29. August 2002

Stefan Heyd, Mitglied des Vorstands Großschadenszenarien in der Versicherung — Aspekte und Trends

Halbjahrespressekonferenz 29. August 2002 der Münchener Rück

Meine Damen und Herren,

Herr Dr. Schneider hat die maßgeblichen Zahlen und Fakten zur Wachstums- und Ergebnisentwicklung der Münchener-Rück-Gruppe präsentiert. Die Perspektive eines Halbjahresberichts muss naturgemäß eingeschränkt sein — Herr Schneider erwähnte das bereits. Am Beispiel einiger Risikobereiche möchte ich das Zeitfenster öffnen und unsere derzeitige Position in die längere Entwicklung einordnen.

Zunächst zum Thema Naturgefahren mit Schwerpunkt Klimarisiken. Diese Eingrenzung habe ich bewusst gewählt. Tatsächlich gehen von den 34 in den letzten zwei Jahrzehnten bei Elementarereignissen eingetretenen "Milliarden-$-Schäden" nicht weniger als 32 auf das Konto atmosphärischer Einwirkungen. Damit ist eines klar mit Blick auf die Zukunft: Klimarisiken sind bei den Naturgefahren die mit Abstand größten und vor allem häufigsten Schadenpotenziale.

Rückversicherer brauchen mehr noch als andere Finanzdienstleister einen langen Atem und ein langes Gedächtnis. Nur so lassen sich Trendentwicklungen möglichst früh identifizieren und Preise und Bedingungen an Risikoveränderungen anpassen. Fast auf den Tag genau vor 10 Jahren — am 25. August 1992 — fegte der Hurrikan Andrew über den Südosten der Vereinigten Staaten und forderte in der Region zwischen Miami und New Orleans zahlreiche Todesopfer und Verletzte. Mit rd. 17 Mrd. US$ ist er für die internationale Assekuranz bis heute der teuerste Sturm aller Zeiten. Entsprechend groß und anhaltend war damals seine Publizität, zumal der Hurrikan den Höhepunkt einer ganzen Reihe dicht aufeinander folgender ähnlicher Ereignisse darstellte. Demgegenüber schienen die Folgejahre weniger spektakulär betroffen; die Nachrichten jedenfalls suggerierten eine Art Entspannung der Situation. Als Rückversicherer, der seinerzeit für Andrew rund 500 Mio. DM aufzuwenden hatte, wussten wir es aufgrund unserer Statistiken besser und wir haben auch in der Öffentlichkeit mit unserer Botschaft nicht zurückgehalten. Und die lautet nach wie vor: Die Bedrohung durch Klimarisiken steigt weiter an, und zwar exponentiell und weltweit — auch in Zonen, die früher als gemäßigt galten. Dabei steigen die versicherten Schäden erheblich stärker als die volkswirtschaftlichen Schäden. Dies ist vor allem durch eine zunehmende Versicherungsdichte und die fortschreitende Wertekonzentration in besonders gefährdeten Gebieten begründet.

Heute stehen wir unter dem Eindruck der Flutkatastrophen im laufenden Monat. Trotz der schwerwiegenden Ereignisse wird sich die gesamte finanzielle Belastung für die Assekuranz aller Voraussicht nach in überschaubaren Grenzen halten; der Grund ist die regional sehr unterschiedliche, insgesamt aber vergleichsweise geringe Dichte an entsprechenden Überschwemmungsdeckungen. Für die Münchener-Rück-Gruppe rechnen wir nach derzeitigem Stand mit Schadenbelastungen in einer mittleren dreistelligen Millionen-Größenordnung, die nach derzeitigem Kenntnisstand unter 500 Mio. Euro liegen wird.

In den Medien werden die Überschwemmungen häufig als außergewöhnliches Geschehen hervorgehoben. Rein statistisch gesehen ist es auch durchaus berechtigt, von einem "Jahrhundertereignis" zu sprechen. Doch gilt dieser Maßstab künftig noch? Die Münchener Rück hat immer wieder klargestellt: Der immer noch zu hohe Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen führt neben anderen Konsequenzen zu einer generellen Verstärkung der Niederschläge. Die Zunahme von Starkregenfällen ist eine unmittelbare Folge der anhaltend steigenden Durchschnittstemperatur weltweit. Mit ihnen und den zuvor genannten steigenden Schadenpotenzialen für die Assekuranz müssen wir heute und in Zukunft rechnen.

Dennoch: Auch in der Zukunft wird die Münchener Rück einen ganz bedeutenden Teil ihrer Kapazität für die Rückversicherung von Katastrophenschäden zur Verfügung stellen. Wir sind davon überzeugt, dass dies bei technisch sauberem Underwriting, das heißt bei risikoadäquaten Prämien und Bedingungen, ein ertragbringendes Geschäftsfeld sein kann. Aber natürlich haben wir unsere Haftungen strikt budgetiert. Wir müssen uns bewusst sein, dass Sturmszenarien mit möglichen Schäden für die Assekuranz in der Größenordnung von 100 Milliarden US$ jederzeit Realität werden können — zum Beispiel in den USA und in Mitteleuropa — und wir müssen entsprechend kalkulieren.

