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Neurowissenschaften: Tiefe Einblicke
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01. Oktober 2012 | Life, Health

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Tiefe Einblicke
Die Hirnforschung steht am Übergang von der Grundlagenforschung zur praktisch-medizinischen Anwendungen. Welches Risikoexposure kommt auf die Versicherer zu?
Neurowissenschaften - Munich Re
Roboter betreuen Pflegebedürftige, Medikamente erhöhen die Denkleistung, Hightech-Messgeräte lesen Gedanken – ist das wirklich bald Realität? Unbestritten ist, dass die massive Zunahme von neurologischen und psychiatrischen Krankheiten in einer alternden Gesellschaft oder die zunehmende Nutzung von Psychopharmaka im Alltag Herausforderungen mit sich bringen, die auch die Assekuranz betreffen. Die Fortschritte in den Neurowissenschaften sowie in der Hirnforschung beeinflussen diese Trends: So könnte eine frühere Entdeckung von Demenzerkrankungen die Schadenlast bei Pflegefallversicherungen erhöhen, eine effizientere Behandlungen von Schlaganfällen mit besseren Rehabilitationsmöglichkeiten würde sich auf die Kranken- und Invaliditätsversicherung auswirken. Darüberhinaus wirft ein verstärktes „Doping am Arbeitsplatz“ durch Psychopharmaka neue Haftungsfragen auf. Im Sinne des „early warning“ müssen sich die Versicherer darauf vorbereiten.

Munich Re beobachtet Trends in der Medizin daher ebenso wie die Fortschritte der Grundlagenforschung genau und steht in engem Kontakt mit Wissenschaftlern. Wie mit Professor John-Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuroscience von der Charité in Berlin, der sich intensiv mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) befasst. Sie ist eine Weiterentwicklung der strukturellen MRT und misst Veränderungen der Durchblutung in den verschiedenen Hirnregionen. Das Verfahren erlaubt es, funktionelle Abläufe im Gehirn in Form von Schnittbilderserien darzustellen und hat das Potenzial, Diagnostik, Prognose und Behandlung von Krankheiten des zentralen Nervensystems zu verbessern.
Erkenntnisgewinne bei bildgebenden Verfahren
Trotz aller technischer Fortschritte bei der Darstellung von Gehirnstrukturen steckt die Nutzung zu Diagnosezwecken noch in den Anfängen. Die fMRT wird auch in naher Zukunft keine klinische Routine werden. Zum einen sind bei einigen Krankheiten wie der Multiplen Sklerose charakteristische Aktivitätsmuster im Gehirn nicht immer eindeutig zu erkennen. Zum anderen fehlen groß angelegte Studien, um kontroll- und behandlungsbedürftige Zufallsbefunde bei der fMRT auszuschließen. Dagegen sind mittelfristig vor allem im Bereich der automatisierten Diagnostik Fortschritte zu erwarten, indem das geschulte Auge des Radiologen bei der Beurteilung von digitalisierten Schnittbildern durch eine Computerauswertung ergänzt wird. Allerdings müssen dazu erst umfangreiche Datenbanken und noch zu entwickelnde Prädiktionsalgorithmen für die verschiedenen Hirnerkrankungen erstellt werden.

Möchte man chronische Schmerzen über die Gehirnaktivitätsmessung beurteilen, stellt sich ein weiteres Problem: Die Vorstellungskraft allein reicht aus, um die gleiche Gehirnaktivität zu erzeugen wie bei einem echten Erlebnis. Auch psychische Modediagnosen wie Burnout können sich allein durch Autosuggestion manifestieren. Bisher gibt es noch keine Studien, die zu dieser Fragestellung fMRT-Daten erhoben haben.
Könnte die Hirnforschung Großkatastrophen verhindern?
Interessant ist für Versicherer sicherlich der Zusammenhang zwischen Hochtechnologie und menschlichem Verhalten, denn zahlreiche Großkatastrophen werden durch menschliches Versagen hervorgerufen. Die Gründe dafür sind vielfältig: etwa sinkende Aufmerksamkeit, mangelndes Systemverständnis, Handlungsfehler, die menschliche Neigung zu Übersteuerung. Doch was im Gehirn passiert, wenn Menschen Kontroll- und Schalteinrichtungen an großtechnischen Anlagen überwachen, ist so komplex, dass es dafür keine spezifische Hirnsignatur gibt, die man mit einem fMRT messen könnte.

