso können genetische Veränderungen gleichzeitig das Risiko für eine Erkrankung erhöhen und für eine andere vermindern. Zudem interagieren genetische Risikofaktoren selbstverständlich nicht nur untereinander, sondern auch mit Umweltfaktoren.

Die Frage, die Genetiker heute beschäftigt, lautet: Wie erforschen wir dieses Chaos? Eine Antwort darauf sind Biobanken.

Biobanken werden derzeit rund um den Globus an verschiedenen Stellen gegründet.

Der Veteran der Biobanken ist das isländische Genomprojekt, dessen Strategie es ist, genetische Varianten aufzuspüren, die Volkskrankheiten verursachen. Die isländische Bevölkerung ist klein und lässt sich auf einige wenige eingewanderte Wikinger zurückführen. Außerdem sind dort traditionell hervorragend dokumentierte Familienstammbäume vorhanden und das Gesundheitswesen ist hochentwickelt.

Knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung wurde mittlerweile genetisch untersucht. Unter anderem konnten Genveränderungen für Herzinfarkt, Schlaganfall, Knochenschwund und Schizophrenie gefunden werden. Die Rechte, mit diesem Wissen neue Medikamente zu entwickeln, hat sich der schweizerische Pharmakonzern Hoffmann-La Roche gesichert.

Estland wollte Island mit noch mehr Probanden übertreffen, kommt aber seit Jahren wegen finanzieller Probleme nicht aus den Startblöcken.

In Großbritannien entsteht seit 2002 die größte biomedizinische Datenbank der Welt: UK Biobank will von einer halben Million Teilnehmer, die zwischen 45 und 69 Jahre alt sind, alle medizinischen Daten, Life-Style-Details und biologisches Material (Blutprobe wg. DNA = Erbmaterial; evtl. chirurgisch entfernte Gewebe wg. RNA: Genaktivität) sammeln und sie 10 Jahre lang lückenlos überwachen.

Im Gegensatz zum isländischen Genomprojekt zielt UK Biobank weniger darauf ab, neue Genvarianten zu erkennen, sondern will klären, wie die verschiedenen Risikofaktoren zusammenwirken. UK Biobank hat gute Aussichten, einzelne Risikofaktoren und ihre Kombinationen präziser einzuordnen. Damit wäre dann auch die Möglichkeit verbunden, Krankheiten präziser vorauszusagen.

Da die Informationen des isländischen Projekts nicht öffentlich sind, sondern exklusiv Firmen zur Verfügung stehen (direkt der isländischen Firma Decode Genetics, indirekt deren Kunden, z. B. Hoffmann-La Roche), forderte die Human Genome Organization (HUGO), solche Genetikdatenbanken öffentlich zugänglich zu machen. Mittlerweile gibt es Bestrebungen, einzelne Projekte/Banken zusammenzuführen. Das Public Population Project in Genomics (P3G) will die Informationen aus diesen drei Biobanken vereinen:

  • estnisches Genomprojekt
  • kanadisches Cart@gene (Universitäten in Quebec wollen 1 % der dortigen Bevölkerung zwischen 25 und 74 Jahren - also 60.000 Individuen - auf ihre genetische Variabilität hin untersuchen.)
  • europäisches EuTwin (Universitäten in Skandinavien wollen mit bis zu 800.000 Zwillingspaaren Körpergröße, Übergewicht, Migräne, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Langlebigkeit genetisch aufklären.)

Das P3G würde dann auf die Daten von 2,3 Millionen Personen zurückgreifen. Die Informationen sollen allen Wissenschaftlern kostenlos zur Verfügung stehen, die bestimmte wissenschaftliche und ethische Kriterien erfüllen.