Mein nächster Punkt: World-Trade-Center. Dieses auch für Risikoexperten nicht voraussehbare Ereignis hat die Bilanzen sämtlicher internationaler Versicherer stark belastet. Für unsere Gruppe haben wir über alle Branchen mit 2,6 Milliarden $ vorgesorgt und liegen damit nach unserer Einschätzung auf der sicheren Seite. In diesem Betrag sind auch IBNR-Schäden enthalten, also Rückstellungen für mögliche Belastungen aus Schäden vor allem im Betriebsunterbrechungs- und Haftpflichtbereich, die uns noch nicht gemeldet sind. Bemerkenswert ist in diesem konkreten Fall die Abwicklungsdauer der Rückstellungen. Die Auszahlungen werden sich wegen der Komplexität der Schadenerfassung erheblich länger hinziehen, als ursprünglich anzunehmen war, für Sachschäden beispielsweise nach derzeitiger Erkenntnis bis in das Jahr 2004 hinein. Für den Bereich Luftfahrt gehen wir davon aus, dass weit über diesen Zeitpunkt hinaus reguliert wird.

Wie schon Herr Schneider ausführte: Die Erneuerungen des Vertragsgeschäfts in der Rückversicherung zum 1. Januar und seither sowie übrigens auch die vieler Originalpolicen in der Erstversicherung brachten den Risikoträgern in aller Regel erheblich günstigere Bedingungen als früher. Das war nicht nur eine Frage der Preise. So konnten wir zum Beispiel die Deckung von Terror in unserem Portefeuille massiv reduzieren. Die verbleibenden Deckungen lassen sich im Rahmen einer Budgetierung aus finanzieller Sicht kontrollieren. Ein weiteres Beispiel für Bedingungsverbesserungen aus Sicht der Anbieter kommt aus dem Bereich Autohaftpflicht: In vielen Ländern gibt es hierfür bisher eine unbegrenzte Deckung. Wir arbeiten nicht erst seit dem spektakulären Unfall in Selby / Großbritannien mit Hochdruck daran, auch in diesem Bereich klar definierte maximale Haftungen einzuführen, so wie dies in anderen Sparten üblich ist.

Zur Entwicklung der Preise: Bei den Erneuerungen zum 1. Juli, die zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in den USA, in Australien und in Lateinamerika stattfanden, ist es uns gelungen, weiter deutliche Erhöhungen der Rückversicherungsprämien zu erreichen. Den skizzierten Trendumschwung hat dabei nicht der 11. September herbeigeführt, aber er hat ihn beschleunigt. Gelegentliche Kritik an der Assekuranz in diesem Zusammenhang übersieht das Wesentliche: Die Erhöhung des Prämienniveaus und die Verbesserung der Bedingungen waren längst überfällig, vor allem um in der Gewerbe- und Industrieversicherung aus einer hoch defizitären Lage herauszukommen. Anlageerträge und Kursgewinne stehen zins- und börsenbedingt schon seit einiger Zeit nicht mehr zur Verfügung, um tiefrote technische Resultate zu kompensieren. Insbesondere große Gesellschaften, die bei exponierten Risiken als Marktführer agieren, waren gezwungen, ihre Sanierungsprogramme rasch und umfassend umzusetzen. Bei uns in Deutschland zum Beispiel lag noch zu Ende des letzten Jahres das Beitragsniveau in der Feuer-Industrieversicherung so weit unter der Bedarfsprämie, dass in vielen Fällen eine Verdoppelung der Beiträge und teilweise sogar mehr erforderlich gewesen wäre, um wieder in die Rentabilitätszone zu kommen. In vielen anderen Märkten und Branchen ist die Situation kaum anders. Hinzu kommt, dass durch die gebremste Konjunkturentwicklung die Risikoexponierung in manchen Bereichen ansteigt, zum Beispiel in der Kreditversicherung. Ein jahrelang gewachsener Nachholbedarf läßt sich — zumindest über den gesamten Bestand gesehen — nicht in einer einzigen Erneuerungsrunde korrigieren. Das heißt, unsere Anstrengungen für eine weitere Verbesserung der Preise und Bedingungen der Rückversicherungsdeckungen werden wir auch in den kommenden Jahren fortsetzen

Ein weiteres Problemfeld sind Substanzen, Produkte, Fertigungstechniken oder allgemein Technologien, die zunächst als unschädlich eingestuft werden, sich jedoch nach längerer Zeit der Verarbeitung und Anwendung als höchst schädlich erweisen. Wer mag zum Beispiel sagen, welche negativen Veränderungen neben den Chancen die Gentechnologie mit sich bringt. Unsere Aufgabe ist es, diese Chancen und Probleme neuer Technologien und Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und für unser Geschäft zu bewerten. Dafür bringen wir mit unseren Experten die besten Voraussetzungen mit.

Wir haben in aller Kürze über komplexe Themenfelder gesprochen: von den Natur- und Terrorrisiken, über Veränderungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfelds bis hin zu technologischen Neuerungen. All diese Themen lassen sich unter dem Stichwort des Änderungsrisikos zusammenfassen. Die Änderungsdynamik betrifft alle Risikobereiche und Regionen dieser Welt. Für einen Rückversicherer steigt damit das Risiko, dass Haftungen aus den verschiedenen Bereichen kumulieren. Zusammen mit der Bewältigung der Veränderungsdynamik als solcher sind diese Haftungskumule zweifellos die anspruchsvollste Herausforderung an das Risk Management für den Rückversicherer heute. Die Aufgaben, die sich dadurch stellen, sind in der Tat nicht einfach. Ein effizientes Risk Management erfordert vom Rückversicherer zunehmend, Risikokomplexe zu budgetieren sowie Haftungs- und Rentabilitätskontrollen auszubauen. Letzten Endes heißt das für uns, Produktentwicklung, Portefeuilleplanung, Preisgestaltung und Informationsvoraussetzungen den rapide wachsenden Ansprüchen anzupassen. Die Münchener Rück als weltweit führender Rückversicherer besitzt die Instrumente und erarbeitet die innovativen Konzepte, um auch solche anspruchsvollen Aufgaben erfolgreich zu lösen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Es gilt das gesprochene Wort.)