30. August 2001

Referat Dr. Wolf Otto Bauer in der Pressekonferenz 30. August 2001 (Präsentation der Halbjahreszahlen) zum Thema Nichtlebensrückversicherung

Anstieg der Schaden-Kosten-Quoten in der Nichtlebensrückversicherung auf hohem Niveau gestoppt, aber höhere Beiträge zur Finanzierung des großen Schadenpotenzials unumgänglich

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach diesem Überblick meines Kollegen Dr. Schneider über Zahlen, Daten, Fakten der Münchener-Rück-Gruppe gehe ich noch etwas näher ein auf unser nach wie vor größtes Geschäftsfeld Rückversicherung, und hier insbesondere auf die Nichtlebensrückversicherung, in der wir weltweit mit Abstand Marktführer sind. Der größte Teil der Rückversicherungsverträge läuft hier jeweils ein Jahr, und zwar mit dem Kalenderjahr; die Erneuerung dieser Verträge steht daher in den nächsten Monaten an. Die Tendenz: Der Markt verändert sich weiter; Rückversicherer, die große Qualität und unangefochtene Sicherheit bieten, sind mehr denn je gesucht. Diese Tendenz am Markt sollte es ermöglichen, auch in der bevorstehenden Erneuerungsrunde risikogerechtere Konditionen durchzusetzen. Wir werden das Unsere dazu tun, dass sich der "Trend zur Vernunft" am Rückversicherungsmarkt weiter verstärkt.

In der Nichtlebensrückversicherung nahm unsere Gruppe im ersten Halbjahr 2001 Beiträge von mehr als 7 Milliarden Euro ein, im Bereich Leben/Kranken gut 3 Milliarden Euro. Was tun wir, um in der Nichtlebensrückversicherung, in der unter anderem die Industrie-Sach- und Haftpflichtversicherungen, Naturkatastrophenrisiken, Luftfahrt- und Transportpolicen rückversichert sind, die Ergebnisse zu verbessern respektive zu schützen? Zunächst aber: Wo stehen wir heute mit unseren Ergebnissen?

Die Schaden-Kosten-Quote ist ein probates Mittel, die versicherungstechnische Ertragssituation eines Versicherers zu verdeutlichen. Eine Schaden-Kosten-Quote von, sagen wir, 110 Prozent bedeutet etwas vergröbert: Für jeden Euro Beitragseinnahme werden 110 Cent aufgewandt für Schäden und Kosten. Natürlich ist kein Versicherungsunternehmen in der Lage, dieses Defizit auf Dauer zu finanzieren, auch nicht aus Kapitalerträgen, zumal — wie derzeit — wenn das Zinsniveau weit abgesunken ist und wenige oder keine Gewinne an den Börsen zu realisieren sind. Ungeachtet unserer Bewertungsreserven gilt auch für die Rückversicherer unserer Gruppe: Im Wettbewerb um das Geld und das Vertrauen der Kapitalmärkte können wir nur bestehen, wenn wir risikogerechte, auskömmliche Einnahmen erzielen. Für die anstehenden Verhandlungen heißt das: Wir möchten und werden schlecht tarifiertes durch risikogerecht tarifiertes Geschäft ersetzen.

Dabei sind wir auf einem guten Kurs. Unsere Schaden-Kosten-Quoten sind nicht mehr gestiegen: Von 115,3 Prozent im Geschäftsjahr 2000 sind sie gesunken über 112,1 Prozent im ersten Quartal 2001 auf 110,3 Prozent im ersten Halbjahr 2001; in diesen Zahlen sind jeweils etwa 2 Prozentpunkte für Naturkatastrophenschäden enthalten. Sie sehen also: Die Richtung stimmt, aber das Ziel ist noch nicht annähernd erreicht. Und ein stark schadenbefrachtetes Jahr wie 1999 mahnt, nicht zuletzt auch mit höheren Belastungen in einzelnen Jahren zu rechnen — zum Beispiel aus Naturkatastrophen. Wir möchten daher im laufenden Geschäftsjahr insgesamt eine Schaden-Kosten-Quote von 107 bis 108 Prozent erreichen, um über diese Zwischenstation im mehrjährigen Durchschnitt auf Relationen unter 105 Prozent zu kommen. Was tun wir zu diesem Zweck?