Die Neurowissenschaften können mit ihren Forschungsergebnissen hier eher dazu beitragen, die Abläufe im Gehirn besser zu verstehen, um dann beispielsweise die Arbeitsumgebung so zu optimieren, dass die Aufmerksamkeit gar nicht erst abnimmt.
Bewusstseinsveränderungen durch Neuroenhancer schaffen neue Risiken
Bedeutsam könnte für Versicherer das Thema Neuroenhancer werden. Diese Powerpillen für das Gehirn wurden eigentlich für die Therapie verschiedener psychischer und neurologischer Erkrankungen entwickelt. Sie werden allerdings zunehmend auch von Gesunden eingenommen, um die Hirnleistung zu verbessern, die Aufmerksamkeit zu steigern oder die Stimmung aufzuhellen. Welche Nebenwirkungen beim langfristigen Gebrauch auftreten, ist bisher unklar. Da künftig zahlreiche neue Substanzen auf den Markt kommen dürften, besteht ein Risikopotenzial für die Produkthaftpflicht-Versicherung aufgrund von Haftungsfragen wegen Bewusstseinsveränderungen.
Neuroprothesen verbinden Chips mit dem Nervensystem
Neuroprothesen arbeiten an Schnittstellen zwischen Nervensystem und elektronischen Bauteilen. Meist handelt es sich um Elektroden, die Impulse aus dem Nervengewebe zu einem Chip weiterleiten, um ausgefallene Hirnregionen, beispielsweise nach einem Schlaganfall, wieder herzustellen. Eine in der Medizin erfolgreich angewendete sensorische Neuroprothese ist das sogenannte Cochlea-Implantat, das taube Menschen wieder hören lässt. Motorische Neuroprothesen wurden bisher nur in Tierversuchen eingesetzt. Sie könnten einst Personen mit Lähmungen helfen, bestimmte Bewegungsabläufe wieder zu erlernen. Für die Assekuranz werden sich hier vor allem Konsequenzen im Bereich der Produkthaftpflicht und der Krankenversicherungen ergeben.
Achim Regenauer- Munich Re

Munich Re

Unser Experte
Dr. Achim Regenauer ist Chief Medical Director bei Munich Re und zuständig für Medical Consulting, Trend Research.
Was haben wir zu erwarten?
Die neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung beeinflussen die Versicherungswelt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nachhaltig. Doch sobald die Innovationen aus dem Stadium der Grundlagenforschung herauskommen und in die praktische medizinische Anwendung gelangen, werden sie auch für uns relevant. Erste Auswirkungen sind am ehesten im Non-Life-Bereich und dort insbesondere bei der Produkt- und Rückrufhaftpflicht für Hightech-Medizingeräte zu erwarten. In der Kranken- und Pflegeversicherung dürfte mittelfristig eine Risikoexponierung bestehen, wenn sich degenerative Krankheitsbilder wie Parkinson, Demenz und Schlaganfall früher erkennen und wirksamer behandeln lassen. Jedoch wird in den nächsten zehn Jahren für Life wohl keine Exponierung auftreten, sieht man von der Zunahme von Zufallsbefunden ab, die durch die Untersuchung des Gehirns mittels Kernspintomographien entstehen. Langfristig dürften die Fortschritte in Diagnose und Therapie von neurodegenerativen Erkrankungen eine erweiterte Versicherbarkeit mit sich bringen.

Eine ausführliche Fassung dieses Artikels mit zahlreichen Hintergrundinformationen lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Topics Magazin.
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