29. August 2002
Dr. Jörg Schneider, Mitglied des Vorstands Bericht über das erste Halbjahr 2002
Halbjahrespressekonferenz 29. August 2002 der Münchener Rück
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch ich heiße Sie alle sehr herzlich willkommen. Vor einem Jahr, als ich Ihnen zum ersten Mal die Halbjahreszahlen der Münchener-Rück-Gruppe erläutern durfte, lautete das Motto "Wir liegen auf Kurs". Im letzten August war die Welt verglichen mit heute noch fast heil: Ein so verheerendes Verbrechen wie der Anschlag vom 11. September lag außerhalb der Vorstellungskraft fast aller Menschen; die Aktienblase hatte zwar bereits viel von ihrer Luft verloren, der DAX stand aber noch bei 5162; die zahlreichen Bilanzskandale, die Pleiten von Enron und Worldcom, die seither die Finanzwelt erschüttert haben, und die folgenden Einbrüche der Aktienkurse hatte damals noch niemand für möglich gehalten. Heute ist nicht alles, aber doch vieles anders — auch innerhalb der Münchener Rück. Wir sind heftig in Mitleidenschaft gezogen worden. Trotzdem bin ich überzeugt: "Das Schlimmste ist überstanden; wir sind auf dem richtigen Weg."
Das spiegelt sich durchaus schon in unseren Geschäftszahlen für die ersten sechs Monate wider, wenn auch noch überlagert durch einige besondere Einflüsse. Sechs Monate sind für unsere Branche eigentlich kein relevanter Zeitraum. Als Rückversicherer sind wir gewohnt, eher in Jahren und Jahrzehnten zu denken und zu handeln als in Quartalen. Und insofern nehmen wir manches gelassener als unsere Umwelt. Diese — im Kern zuversichtliche — Gelassenheit gepaart mit der nötigen Tatkraft ist derzeit auch vonnöten.
Wer nur einen oberflächlichen Blick auf unsere Halbjahreszahlen wirft, müsste ohnehin eigentlich hochzufrieden sein:
Der Konzernumsatz stieg von 17,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2001 auf 20,4 Milliarden Euro im Berichtszeitraum, davon 9,7 Milliarden Euro im zweiten Quartal. Das ist ein kräftiges Plus von fast 20 %; es kommt vor allem aus der Rückversicherung. Hier allein haben wir das Beitragsvolumen um 30,2 % auf 13,2 Milliarden Euro steigern können, am stärksten erwartungsgemäß in der Schaden/Unfallrückversicherung, nämlich um über 39 % auf 9,8 Milliarden Euro. Wir konnten bei der Erneuerung der Verträge zum 1. Januar 2002 und auch danach beachtliche Preisanpassungen und bessere Bedingungen durchsetzen — die allerdings nach den katastrophalen Ergebnissen der letzten Jahre auch dringend notwendig waren. Und wir haben attraktives Neugeschäft gezeichnet. Unser Portefeuille ist heute qualitativ weitaus besser als in den Vorjahren — das Wachstum ist deshalb umso erfreulicher. Herr Heyd wird anschließend ausführlicher zu den Perspektiven in der Rückversicherung berichten.
Auch in der Erstversicherung sind wir weiterhin auf dem Wachstumspfad. Die Beiträge stiegen im ersten Halbjahr von 7,8 Milliarden Euro auf 8,4 Milliarden Euro — ein Plus von 6,7 %. Am stärksten zugelegt haben wir mit fast 8 % erneut in der Lebensversicherung; es folgen die Schaden- und Unfallversicherung mit 6,4 % und die Krankenversicherung mit 5 % Zuwachs. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche und der Verunsicherung der Verbraucher ist dieses im Wesentlichen organische Wachstum sehr erfreulich.
Das Ergebnis nach Steuern erhöhte sich von 1,3 Milliarden Euro im Vergleichszeitraum des Vorjahres — darin waren bekanntlich 550 Millionen Euro aus der zeitnäheren Bewertung unserer Anteile an der Allianz enthalten — auf einen Rekordgewinn von 4,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2002. Dieser setzt sich zusammen aus einem Gewinn von 4,5 Milliarden Euro im ersten und einem Fehlbetrag von 0,4 Milliarden Euro im zweiten Quartal. Mit dem Halbjahresüberschuss übertreffen wir die Schätzungen der Mehrheit der Analysten; und auch der Verlust im zweiten Quartal fällt kleiner aus als von vielen erwartet.