  • Jedes Geschäftsfeld wird entsprechend seiner Gewinnhaltigkeit und seinen inhärenten Risiken behandelt. Wir haben unseren Underwritern klare Rentabilitätsvorgaben gegeben. Die seit Mitte des Jahres geltende neue Struktur im Rückversicherungsgeschäft der Münchener Rück verstärkt die Ergebnisverantwortlichkeit der Mitarbeiter.
  • Die in den letzten Jahren markant verbesserten Möglichkeiten der EDV lassen es zu, die Geschäftsbeziehungen zu einem Zedenten oder Makler noch besser individuell zu analysieren. Auf dieser Basis können wir individuell handeln, notwendige Verbesserungen vornehmen und das Portefeuille gezielt bereinigen.
  • Auch sind wir heute in der Lage, intern sehr exakt die Kosten unseres Rückversicherungsschutzes zu kalkulieren, einschließlich einer angemessenen Verzinsung auf das ins Risiko gesetzte Kapital. So müssen wir für einen volatilen Verlauf der Rückversicherung vorsorgen, vor allem für Naturkatastrophen und Größtschäden. In der Übernahme von Schwankungen liegt ein Gutteil unserer Leistung für unsere Kunden.

Was tun wir zusätzlich, um unsere Ergebnisse zu schützen? Wir übernehmen Risiken beziehungsweise decken Portefeuilles sehr selektiv. Voraussetzung ist ein hohes Maß an Transparenz, also nicht zuletzt an Informationen, damit unsere Experten die Haftungen in jeder Hinsicht einschätzen können. Angesichts des steigenden Schadenpotenzials nehmen wir unsere Haftungen und ihre Begrenzungen akribisch unter die Lupe. Wir verfolgen und untersuchen die großen Schaden-Trends, sei dies im Bereich klimatischer Entwicklungen, wo auch Sie uns dankenswerterweise häufig als Ansprechpartner nutzen, oder im Bereich der Informationstechnik. Unsere Underwriter — dieses Berufsbild ist ja mittlerweile auch in das Interesse der Medien gerückt — untersuchen Risiken letztlich auf ihre Rückversicherbarkeit. Versicherbarkeit ist zwar eine Grundsatzfrage, aber häufig auch "nur" ein Thema risikogerechter Preise und Bedingungen. Diese zu erreichen und damit Rückversicherbarkeit sicherzustellen — daran arbeiten wir mit großen Nachdruck, ich möchte es noch einmal betonen.

Des Weiteren schützen wir unsere Ergebnisse und auch die ständige Erfüllbarkeit unserer Verpflichtungen gegenüber den Kunden durch eine intelligente Retrozession, also durch Platzierung von Teilen der von uns gezeichneten Risiken im internationalen Versicherungsmarkt. Wo der Retrozessionsmarkt nicht ausreicht, erschließen wir uns weitere Möglichkeiten, zum Beispiel durch kreative Deckungen, die wir im Kapitalmarkt platzieren. Zwei jüngere Beispiele unserer Aktivität auf diesem Gebiet sind die Anfang des Jahres platzierten Naturkatastrophenbonds, mit denen wir uns von Erdbeben- und Sturmrisiken in den USA und in Europa entlasten, sowie die Derivatdeckung für das Risiko, dass die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr wegen starker Erdbeben in Japan ausfallen, abgebrochen oder verschoben werden müsste.

Risiken, meine Damen und Herren, begegnet man überall. Ob dies nun eine Hagelwalze ist, wie sie kürzlich wieder zu beachtlichen Schäden geführt hat — diesmal im Bayerischen Oberland -, ob es ein Autohaftpflichtschaden ist, wie der von Selby, der in unseren Akten nicht einmal zu den ungewöhnlichsten Fällen zählt, oder der Absturz einer Concorde: Menschen und Unternehmen möchten und sollen die finanziellen Folgen von Risiken auf ihre Versicherer abwälzen. Diese sind zur Risikotragung aber nur in der Lage, wenn sie den Risikotransfer effizient organisieren und gleichzeitig den adäquaten Preis für Risiko und Dienstleistung erhalten. Auch für die Rückversicherer muss ein solches angemessenes Preisniveau wieder erreicht werden. Der Weg dorthin ist begonnen, wir sind aber noch nicht am Ziel. Wir sind zuversichtlich, weitere Meilensteine zu erreichen und schon bei der nächsten Bilanzpressekonferenz über weitere Fortschritte zu berichten.

(Es gilt das gesprochene Wort.)