2. Quartal 2004
Biotechnologie in Deutschland: Weiter auf Konsolidierungskurs und nach wie vor führend in Europa
Nach Aussagen von Ernst & Young fassen Investoren wieder mehr Vertrauen
zur Biotechnologiebranche in Deutschland. Dies spiegelt sich in einer steigenden
Investitionsbereitschaft wider: Das Volumen der Wagniskapitalfinanzierung
war 2003 größer als im Vorjahr - und das trotz einer wirtschaftlichen
Stagnationsphase, die seit ca. 2-3 Jahren andauert.
Deutschland hielt auch 2003 eine Spitzenposition innerhalb der europäischen
Biotechnologiebranche. Mit 350 Unternehmen hat Deutschland die meisten
Biotech-Unternehmen in Europa. Der Abgang durch Unternehmensauflösung,
Insolvenz, Übernahme oder Fusion lag bei weniger als 10 %. 23 Neugründungen
konnten hinzugezählt werden. Insgesamt reduzierte sich dadurch die Gesamtanzahl
der deutschen Biotech-Firmen nur um 3 %. Die Zahl der Beschäftigten sank um 14 %
auf rund 11.500 Mitarbeiter und der Gesamtumsatz ging um 5 % auf
960 Millionen Euro zurück.
Der Anteil der Unternehmen, die neben der Produktentwicklung auch
Dienstleistungen anbieten, ist von 36 auf 50 % gestiegen. Über 80 % der
Biotech-Unternehmen in Deutschland beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter. Die
meisten Firmen konzentrieren sich auf die "Rote Gentechnologie", d. h. die
medizinische Anwendung. Des Weiteren liegen Schwerpunkte im Bereich Diagnostika
und Dienstleistungen. Firmen, die sich vornehmlich mit "Grüner Gentechnik" oder
Anwendungen der Gentechnik im Umweltbereich befassen, machen nach wie vor nur
einen Bruchteil aus.
Anderen Berichten zufolge - wie von BIOCOM oder dem Informationssekretariat
Biotechnologie (ISB) der DECHEMA - liegt die Anzahl der Biotech-Firmen um etwa
60 % höher. Der Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass Ernst & Young
eine sehr enge Definition für die Firmen anwendet, die in ihren Report
aufgenommen werden: Dabei handelt es sich vorrangig um Start-up-Firmen, die
moderne Biotechnologie mithilfe von Risikokapital kommerzialisieren.
Damit werden nur Firmen erfasst, die sich ausschließlich auf die Biotechnologie
konzentrieren. Andere Definitionen sind weiter und umfassen alle Firmen, die
vorrangig mit modernen biotechnologischen Verfahren forschen, produzieren und
arbeiten bzw. stark in der modernen biotechnologischen Forschung engagiert sind;
oder deren Hauptgeschäftsfeld im Bereich der modernen Biotechnologie mit
Forschungs- bzw. Produktionsstandort in Deutschland liegt.
Im Vergleich dazu gibt es laut Ernst & Young in Europa insgesamt knapp
1.900 Biotech-Unternehmen, die knapp 78.000 Mitarbeiter beschäftigen.
Überdurchschnittlich stark vertreten sind neben Deutschland das Vereinigte
Königreich, Frankreich, Schweden und die Schweiz. Die Zahl der
Biotech-Unternehmen in den USA stagniert seit 2001 bei rund 1.500.
Die deutsche Biotech-Branche, die im internationalen Vergleich noch relativ jung
ist, kommt zunehmend in die Reifephase: 2004 ist es erstmals einem deutschen
Unternehmen gelungen, für ein biotechnologisches Medikament eine Zulassung zu
erhalten. Dabei handelt es sich um Eligardâ, ein Pharmazeutikum zur Behandlung
von fortgeschrittenem Prostatakrebs der Firma MediGene mit Sitz in Martinsried
und San Diego.
Über 200 weitere Wirkstoffe durchlaufen mittlerweile die Entwicklungspipeline,
das sind nach Ernst & Young 2003 noch einmal 14 % mehr als im Vorjahr.
Bereits in der klinischen Prüfung befinden sich knapp 70 Wirkstoffe. Die
Biotechnologie ist aus Medizin und Pharmazie nicht mehr wegzudenken. Derzeit
beträgt der Umsatz mit solchen Produkten ca. 30 Milliarden US-Dollar weltweit.
Ernst & Young prognostiziert, dass sich dieser bis zum Jahr 2010 verdoppeln
werde.
Die Bundesregierung hat im letzten Jahr einen so genannten
High-Tech-Masterplan aufgelegt und in seinem Rahmen im letzten Herbst ein
100-Millionen-Euro-Investitionsprogramm für junge Technikunternehmen
verabschiedet. Für die Biowissenschaften stellt die Bundesregierung jährlich
mehr als 700 Millionen Euro bereit. Ministerin Bulmahn zufolge gebe es keine
Alternative zu einer starken Biotechnologiebranche in Deutschland. Die
Bundesregierung werde ihren eingeschlagenen Weg weiter gehen.