Zu diesen Ergebnissen haben jedoch in unterschiedliche Richtungen wirkende Einzeleffekte beigetragen, die wirtschaftlich nicht allein der Berichtsperiode zuzuordnen und schon wegen ihrer Größe außergewöhnlich sind:
-
—
Zunächst die bekannte Erhöhung der Schadenrückstellungen um insgesamt 2,5 Milliarden Dollar für unser US-Geschäft sowie den Anschlag auf das World-Trade-Center. Über diese Maßnahmen, die erhebliche Vorsichtskomponenten enthalten, haben wir die Öffentlichkeit und die Aktionäre bereits ausführlich unterrichtet. Nach Steuern belastete diese Vorsorge die Ergebnisrechnung mit 1,8 Milliarden Euro, so dass das zweite Quartal erwartungsgemäß mit einem Fehlbetrag abschloss.
-
—
Hinzu kamen, wie in der Hauptversammlung am 17. Juli bereits angekündigt, hohe Wertberichtigungen auf unsere Wertpapierbestände, insbesondere aufgrund der weltweiten Talfahrt der Aktienkurse. Wir haben Abschreibungen auf Wertpapiere von 1,5 Milliarden Euro vorgenommen, die unterm Strich das Konzernergebnis um 845 Millionen Euro reduzierten, davon 787 Millionen Euro im zweiten Quartal.
-
—
Andererseits hatten wir die schon in den beiden letzten Jahren vorbereiteten Beteiligungstransaktionen mit der Allianz vollzogen und dabei mit der Veräußerung von Aktien der Allianz und der Allianz-Töchter Allianz Leben, Frankfurter Versicherung und Bayerische Versicherungsbank im ersten Halbjahr Gewinne von fast 4,7 Milliarden Euro erzielt, davon 3,8 Milliarden Euro im ersten und 0,9 Milliarden Euro im zweiten Quartal; diese Gewinne waren die Hauptursache für den Anstieg unseres Kapitalanlageergebnisses auf annähernd 9 Milliarden Euro.
Alle diese Einzelmaßnahmen zusammengenommen und saldiert haben das zweite Quartal mit 1,7 Milliarden Euro belastet und unser Halbjahresergebnis, also das Ergebnis beider Quartale zusammengenommen, um 2 Milliarden Euro erhöht. Insofern verstellen die großen Sondereffekte etwas den Blick auf die Tatsache, dass die Qualität unseres Geschäfts — vor allem in der Rückversicherung — heute deutlich besser ist als vor einem Jahr.
Die Schaden-Kosten-Quote in der Rückversicherung betrug im ersten Halbjahr 133,1 %, jedoch ohne die erwähnten Reserveerhöhungen hervorragende 102,0 %; für das Gesamtjahr 2001 lautete die entsprechend bereinigte Vergleichszahl immerhin noch 112,7 %. Unsere Vorgaben für die Underwriter sind ambitioniert; sie orientieren sich am jeweils benötigten Risikokapital und unserer unternehmerischen Zielrendite. Über das Gesamtportfolio betrachtet erfordern sie eine Beschränkung der Schaden- und Kostenbelastung auf die Höhe der vereinnahmten Prämien, also eine Schaden-Kosten-Quote in der Größenordnung von 100 %. Geschäft, das ein solches Ergebnis nicht hergibt, werden wir im Regelfall nicht abschließen bzw. kündigen!
In der Erstversicherung war unser Ergebnis im ersten Halbjahr wegen der schwierigen Situation auf den Kapitalmärkten negativ. Das legt eine etwas genauere Betrachtung nahe: Während der Aktiencrash vom Oktober 1987 eine kurze und heftige, durch die damals auftretende Inflation und den Zinsanstieg bedingte Korrektur darstellte, fallen die Indices seit den historischen Höchstständen im Frühjahr 2000 in Wellenbewegungen in einem hinsichtlich Dauer und Gesamtausmaß in den letzten Jahrzehnten so nicht erlebten Umfang. So hat z.B. der DAX bekanntlich mehr als die Hälfte seines Höchststands von über 8000 Punkten verloren. Auch unsere Tochterunternehmen leiden natürlich unter dem Rückgang der Aktienkurse. Sie stehen aber wegen ihrer traditionell guten Kapitalausstattung noch verhältnismäßig gut da und übertreffen die gesetzlichen Anforderungen an die Kapitalausstattung deutlich. Über eine Anpassung der Gewinnbeteiligung in der Lebensversicherung an das allgemein reduzierte Renditeniveau bzw. an Beitragserhöhungen in der Krankenversicherung werden jedoch auch wir angesichts der objektiven Gegebenheiten nachdenken müssen.
Und damit komme ich zu den Aussichten für das laufende Geschäftsjahr.
Wir erwarten ein deutliches Umsatzplus in der Rückversicherung und in der Erstversicherung. Der Konzernumsatz dürfte um über 10 % auf rund 40 Milliarden Euro steigen. Alle Geschäftbereiche tragen zu diesem Wachstum bei. Und es ist ein gesundes organisches Wachstum.
Das Ergebnis wird auch auf Jahresbasis ganz wesentlich durch die schon erläuterten positiven und negativen Einmaleffekte des ersten Halbjahrs bestimmt werden. Während wir mit der Qualität unseres versicherungstechnischen Geschäfts zufrieden sind, sehen wir an den Aktienmärkten noch immer keine nachhaltige Rückkehr zur Stabilität. Wir können weitere Wertberichtigungen im dritten und vierten Quartal nicht ausschließen, wenn sich die Dinge nicht spürbar zum Besseren wenden. Und wir sind auch über unsere Beteiligungen an Allianz und HVB indirekt betroffen: Bei beiden berücksichtigen wir in unserem Zahlenwerk gemäß IAS-Regeln nicht nur die Dividenden, sondern auch die anteilig auf uns entfallenden Veränderungen in den Eigenkapitalia und Ergebnissen dieser Unternehmen.
Die ohnehin für die Rückversicherung typischen Prognoserisiken in Verbindung mit dem noch immer nervösen Geschehen an den Börsen machen eine auch nur halbwegs verlässliche Vorausschau unmöglich. Angesichts dessen geben wir jetzt keine Ergebnisprojektion für das laufende Geschäftsjahr ab.
Meine Damen und Herren,
ich sagte eingangs, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Noch halten uns zwar die Verwerfungen an den Kapitalmärkten in Atem. Wir sind aber bei vielen wichtigen Themen, die wir in der letzten Zeit angepackt haben, gut vorangekommen:
-
—
Strikte Ertragsorientierung und Wertschaffung für unsere Aktionäre sind selbstverständliche Ziele in allen Einheiten der Gruppe. Der Faktor "Zufall" und lange Abwicklungszeiträume für die übernommenen Haftungen erschweren das Controlling im Versicherungsgewerbe. Wir haben unsere Steuerungs- und Messmethoden noch weiter verbessert, können nun zeitnah und zielgerichtet agieren.
-
—
Wir haben die Probleme bei American Re energisch angepackt und die nötigen Maßnahmen rasch umgesetzt.
-
—
Wir haben konsequent an der weiteren Verbesserung unserer Strukturen gearbeitet und eine Reihe konzernweiter Projekte aufgesetzt, um durch einheitliche Prozesse und Systeme die vorhandenen Synergiepotentiale in der Gruppe noch besser als bisher zu nutzen.
-
—
Wir sind stark und gleichzeitig ertraghaltig gewachsen. Wir haben dadurch unsere Position in vielen Märkten quantitativ und vor allem auch qualitativ verbessert.
Unser Umfeld ist heute nicht mehr so, wie es noch vor zwölf Monaten war. Aber wir sind besser aufgestellt und setzen alles daran, in Zukunft der Entwicklung einen Schritt voraus zu sein. Die Zahlen für das erste Halbjahr enthalten — mit oder ohne Bereinigung um die großen Sondereffekte — bereits deutliche Anzeichen für die Rückkehr zum Erfolgspfad. Wir können uns im gegenwärtigen schwierigen Umfeld gut behaupten. Erst recht werden wir bei einer konjunkturellen Erholung und einer nachhaltigen Besserung an den Aktienmärkten auch weiterhin sehr gute Resultate abliefern können.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
(Es gilt das gesprochene Wort.)